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Huub Stapel: „Ich wäre auch bei einem dritten Teil dabei”

Die niederländische Filmlegende spielt in der Fortsetzung des 80er-Jahre-Kultthrillers „Verfluchtes Amsterdam” die Hauptrolle. TV-MEDIA bat ihn zum Interview

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Horst-Günther Fiedler
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Huub Stapel

© IMAGO / Imagn Images

In den Niederlanden ist Huub Stapel ein Publikumsliebling, der sich quer durch alle Genres in die Herzen der Zuseher gespielt hat; von Action über Horror bis Drama und brachiale Komödie. Mit Stapels Namen verbunden ist auch jener von Regisseur Dick Maas, mit dem er siebenmal zusammen gearbeitet hat, von Splatter-Horror wie „Der Fahrstuhl des Grauens” bis zur auch bei uns kultigen Sozialschmarotzer-Satire „Flodder – Eine Familie zum Knutschen”. International bekannt wurden Stapel und Maas 1988 mit dem von Horrorelementen durchsetzten Thriller „Verfluchtes Amsterdam”, der weltweit boomte und eine der erfolgreichsten niederländischen Produktionen wurde.
Zur überraschenden Fortsetzung 38 Jahre später konnten wir mit Huub Stapel (den Vornamen spricht man Hüüb aus) über „Verfluchtes Amsterdam 2”, die Besonderheiten der niederländischen Films und Stapels Karriere plaudern.

Huub Stapel in ”Verfluchtes Amsterdam 2"

© Einhorn Film



TV-MEDIA: Was war Ihre erste Reaktion, als man Ihnen angetragen hat, nach 38 Jahre die Rolle des Kommissars Eric Visser wiederzubeleben?

Huub Stapel: Ganz ehrlich, war die erste Reaktion: Was soll das denn bitte? Erstens hatte ich in diesem Jahr schon zwei große Filmprojekte, eine Doku und eine Serie, war also am Limit. Und überhaupt – nach 38 Jahren nochmal durch Amsterdam jagen? Aber dann habe ich mich mit Dick Maas zum Essen getroffen, er hat mir seine Vision erklärt und am Ende des Abends war die Sache für mich perfekt. Fünf Wochen später was das Drehbuch da.

TV-MEDIA: Haben Sie sich beim Drehbuch auch eingebracht?

Stapel: Nein, gar nicht. Ich gehöre nicht zu den Schauspielern, die sich beim Drehbuch einmischen und unbedingt mitreden wollen. Eingebracht habe ich mich nur insofern, als ich dann auch als Produzent mit an Bord gegangen bin.

TV-MEDIA:  Wie haben sich die beiden Hauptfiguren des ersten Films, nämlich Ermittler Visser und quasi die Titelheldin, nämlich die Stadt Amsterdam, in den vergangenen fast vier Jahrzehnten verändert?

Stapel: Naja, Visser ist, so wie ich, ein bisschen steifer geworden und nicht mehr ganz so mobil. Wie es eben ist, wenn man im 71. Lebensjahr ist. Aber das gleicht man durch höhere Expertise, Erfahrung und die Fachkenntnisse aus, die ein langes Berufsleben bringen.

TV-MEDIA: Und wie hat sich Amsterdam verändert? Oder ist diese Stadt so beständig in ihrer Geschichte, dass man eigentlich keinen Unterschied spürt?

Stapel: Ja, Amsterdam ist beständig in seiner Geschichte, aber es hat sich doch vieles geändert. Es sind viele Menschen hergekommen, die nicht aus der Stadt sind, die haben eine gewisse Kleinbürgerlichkeit mitgebracht, die nicht zu dieser Stadt und ihrer liberalen Geschichte passt. Es hat sich in den letzten zehn bis 20 Jahren, wie soll ich es freundlich sagen, die Verträglichkeit der Menschen untereinander verändert. Vielleicht kennen Sie das auch aus Wien? In den 70ern und 80ern war es hier sehr locker. „Ihr seid so lässig und so locker drauf”, hat man mir immer in Deutschland gesagt, wenn ich dort gearbeitet habe. Das ist spürbar schwächer geworden, es ist viel mehr ... wie soll ich es sagen ... 

TV-MEDIA: Vielleicht mehr ich und weniger wir?

Stapel: Genau das ist es. Es ist weniger wir und mehr ich heute. Aber irgendwie verstehe ich es auch. Als wir den ersten Teil vor 38 Jahren gedreht haben, gab es in Amsterdam pro Jahr drei Millionen Touristen. Da war das kein Problem. Heute sind es fast zehnmal so viele. Entsprechend wenig begeistert war die Gemeinde von unseren neuen Filmplänen.

TV-MEDIA: Der Over-Tourism wird ja sogar im Film thematisiert …

Stapel: Ja. Die Stadt ist überlastet. Aber ich bin sicher, in zehn der 20 Jahren wird sich das alles wieder zum positiven geändert haben.


TV-MEDIA: Dann verstehe ich, warum Amsterdam so selten als Filmkulisse auftaucht, anders als etwa Venedig. Aber das bringt mich zum niederländischen Film. Sie haben ja eine sehr vitale Szene, produzieren viel. Aber eigentlich kommt – wie aus vielen anderen europäischen Filmnationen – kaum etwas aus Holland in den Rest der Welt. Warum diese Abschottung?

