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SchleFaZ-Star Peter Rütten: „Es ist betreutes Scheißfilmgucken”

Mit Oliver Kalkofe führt Peter Rütten ab sofort wieder durch die „SchleFaz”-Abende bei Nitro. Das große Interview mit dem Mann, der mal Chef-Autor von Harald Schmidt war, in „Stromberg” Herr Pötsch – und der einiges zu sagen hat!

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David Schoof
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SchleFaZ-Duo Oliver Kalkofe (l.) und Peter Rütten

© RTL/Philpp Rathmer

TV-MEDIA: Zum Start der neuen SchleFaZ-Staffel bei Nitro am 30. Oktober: Was kommt auf uns zu?

Peter Rütten: Eine Staffel der Sonderklasse, was die „Scheißigkeit“ sämtlicher Kandidaten betrifft. Wir starten mit „Geisterjäger John Sinclair”. Ein Streifen, der vollkommen zu Recht in den Giftschrank gesperrt gehört. Damals von RTL produziert, hatte er immerhin sechs Millionen nichtzahlende Zuschauer – wurde dann aber vor der Welt verschlossen. Wir haben ihn wieder ausgegraben. Nächstes Jahr haben wir die 200 Filme hinter uns, aber eine derart exzessive Langeweile und das komplette Verfehlen der Möglichkeiten einer Marke habe ich in unserem Portfolio noch nicht erlebt. Wahnsinn. Ich habe die „Sinclair”-Bücher mit 14 oder 15 im Zelt auf dem Campingplatz gelesen und mich tatsächlich gegruselt. Dann hätten wir einen Action-Kracher aus Vietnam: „Born to Win“. Heißt eigentlich „Born to Fight“, aber die deutschen Verleiher wollten wohl nicht so offensiv rangehen. Der Film offenbart dem überraschten Zuschauer, dass der Vietnamkrieg keineswegs 1975 endete. Nein, der tobte bis 1989 in einem speziellen Gefangenenlager weiter, das von einem österreichischen Vietcong-Kommandeur angeführt wurde (lacht). Der kommandiert seine Killer mit viel Wiener Schmäh. Ein Hochgenuss für SchleFaZ-Kenner. Weiter geht es mit „Stoßtrupp in die Wüste“ – Ollis Wunschkandidat, auch einfach nicht zu glauben. Außerdem haben wir „Cleopatra Wong“, eine Martial-Arts-Ikone, die sich in Europa leider nie richtig durchgesetzt hat. Tarantino sagte, der Film sei eine gigantische Inspiration für seine „Kill Bill“-Reihe gewesen – was man dem philippinischen Agententhriller von 1978 nicht zwingend anmerkt. Wegen der leidigen Hai-Klausel in unserem Vertrag – ein Hai-Film pro Jahr ist Pflicht – haben wir auch einen Flossen-Thriller: „Shark Side of the Moon“.

TV-MEDIA: Das klingt spannend!

Rütten: Bei all dem Irrsinn, den wir in Sachen Kiemenflosser durchlaufen haben, inklusive unserer Teilnahme an „Sharknado“ (Rütten und Kalkofe hatten Gastauftritte, Anm.), setzt der neue Maßstäbe. Sprechende Hai-Mensch-Hybriden, zum Teil mit Brüsten, haben auf der dunklen Seite des Mondes eine Kolonie errichtet. Und was wollen sie erringen? Die Weltherrschaft natürlich!

TV-MEDIA: Weitere Highlights?

Rütten: „Prince of the Sun“, ein Hongkong-Humor-Kampfkunst-Streifen. Film und PR wurden um Cynthia Rothrock herum gebaut. Auf dem Plakat ist sie groß zu sehen, im Film hat sie deutlich weniger Screentime als ein paar witzboldige chinesische Comedy-Kollegen. Die Humor-Farben sind gerade in heutigen Political-Correctness- und Wokeness-Zeiten gewöhnungsbedürftig, weil es zum Teil unheimlich lustig gefunden wird, wenn Schulkinder von Frauen geschlagen werden. Sehr verstörend! Und „Roboman“: ein Hybrid aus „RoboCop“ und „Terminator“ mit ein bisschen „Predator“. Muskelsöldner mit mega dicken Wummen gegen den angeblich unbesiegbaren Roboman. Auf gar keinen Fall verpassen!

