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Michael Schottenberg: „Das Scheitern ist der eigentliche Unterhaltungswert”

Michael Schottenberg ist Theaterdirektor, Schauspieler, Reiseschriftsteller (neues Buch „Irgendwo auf der Welt” ab September) und Quizzer („Universum – Die Show” am 23. 5. auf ORF 2). Wir baten den umtriebigen Wiener zum Interview. Das Gespräch führte Horst-Günther Fiedler.

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Michael Schottenberg und Quiz-Kollegin Melissa aus Kärnten

Michael Schottenberg und Quiz-Kollegin Melissa aus Kärnten

© ORF / Roman Zach-Kiesling

TV-Media: Herr Schottenberg, zuerst die wichtigste Frage: Geht’s Ihnen gut?

Michael Schottenberg: Ja, sogar sehr gut. Ich habe nämlich vor zwei Stunden mein neues Buch fertiggestellt, morgen geht es an den Verlag. Nach so einem Dreivierteljahr Arbeit fällt einem schon etwas ab, eine große Leichtigkeit stellt sich ein. 

TV-Media: Worum geht es diesmal?

Schottenberg: Es ist wieder ein Reisebuch. Der Titel lautet „Irgendwo auf der Welt – 66 neue Reisegeschichten” und erscheint im September. Ich beschreibe darin keine Sehenswürdigkeiten wie ein klassischer Reiseführer, das mache ich ja nie. Mich interessieren vielmehr die Menschen, ihre Geschichten, ihre Eigenheiten. Wenn ich in Pisa bin, interessiert mich weniger der Schiefe Turm als der Mensch, der dort die Eintrittskarten verkauft. Über diese Geschichten versuche ich, eine Stadt oder Region zu erzählen. 

TV-Media: Also das spürbar machen der Seele eines Ortes?

Schottenberg: Genau. In Neapel etwa versuche ich, den Wahnsinn dieser Stadt einzufangen: die Überforderung, die Lebensfreude, den Fußballkult, den Aberglauben. Die Menschen leben am Fuß des Vesuvs, mit einer permanenten Bedrohung im Hintergrund. Daraus entstehen Rituale, etwa das Blutwunder des San Gennaro. Diese Mischung aus Chaos, Schönheit und Irrsinn interessiert mich. 

TV-Media: Welche Figur symbolisiert für Sie Neapel?

Schottenberg: Pulcinella aus der Commedia dell’arte. Diese rastlose, verrückte Dienerfigur mit Halbmaske – ständig in Bewegung. Das passt perfekt zu Neapel. 

TV-Media: Das Besondere am neuen Buch ist auch ein technischer Gimmick?

Schottenberg: Ja, wir haben das auch schon bei meinem letzten Buch gemacht: Jede Geschichte hat einen QR-Code. Die Leser können sie also nicht nur lesen, sondern auch von mir gesprochen hören. Das war eigentlich eine logische Idee, weil bei meinen Lesungen viele gesagt haben: „Ihre Stimme gehört einfach dazu.“ Das probieren wir jetzt einmal aus. 

TV-Media: Jetzt hätten wir uns beinahe verplaudert und auf den eigentlichen Grund dieses Gesprächs vergessen – Ihre Teilnahme an der „Universum Show”. Warum sollte man sich die ansehen, was können wir dort lernen?

Schottenberg: Lernen im herkömmlichen Sinn eher weniger, weil es keine klassische Wissensshow ist. Die Fragen sind oft völlig absurd und eigentlich nicht wirklich lösbar. Der Spaß liegt darin, wie man gemeinsam im Zweierteam versucht, irgendwie auf die Antwort zu kommen. Dieses Herumrätseln und Scheitern ist der eigentliche Unterhaltungswert. Mehr sollten wir vorab nicht verraten. 

TV-Media: Also geht es mehr um die Interaktion der Kandidatenpaare als um die richtige Antwort?

Schottenberg: Genau. Der Witz ist nicht die Lösung, sondern der Weg dorthin. Dieses gemeinsame Herumeiern, dieses „Das kann’s doch nicht sein!“ oder „Vielleicht ist es ganz anders?“ – das macht den Reiz aus. Es ist eher ein spielerisches Abenteuer als eine klassische Quizshow. 

TV-Media: Wenn man auf Ihre Karriere blickt, wirkt das fast wie mehrere Leben: Schauspieler, Regisseur, Theater- und Zirkusdirektor, Filmemacher, Autor, Reisender. War das geplant oder Ergebnis glücklicher Fügungen?

Schottenberg: Überhaupt nicht geplant – so etwas kann man nicht planen. Das war alles Zufall. Rückblickend hatte ich immer ungefähr siebenjährige Phasen. Schauspieler sein wurde mir irgendwann zu langweilig, also wurde ich Regisseur. Dann wollte ich unabhängiger sein und gründete eine eigene Theatertruppe. Danach Musical, dann Film, später das Volkstheater. 

