Veröffentl. am / Aktualisiert am
Karim El-Gawhary: Herz gebrochen in 18 Minuten
Der Deutsch-Ägypter über sein ORF-Aus, Leben zwischen zwei Kulturen und die Fußball-WM.


Karim El-Gawhary
© ORF/ Hans LeitnerEr berichtete 22 Jahre lang für den ORF aus dem Nahen Osten, dann war Schluss. Manche munkeln, weil er zu isreal-kritisch berichtete, vielleicht handelt es sich ganz banal um einen Generationenwechsel. Kalt gelassen haben Karim El-Gawharys Analysen jedenfalls keinen, nun setzt der 62-jährige Deutsch-Ägypter seine Arbeit im Podcast Nahost. Nah dran. (abrufbar auf allen gängigen Podcast-Plattformen) fort. Vorige Woche war er in Wien, TV-MEDIA traf ihn einen Tag, nachdem Ägypten bei der WM mit 2:3 gehen Argentinien verlor.
TV-Media: Auch wenn’s schwierig ist: Ihr Resümee zum bitteren Ausscheiden von Ägypten bei der Fußball-WM?
Karim El-Gawhary: Das war ein echtes Fußballdrama. Nach dem 2:0 war ich in einem absoluten Hoch, und in den letzten 18 Minuten ist mein Herz gebrochen. In Ägypten gab es dann eine Diskussion, weil man sich unfair behandelt fühlte, weil es zwei Fouls gab, die unterschiedlich ausgelegt wurden. Aber gut, so ist Fußball.
TV-Media: Dieses Gefühl der unfairen Behandlung: Kann man das ummünzen auf die Menschen im Nahen Osten?
Karim El-Gawhary: Ja, das ist vielleicht tatsächlich eine Metapher, die das Gefühl einer ganzen Region wiedergibt.
TV-Media: Sie wurden 1963 in München geboren. Wie wächst es sich in den 60ern als Halbägypter in Deutschland auf?
Karim El-Gawhary: Ich bin eine wandelnde Identitätskrise zwischen Biergarten und Wasserpfeife. Man gehört nie richtig dazu. In Österreich und Deutschland fragen mich immer noch Leute: Warum sprichst du so gut Deutsch? Und dann komme ich nach Ägypten, und man fragt: Wieso sprichst du so komisch arabisch? Ich glaube, es ist kein Zufall, dass ich in meinem Beruf gelandet bin, als Beobachter zwischen den Seiten.
TV-Media: Wann haben Sie gewusst, dass Sie diesen Beruf ausüben wollen?
Karim El-Gawhary: Nach der Schulzeit. Da habe ich mich für die Münchner Journalistenschule beworben – und bin gnadenlos durchgefallen (lacht). Danach haben mir viele Leute gesagt: Such dir eine Nische. Dann habe ich Islamwissenschaften mit Schwerpunkt Nahost in Berlin studiert.
TV-Media: Sie waren über 20 Jahre beim ORF. Ich weiß noch immer nicht genau, wieso Sie gegangen wurden.
Karim El-Gawhary: Ich auch nicht. Die offizielle Begründung ist Generationenwechsel. Okay, ich bin zarte 62 Jahre alt. In der Öffentlichkeit wurde es sehr politisch diskutiert. In den sozialen Medien gab es viele Angriffe wegen meiner Gaza- und Libanon-Berichterstattung. Mich hat es gefreut, dass 25.000 Menschen unterschrieben haben, dass ich beim ORF
bleiben soll. Traurig war hingegen, mitanzusehen, wie das bestehende Korrespondentenbüro in Kairo abgebaut wurde.
TV-Media: Sie leben weiterhin in Kairo.
Karim El-Gawhary: Ja, das Leben in Deutschland finde ich ein bisschen langweilig. Da funktioniert alles (lacht). Wenn man in der arabischen Welt unterwegs ist, ist man immer nah dran an den existenziellen Fragen des Lebens. Ich finde es wichtig, den Leuten in Deutschland und Österreich vor Augen zu halten, welche Privilegien sie haben – und sie haben nichts dafür getan. Es ist nur die Gnade des Geburtsorts.
Das ganze Gespräch mit Karim El-Gawhary als Podcast:

E-Mail für dich!
Abonniere unseren Newsletter und erhalte Infos zu Highlights, Neuerscheinungen sowie Filmen und Serien, die nur mehr kurz verfügbar sind.