Stapel: Ich glaube, das hat damit zu tun, dass man hier immer sehr viele Filme mit nicht sehr zugänglichen Themen subventioniert hat. Auf den Publikumsfilm hat man irgendwie vergessen. Die Franzosen beispielsweise haben das immer anders gemacht. Die haben, um ihre Filmwirtschaft finanziell konkurrenzfähig zu halten, von jedem Ticket zu einem US-Film eine gewisse Summe eingenommen und dem französischen Film gegeben. Plus andere protektionistische Maßnahmen. So etwas kennt man bei uns nicht. Die staatliche Unterstützung für Film oder Kultur im Allgemeinen ist – etwa im Vergleich zu Österreich oder Deutschland – viel geringer. Und das wirkt sich in den seltsamsten Formen aus.

TV-MEDIA: Zum Beispiel?

Stapel: Zum Beispiel habe ich jetzt in Holland eine Komödie in den Kinos, „Boomers„. Da geht es um Leute meines Alters, die mit den neuen Zeiten nur schwer zurecht kommen. Der ist bei uns ein großer Erfolg. Das wird auch in Deutschland und Skandinavien zu sehen sein - aber jeweils als Remake. Anstatt, dass er synchronisiert wird und das Original gezeigt wird, machen die Deutschen und die Skandinavier jeweils ihre eigenen Versionen von dem Stoff. Es sind also nicht immer wir, die sich abschotten.

TV-MEDIA: Dabei kommen aus den Niederlanden überdurchschnittlich viele Leute die in Hollywood vor und hinter der Kamera Karriere gemacht haben, also für internationale Märkte mehr als tauglich sind …

Stapel: Paul Verhoeven, Jan de Bont, Famke Janssen, Rutger Hauer ... Ja, es haben viele von uns in Hollywood geschafft.

TV-MEDIA: Wäre das für Sie nicht auch eine Option gewesen? Nach „Verfluchtes Amsterdam” hat es doch Ende der 80er-Jahre sicher viele Angebote gegeben …

Stapel: Ja, aber ich hatte nie Ambitionen, eine internationale Karriere zu machen. Ich habe 17 Jahre lang in Deutschland gearbeitet, und es war toll, aber ich bin sehr gerne zurückgekehrt. Weil ich nämlich immer am liebsten Theater gemacht habe. Das habe ich immer groß geschrieben, weil für meine Entwicklung als Schauspieler war das Theater weitaus wichtiger als der Film. Und ich glaube, dass es den meisten der wirklich guten Schauspieler in den Niederlanden ähnlich geht.

TV-MEDIA: Kehren wir zurück zu „Verfluchtes Amsterdam 2”. Sehen Sie visuelle Unterschiede zwischen den beiden Filmen? Der neue ist ja sehr bunt, fast schon ähnlich wie ein Pedro-Almodovar-Film. Immer was Blaues und was Rotes im Bild …

Stapel: Das wäre mir nicht aufgefallen, aber es stimmt, dass es ein sehr bunter Film ist. Obwohl, und das ist interessant: Teil 2 ist düsterer als das Original. Damals hatten wir bei viel Sonne und am Tag gedreht. Die Fortsetzung hat mehr Regen, mehr Dunkelheit, mehr Nacht.

TV-MEDIA: Beiden gleich ist die Liebe zum Genre. Da gibt es keine Scheu, auf die nötigen Tasten zu drücken. Bloß, wenn mir die Bemerkung gestattet ist, die Dialoge sind ein bisschen so, wie Matt Damon und Ben Affleck neulich angemerkt haben, eine Wiederholung des eben gesehenen anstatt Ausdruck der Emotionen einer Figur, damit auch jene Zuschauer, die grade auf ihr Handy schauen, wissen was los ist.

Stapel: Das liegt vielleicht auch daran, dass Regisseur Dick Maas nie ein großer Emotionen-Regisseur war. Der ist bei der Vorbereitung und bei der Technik und der Action der Beste, den wir in den Niederlanden haben. Sonst wären wir bei alle dem, was wir auf der Leinwand zeigen, nicht mit 6,5 Millionen Euro ausgekommen. Aber wenn es um Gefühle geht, braucht er Schauspieler, die wissen, was zu tun ist. Weil er selbst kein sehr emotionaler Mensch ist.

TV-MEDIA: In der Handlung werden ja Spuren gelegt, und das Ende bestätigt das dann, dass es eigentlich einen dritten Teil geben müsste. Wären Sie da dabei?

Stapel: Es gehörte zu dem großen Szenario, das wir bei dem erwähnten Abendessen besprochen haben, dass ein dritter Teil perfekt wäre. Allerdings bräuchten wir dann deutlich mehr Geld, das kann ich aus meiner Erfahrung als Produzent sagen. Weil wir natürlich die Schlagzahl, die Effekte, die Action und auch das Setting steigern müssten. Auf, sagen wir, acht bis zehn Millionen.

TV-MEDIA: Liege ich da falsch, wenn ich – ohne viel Spoilern zu wollen – annehme, dass ein dritter Teil eher in eine mystische und fast fantasyhafte Richtung gehen müsste, um zu funktionieren?

Stapel: Ganz genau. Das müsste dann in diese Richtung gehen. Wenn wir das schaffen und die Finanzierung gelingt, dann bin ich sehr gern bei Teil drei wieder mit dabei.

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Horst-Günther Fiedler
Horst-Günther Fiedler

TV-MEDIA-Redakteur Horst-Günther Fiedler

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