TV-MEDIA: Wie kommt man eigentlich an diese Filme? Wählen Sie und Oliver Kalkofe selbst aus, oder helfen andere Filmnerds?

Rütten: Zweimal ja. 2013 haben wir beide unsere gruseligsten Lieblingskandidaten zusammengestellt. Die haben wir fast abgearbeitet, unter anderem meinen absoluten Wunsch „Daniel der Zauberer“ von Daniel Küblböck. Auch „Liebesgrüße aus der Lederhose“ und „Battlefield Earth“ standen drauf – alles ganz unangenehme Kandidaten. Als diese Liste von etwa 60 Filmen abgehakt war, haben wir im damals für mich noch endlich scheinenden Scheißfilmkosmos herumgekramt. Bei Hai-Filmen ist das Angebot unbegrenzt. Bei anderen Genres dachte ich, es geht irgendwann aus. Aber Olli hat unglaublich viel Arbeit und Nerven investiert, sich Schmuckschuber von Drecksfilmen schicken lassen und sie im Keller studiert. Weil ich hinter seiner Energie hinterherhinkte, habe ich mir irgendwann nur noch seine Lieblingskandidaten vorstellen lassen und gesagt: „Ja, sehr gerne“ oder „Nein, auf keinen Fall“. Die Materiallage hat sich weiß Gott nicht beruhigt. Wir könnten durchaus über „SchleFaZ 300“ nachdenken. Olli hat einen fürs Zweierteam genommen und sich durch seinen Keller gewühlt, der mittlerweile aussieht wie eine Videothek aus den 80ern. Er zieht die Akquise, und ich sage am Ende ja oder nein.

TV-MEDIA: Wie entstehen Ihre Doppelkonferenzen? Schreiben Sie die Texte selbst?

Rütten: Absolut. Seit dem Anfang übernimmt jeder einen Film und schreibt die Auswertung komplett für den anderen mit. Wir hatten gegenseitig überhaupt keine Änderungswünsche, weder bei Tonalität noch Ausdrucksweise oder inhaltlicher Richtung. Das ist in der von Eitelkeiten nicht ganz freien Autorenszene ein echtes Pfund (lacht).Dieses Schema ist die Grundlage dafür, dass wir auf 200 Folgen zusteuern. Es mindert den Leidensdruck, diese Filme 40.000 Mal vor- und zurückzuspulen. Ich gehe in meine Filme, Olli in seine, und am Ende freuen wir uns darauf, was der andere ausgepackt hat. Uns war klar, dass wir nicht jeden Film nur in die Grütze quatschen können. Wir mussten uns breit aufstellen in unseren Kunstfiguren als Filmkritiker – auch wenn vieles autobiografisch ist, wie bei mir der Kölschkonsum oder bei Olli eine üppige Mahlzeit. Ich bin wahnsinnig happy, dass wir 2026 immer noch so viel Spaß daran haben, trotz des ironisierten Leidensdrucks. Am Set überraschen wir uns gegenseitig mit den Kostüm- und Maskenvorschlägen. Jeder schreibt ein Buch durch, und wir präsentieren es.

TV-MEDIA: Themenwechsel: 1996 haben Sie bei Harald Schmidt als Autor angefangen. Wann wussten Sie, dass Sie beruflich in diese Richtung wollen?