TV-Media: Und irgendwann war Schluss?

Schottenberg: Ja. Nach dem Volkstheater war ich müde. Ich wollte diesen ständigen Kampf nicht mehr. Also bin ich nach Vietnam gefahren – alleine, mit Rucksack und wenig Geld. Dort habe ich begonnen zu schreiben. Zuerst eigentlich nur als Tagebuch für meine damalige Freundin, heute meine Frau. Daraus entstand mein erstes Reisebuch. Ursprünglich wollte der Verlag meine Autobiographie, aber dann ist daraus der Auftakt zur Reiseschriftstellerei geworden. 

TV-Media: Wenn Sie über diese Jahre sprechen, klingt das heute erstaunlich gelassen. Früher wirkten Sie öffentlich eher wie der wilde Theaterrevolutionär mit rotem Stern am Dach des Hauses.

Schottenberg: Das war teilweise ein Bild, das durch Rollen und durch die öffentliche Wahrnehmung entstanden ist. Privat war ich nie dieser dauererregte Revoluzzer. Aber natürlich verfestigen sich solche Bilder. Und irgendwann glaubt jeder, er kennt einen. 

TV-Media: Geändert hat das dann ausgerechnet durch „Dancing Stars”?

Schottenberg: Ja, absolut. Das war eigentlich eine Mutprobe für mich. Ich konnte überhaupt nicht tanzen. Aber genau dadurch wird man in dieser Sendung plötzlich sehr ehrlich. Man kann dort keine Rolle mehr spielen. Irgendwann steht man emotional völlig offen da. Ich glaube, die Menschen haben mich dort zum ersten Mal wirklich als Person wahrgenommen und nicht als irgendeine Figur aus Theater oder Fernsehen. 

TV-Media: Danach war Ihr öffentliches Bild ein völlig anderes.

Schottenberg: Ja, komplett. Plötzlich kamen ganz andere Anfragen. Unterhaltungssendungen, Gesprächsformate, Reisegeschichten. Das hätte ich nie strategisch planen können. Das waren reine Zufälle, die plötzlich ineinandergegriffen haben. 

TV-Media: Heute haben Sie offenbar Ihre endgültige Form gefunden.

Schottenberg: Ja, absolut. Ich tue immer noch, was ich am allerliebsten mache: das Erzählen von Geschichten – nur mit anderen Mitteln. Früher brauchte ich dafür Bühnen, Ensembles, Filmsets und riesige Apparate. Heute reichen Worte. Das ist viel unmittelbarer und für mich befriedigender. 

TV-Media: Was kann Schreiben, das Theater oder Film nicht mehr können?
Schottenberg: Schreiben ist leichtfüßiger. Es ist quasi Erotik statt Sex. Ich brauche keine riesige Maschinerie mehr, keine hundert Leute, keine endlosen Diskussionen über Geld, Besetzungen oder Befindlichkeiten. Mit Worten kann ich viel freier arbeiten. Das ist eleganter. Und letztlich entsteht das Entscheidende sowieso im Kopf des Lesers. 

TV-Media: War Theaterdirektor eigentlich der härteste Job von allen?

Schottenberg: Mit Abstand. Weil man dort nicht nur Künstler ist, sondern gleichzeitig Psychologe, Feuerwehrmann, Politiker und Krisenmanager. Und jeden Tag brennt irgendwo etwas. 

TV-Media: Klingt nach einem deutlich entspannten Leben als früher als Theaterdirektor.

Schottenberg: Hundertmal entspannter. Theaterdirektor zu sein bedeutet permanent Probleme zu lösen. Einer wird krank, die andere steigt aus, irgendwo fehlt Geld, irgendwer ist beleidigt – und gleichzeitig soll man gute Kunst machen und das Haus voll bekommen. Das ist ein permanenter Ausnahmezustand. Früher hat mich das elektrisiert, heute interessiert mich diese ganze Maschinerie überhaupt nicht mehr. 

TV-Media: Vermissen Sie gar nichts daran? Premierenfieber, Applaus, diesen süßen Theaterwahnsinn, an dem so viele hängen?

Schottenberg: Nein. Wirklich nicht. Ich habe das alles erlebt und gemacht. Aber heute empfinde ich es als Luxus, Geschichten erzählen zu können, ohne diesen riesigen Apparat dahinter. Wie gesagt: Früher war das für mich Sex, heute ist es eher Erotik. Feiner, leichter, freier. Und es wendet sich ja immer noch an ein Publikum. Ehrlich gesagt: Ich war noch nie so glücklich wie in den letzten Jahren. 

TV-Media: Also keine Rückkehr mehr zu Theater oder Schauspiel?

Schottenberg: Nein. Es kommen immer wieder Angebote, die ich freundlich, aber bestimmt ablehne. Das interessiert mich nicht mehr. Ich habe damit abgeschlossen. Ich mache jetzt meine Texte, meine Geschichten, meine Sicht auf die Welt. Das erfüllt mich viel mehr. 

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