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Georg Riha: „Flugaufnahmen haben mich immer fasziniert“
Mit seiner ORF-Reihe „Über Österreich“ hat Georg Riha Maßstäbe gesetzt. Jetzt entert er mit seinen Österreich-Bildern aus der Vogelperspektive die große Kinoleinwand - eine visuell wuchtige Medidation ohne Worte.


Georg Riha beim Dreh
© Georg RihaTV-MEDIA: Sie machen seit Jahrzehnten fürs Fernsehen Dokumentationen, die unsere Welt aus der Vogelperspektive zeigen. Unter anderem auch die über mehrere Staffeln gelaufene Reihe „Über Österreich – Juwele des Landes“ auf ORF III. Ist „Über Österreich – Eine höhere Sicht“ nun quasi die für die große Leinwand aufbereitete und verdichtete Kinoversion davon?
Georg Riha: Ich möchte vorweg sagen: Flugaufnahmen haben mich immer fasziniert. Es ist ungefähr 50 Jahre her, dass ich zum ersten Mal in einem Helikopter gesessen bin und Filmaufnahmen gemacht habe. Der Blick von oben, wenn sich all die Proportionen im Vergleich zu unserer gewohnten menschlichen Perspektive verschieben, hatte für mich immer einen besonderen Reiz. In all meinen Dokus haben Flugaufnahmen daher ihren Platz gehabt. Um diese Perspektive zu erreichen und ihr gerecht zu werden, war es auch immer mein Bedürfnis, in möglichst hoher Qualität und Präzision zu arbeiten. Deswegen musste ich mir viele Werkzeuge, die nötig sind, um diese Bilder zu erreichen, erst einmal selbst ausdenken und bauen. Einfach, weil es diese Dinge entweder gar nicht oder nicht in ausreichender Qualität gab.
„Über Österreich – Eine höhere Sicht“ ist keine bloße Verdichtung oder Kinoversion der Fernsehreihe, sondern vielmehr die konsequente Weiterentwicklung dieser langjährigen Arbeit. Der Film ist eigenständig gedacht, wird assoziativ erzählt und ist stärker auf das unmittelbare visuelle und akustische Erlebnis ausgerichtet – so, wie es nur die große Leinwand ermöglicht.
TV-MEDIA: Regisseur James Cameron, der ja unbestritten auch technisch einer der Größten seines Fachs ist, hat das ebenfalls gemacht, um seine Visionen umsetzen zu können: Kamerasysteme, Unterwassertechniken, Motion-Capture-Techniken. Ist das vielleicht ein gewagter Vergleich, aber sind Sie technisch eine Art österreichische Antwort auf James Cameron?
Riha: Um Gottes willen, nein! Da liegen zwei bis drei Dimensionen dazwischen. Ich habe vielleicht eine gewisse Position auf meinem Gebiet, aber ein James Cameron mit all seinen Wahnsinnigkeiten – positiv gemeint – ist schon eine ganz andere Liga.
TV-MEDIA: Naja, andere Elemente: Cameron tief unter Wasser, Sie hoch am Himmel ...
Riha: Nein. Das liegt auch daran, dass es in den USA sehr viele risikobereite Menschen gibt, die einem durchaus ein Schweinegeld für solche Projekte in die Hand drücken, wenn sie sich einen entsprechenden Erfolg erwarten – was in Österreich vergleichsweise sehr bescheiden ist. Ich habe hier halt mein kleines Ding gemacht. Und ich glaube, für österreichische Verhältnisse habe ich optisch einiges bewegt, zum Beispiel damals mit der CAMCAT (ein seilgestütztes Hochgeschwindigkeits-Kamerasystem für dynamische Luftaufnahmen bei Sportübertragungen, Konzerten und Filmproduktionen, Anm. d. Red.), die weltweit eingesetzt wird.
TV-MEDIA: Machen wir einen kulinarischen Vergleich dafür, wie es zu diesem Film gekommen ist. War es so, dass der Koch in seine Speisekammer, sprich sein Archiv, geschaut und erkannt hat: „Da habe ich so viele gute Vorräte, die sollte ich zu einem hochklassigen Mehrgang-Menü verarbeiten“? Oder gab es zuerst die Idee fürs Menü, dann den Blick in die Speisekammer – und Sie haben zwar viel gefunden, mussten aber doch noch manches einkaufen, sprich neu aufnehmen?
Riha: Da gelten beide Varianten. Ich habe so lange ausschließlich fürs Fernsehen gearbeitet, eben auch viele Jahre an der „Über Österreich“-Reihe für ORF III. Vor circa zehn Jahren hat ein lieber Freund von mir gesagt: „Wenn ich mir deine Bilder so ansehe – du gehörst unbedingt ins Kino!“ Das war ein Schubser, weil ich bis dahin nie daran gedacht hatte, mit diesen Bildern und diesem Thema ins Kino zu gehen.
TV-MEDIA: Und die Idee fürs Kino?
Riha: Die Idee war, mit diesen Bildern einen komplett anderen Weg zu gehen. Die Entwicklung und die Geschichte des Landes in seiner Vielfalt nonverbal zu erzählen. Die Reduktion auf das Visuelle und Akustische, bestehend aus Musik, Klang und Umgebungsgeräuschen. Und all das erzählt eigentlich auch die Entwicklung der Menschheit, das Streben nach oben: Vom Jäger, Sammler und Ackerbauern, über die Bauten, die Verdichtung der Städte, hin zu Energie, Verkehr und Industrie, wie alles wächst und sich verschiebt und schließlich, welchen Preis Übermut und Hybris haben. Ich zeige deutlich die Ambivalenz des Menschen.
TV-MEDIA: Ich nehme an, da musste einiges neu gedreht werden, um aktuelle Veränderungen – seien es abschmelzende Gletscher oder sich verändernde Wasserstände beim Neusiedler See – an ihren richtigen Platz zu setzen?
Riha: Richtig! Oder das Hochwasser im letzten Jahr. Der Schwerpunkt ist und bleibt die optische Qualität. Das hat mich auch sehr viel Zeit gekostet. Genau genommen hat dieser Film fast fünf Jahre länger in der Produktion benötigt, als ursprünglich geplant war. Aber es ist mein Luxus - oder vielleicht mein Bedürfnis – dass das alles auch einer gewissen Ästhetik und formalen Kriterien entspricht. Da muss ich auch meinem kleinen Team für seinen Langmut und seine Geduld danken. Und ich denke, dass unser Ergebnis den Aufwand und die Mühe mehr als gerechtfertigt hat: Wenn man bereit ist, sich auf den Film einzulassen, kann man wegschweben, unglaublich viel über das Land kennenlernen und für eineinhalb Stunden die Zeit und den ganzen Wahnsinn der Welt vergessen.

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