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Interview: Marie Kreutzer mit Gentle Monster

Monster, so zeigt Marie Kreutzers neuer Film, erkennt man nicht immer als solche. Philip (Laurence Rupp) ist Ehemann, Vater, der Mann, mit dem Lucy (Léa Seydoux) seit vielen Jahren ihr Leben teilt und den sie zu kennen glaubt. Bis die Polizei gegen ihn wegen des Besitzes und der Verbreitung von Kindermissbrauchsdarstellungen ermittelt und Lucy alles infrage stellen muss, was sie über ihren Mann zu wissen glaubte. Von einem Moment auf den anderen steht ein ganzes gemeinsames Leben unter Verdacht. Der Stoff lässt unweigerlich an den Fall Florian Teichtmeister denken, ausgerechnet den Hauptdarsteller von Kreutzers letztem Film Corsage. Doch die Parallele ist Zufall: An Gentle Monster arbeitete Kreutzer bereits seit 2020, lange bevor die Vorwürfe gegen Teichtmeister öffentlich wurden. 

Nach seiner Uraufführung im Wettbewerb von Cannes im Mai kommt Kreutzers Film dieser Tage in die Kinos. Die 49-jährige Regisseurin ist in Amerika unterwegs, wo rund um den Film  Termine anstehen – und nimmt sich zwischendurch trotzdem Zeit für uns

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Carina Dieringer
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6 min

Tv-Media: Lucy erfährt etwas über ihren Mann, das ihr gesamtes Leben in ein anderes Licht rückt. Glauben Sie, dass man einen Menschen wirklich kennen kann?

Marie Kreutzer: Wir werden nie die Gedanken anderer Menschen lesen können.

Tv-Media: Sind Sie selbst ein Mensch, der anderen schnell vertraut oder eher jemand, der vieles hinterfragt?

Kreutzer: Beides. Aber ich kann sagen, dass ich inzwischen eine sehr gute Intuition habe, was andere Menschen betrifft.  

Tv-Media: Ihr Film macht Philip nicht von Anfang an zum Monster, sondern zeigt ihn auch als liebevollen Vater und Partner. War Ihnen wichtig, dass das Publikum selbst kurz in die unangenehme Situation gerät, diesen Mann sympathisch zu finden?

Kreutzer: Auf jeden Fall. Wir haben, wenn es um Pädokriminelle geht, viele Vorurteile - und fürchten uns mehr vor anonymen Entführern als vor einem sympathischen Familienvater. Aber die Täter kommen fast immer aus dem nächsten Umfeld der Kinder. 

Tv-Media: Sie haben gesagt, Sie würden fast jede Form von Gewalt auf dieser Welt dem Patriarchat in die Schuhe schieben. Ist Gentle Monster weniger ein Film über Pädokriminalität als über männliche Macht?

Kreutzer: Buben lernen von Geburt an, dass es wichtig ist, anderen überlegen zu sein. Damit legt die Gesellschaft den Grundstein für vielfältige Formen von Unterdrückung und Gewalt. Darunter leiden nicht nur Frauen und Mädchen, sondern auch Männer und Buben selbst. Das meine ich, wenn ich sage, dass das Patriarchat als System schuld ist an vielem, was auf unserem Planeten falsch läuft.  

Tv-Media: Warum reden wir mit Mädchen so früh darüber, wie sie sich vor Übergriffen schützen sollen, statt Buben beizubringen, keine Grenzen zu überschreiten?

Kreutzer: Weil die Rollenverteilung, die das Patriarchat vorgibt, tief verankert ist. So lange wir in jeder Bubenabteilung nur gewaltbereite Superhelden und bei den Mädchen nur hübsche Prinzessinnen sehen, wird sich daran nichts ändern.  

Tv-Media: Im Film sind es immer wieder Frauen, die die Folgen männlichen Handelns auffangen: Lucy muss ihr Kind schützen, Elsa trägt die Pflegearbeit, eine Pflegerin muss sich gegen Übergriffe wehren. Ist genau das eine Realität des Patriarchats, dass Männer Macht ausüben und Frauen anschließend die emotionale und praktische Arbeit übernehmen?

Kreutzer: Oh ja. Das behaupte ich nicht einfach, dazu gibt es Studien ohne Ende. Frauen tragen die Mental Load und übernehmen die emotionale Arbeit nicht nur in der Familie, sondern häufig auch am Arbeitsplatz. Sie sind es, die an den Geburtstag der Schwiegermutter denken und die Planung der Betriebsfeier übernehmen. Sie tun es aus Gewohnheit und hinterfragen es oft selbst nicht, so tief sitzen diese Rollenbilder. Und von häuslicher Gewalt oder Femiziden fange ich jetzt gar nicht erst an. 

Tv-Media: Sie sind selbst Mutter. Haben Sie bei sich Rollenbilder entdeckt, von denen Sie eigentlich überzeugt waren, sie längst überwunden zu haben?

Kreutzer: Ja, natürlich. Ich habe oft Schuldgefühle, weil mein Beruf so einen großen Stellenwert hat. Ich glaube nicht, dass Väter, die viel arbeiten, so viele Schuldgefühle haben wie Mütter. 

Tv-Media: Was hat die Arbeit an Gentle Monster mit Ihnen persönlich gemacht?

Kreutzer: Bei jedem Film lerne ich etwas - als Filmemacherin, aber auch als Mensch. Ich glaube, ich habe jetzt noch mehr Vertrauen in mein Bauchgefühl.

Tv-Media: Sie hatten nach dem internationalen Erfolg von Corsage trotzdem Schwierigkeiten, Gentle Monster finanziert zu bekommen. Wie frei ist Kunst tatsächlich, wenn am Ende Geldgeber darüber entscheiden, welche Geschichten überhaupt erzählt werden können?

Kreutzer: Der Kampf um die Finanzierung gehört dazu, ich glaube sogar irgendwie, er macht uns als Künstler*innen stärker, weil er uns immer wieder zwingt, unsere Vision zu hinterfragen und zu verteidigen. Ich glaube nicht, dass die Kunst freier wäre, wenn jeder und jede sich einfach so Geld abholen könnte.

Tv-Media: Nach einem derart schweren Stoff: Sehnen Sie sich als Filmemacherin jetzt nach etwas Leichtem?

Kreutzer: Nein. Obwohl es besonders schön ist, wenn Menschen im Kino zusammen lachen.

Foto (c): APA/TOBIAS STEINMAURER

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