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Ilkay Idiskut: “Empathie gehört genauso ins Klassenzimmer wie Schreiben und Rechnen”
Favoriten-Lehrerin Ilkay Idiskut über Rollenbilder, fehlende Unterstützung und darüber, warum die Politik jahrelang geschlafen hat
Durch die vielfach ausgezeichnete Doku Favoriten wurde Ilkay Idiskut einem breiten Publikum bekannt. Drei Schuljahre lang wurde die 37-Jährige darin mit 25 Kindern an einer Brennpunkt-Volksschule in Wien-Favoriten begleitet. Der Film zeigt, wie unterschiedlich Kinder ins Leben starten – und wie wenig das Schulsystem diese Unterschiede auffängt. Seither wurde Idiskut Mutter, war ein Jahr in Karenz und wechselte wegen des langen Arbeitswegs Schule und Bezirk.
TV-Media: In Favoriten wirken Sie, als wären Sie für manche Kinder Lehrerin, Freundin und auch ein bisschen Mutter. Das ist viel Verantwortung ...
Ilkay Idiskut: Eigentlich ist es etwas sehr Schönes – wenn man die entsprechende Unterstützung hat und sich nicht alleingelassen fühlt. Wenn andere Kolleg*innen sich mit Kindern beschäftigen können, die mehr Aufmerksamkeit brauchen, empfinde ich das überhaupt nicht als Belastung.
TV-Media: Kann Schule ausgleichen, mit welchen Voraussetzungen ein Kind lebt?
Idiskut: Eine Lehrperson spielt eine unglaublich große Rolle, weil sehr viel Beziehungsarbeit passiert. Man begleitet ein Kind auf seinem Weg und versucht, es voranzubringen. Vom Staat gibt es zwar Unterstützung, aber bisher war das nicht ausreichend. Ich hoffe, dass sich etwas verändert und Schulen tatsächlich bekommen, was sie brauchen – etwa zusätzliche Kräfte oder Schulsozialarbeiter*innen, auf die man direkt zurückgreifen kann. Ich muss schon ehrlich sagen: Die Politik hat das sehr verschlafen. Man weiß seit Jahren, dass es einen Chancenbonus braucht, damit Kinder die gleichen Bildungschancen haben.
TV-Media: In der Doku zeigt sich, wie unterschiedlich die Vorstellungen davon sind, welche Freiheiten Mädchen & Buben haben. Wie begegnet Ihnen das in der Klasse?
Idiskut: In der ersten Schulstufe sind die Kinder noch ein bisschen schüchterner, aber sie konfrontieren einen bereits damit, weil es zu Hause einfach so abläuft. Es gibt leider Familien, die noch immer nach alten Rollenbildern leben. Dann versuche ich, das für die Kinder verständlich zu machen und bei Buben beispielsweise einen Perspektivwechsel zu schaffen: Was wäre, wenn du selbst ein Mädchen wärst? Es geht darum, ihnen Empathie mitzugeben.
TV-Media: Kann eine Lehrerin Vorstellungen verändern, wenn ein Kind zu Hause etwas völlig anderes vermittelt bekommt?
Idiskut: Auf jeden Fall. Ich unterrichte schon lange und habe ehemalige Schüler* innen, die inzwischen die Matura geschafft haben. Manche von ihnen kommen aus Familien, in denen teilweise ganz andere Vorstellungen eine Rolle spielen. Heute leben diese jungen Frauen sehr selbstbestimmt und setzen ihre Meinung durch. Es geht nicht darum, ständig einen Kampf mit der eigenen Familie zu führen. Aber Mädchen sollen lernen, ihre Meinung zu sagen und sich auch dagegenzustellen, wenn etwas für sie nicht passt.
TV-Media: Wie schützen Sie sich davor, nicht selbst kaputtzugehen?
Idiskut: Es ist manchmal eine enorme Belastung. Nicht wegen der Kinder selbst, sondern, weil man ihre Lebensrealitäten mitbekommt – zum Beispiel Gewalt in Familien. Wir Lehrer*innen sind auch nur Menschen und müssen solche Themen verarbeiten. Mir hilft der Gedanke: Was würden diese Kinder machen, wenn es niemanden gäbe, der sich für sie einsetzt?
TV-Media: Hat die Mutterschaft Ihren Blick auf die Eltern Ihrer Schüler*innen verändert?
Idiskut: Natürlich erkenne ich die Schwierigkeiten noch einmal besonders gut, wenn ich jetzt an Alleinerziehende denke. Ich merke, welche Arbeit anfällt und wie intensiv die Zeit mit einem Kind wirklich ist.
TV-Media: Gab es Momente, in denen Sie darüber nachgedacht haben, nicht mehr Lehrerin zu sein?
Idiskut: Ja, vor allem am Anfang mit meinem eigenen Kind. Man ist den ganzen Tag von Kindern umgeben, ständig in einem gewissen Lärmpegel, und zuhause geht es weiter. Man muss quasi 24 Stunden funktionieren. Da habe ich mir schon oft gedacht: Das ist gar nicht so leicht.
TV-Media: Was wünschen Sie sich von einer Lehrkraft für Ihr Kind?
Idiskut: Eine empathische Person, die auf die unterschiedlichen Lebenssituationen der Kinder eingehen kann. Aber auch jemanden, der die eigenen Gefühle zeigt. Mich stört es zum Beispiel, wenn zu allem automatisch „super“ oder „toll“ gesagt wird. Kinder müssen auch lernen, mit den Gefühlen anderer Menschen umzugehen. Sie dürfen merken: Jetzt ist meine Lehrerin vielleicht gekränkt oder böse. Daraus entsteht für mich eine emotionale Intelligenz, die sie später brauchen.
TV-Media: Würden Sie Ihr eigenes Kind in eine Schule wie jene in Favoriten schicken?
Idiskut: Ja, wieso nicht? Ich fand meine damalige Klasse, wenn ich sie mit meiner jetzigen vergleiche, gar nicht besonders herausfordernd. Ich fand damals auch die Durchmischung ziemlich gut – und gerade die fehlt heute in vielen Klassen.
(c) Foto: Heribert CORN, www.corn.at