Rütten: Als ich wusste, dass ich auf gar keinen Fall Zahntechniker werde (lacht) und sich meine Bands aus Altersgründen auflösen mussten. Ich wollte Rockstar werden. Als ein Plattenvertrag von der EMI im Raum stand und wir auf Tour sollten, war ich das Nesthäkchen – was mir danach nicht mehr oft passiert ist. Meine Kollegen hatten Kinder und feste Jobs bei Mannesmann oder der Post. Die konnten nicht spontan sechs Wochen auf Tour. Damit war das Thema begraben. Ein Freund animierte mich, den Quatsch, den ich privat erzähle, beim WDR für Unterhaltung am Wochenende einzureichen. Dann schrieb ich einen Sketch über das Robbensterben und ölverklebte Möwen, und wie eine Familie trotzdem ihren Urlaub genießt. Das wurde von Größen wie Hanns-Dieter Hüsch umgesetzt. Als ich das hörte, dachte ich: „Mensch, das ist ja richtig schön, dass du mit deinen Gedankengängen Idole dazu bewegst, so etwas zu spielen“. Ich schrieb für die „Dirk Bach Show“, Hella von Sinnen und die „Thomas Koschwitz Show“. Da wurde mir klar, dass das ein belastbares Berufsbild sein könnte. Als die Show trotz hervorragender Quoten abgesetzt wurde, war ich verzweifelt. Dann rief Harald Schmidt an. Unsere Vision für die Show hatte eine Schnittmenge. Er bot mir unfassbar viel Geld an, und ich sagte: „Okay, mach ich“ (lacht).

TV-MEDIA: Was konnten Sie aus der Schmidt- Zeit mitnehmen?

Rütten: Die Fähigkeit, sich selbst bei kompletter Übermüdung so zu inspirieren, dass man sich für die Tagesleistung nicht schämen muss. Als Chefautor setzt man das gesamte Material zusammen, nicht nur die eigenen Sachen. Ich hatte fantastische Staff-Writer, mit denen wir jeden Montag mit Harald die Themenlage durchgingen. Auf diesem Team konnte man spielen wie auf einem Instrument, wenn man die Themen richtig zuschanzte oder sich die Kirschen herauspickt. Ich habe gelernt, mich unter körperlicher Zerrüttung und mentaler Verzweiflung so zu motivieren, dass ich erhobenen Hauptes die Show gucken konnte. Natürlich waren auch grottenschlechte Sendungen dabei. Aber die Eigenschaft habe ich noch. Auch wenn „SchleFaZ“ mich besonders quält: Es gibt immer einen Weg, sich in Stimmung zu bringen – und wenn es Autoerotik ist (lacht).

TV-MEDIA: Bei Schmidt haben Sie auch Ralf Husmann kennengelernt, dem Sie Ihr Engagement bei „Stromberg“ verdanken?

Rütten: Absolut. Wir saßen uns gegenüber, als die „Harald Schmidt Show“ noch von Brainpool produziert wurde. Irgendwann hatten wir zwei Headwriter. Es war mit die schönste Zeit, sich jeden Tag mit so einem eigenständig kauzigen Denker und Dichter auszutauschen. Es ist toll, wenn Menschen Ideen haben, auf die du nie kämest, und dich gleichzeitig für Ideen schätzen, die sie nicht hätten. Nach anfänglichem Misstrauen waren wir ziemlich dick befreundet. Ich durfte wohl als Erster seine „Stromberg“-Entwürfe lesen. Ich hatte Christoph Maria Herbst nicht vor Augen, war aber hin und weg, wie gut man das britische Original adaptieren kann. Aber egal, Ralf liebe ich einfach.

 TV-MEDIA: Konnten Sie als Autor bei Ihrer Rolle des Herrn Pötsch Inputs geben?

Rütten: Nein, das war gesetzt und vollkommen folgerichtig. Wenn du einen Figurenpark so minuziös kreierst, muss das so bleiben. Bei einem Buch von Ralf Husmann würde ich nie sagen: „Da sollte ich vielleicht einen Hut aufhaben“ oder „das emotional ganz anders anlegen“. Ich habe Pötsch sofort verstanden, weil diese Figuren Menschen abbilden, denen man selbst begegnet ist.Aber meine „Verletzung“ darüber, dass die Rolle so klein war, ist natürlich hoch (lacht). Auch im letzten „Stromberg“-Film war sie mir deutlich zu klein – ich bin mittlerweile in der Poststelle gelandet. Ralf hat sich am Drehtag meiner Kritik entzogen, weil er krank wurde (lacht). Aber ohne Scheiß: Das war die größte vertrauensvolle Grundlage, die ich je hatte. Bei „Stromberg“ kam einfach viel Gutes zusammen.

 TV-MEDIA: Worüber können Sie privat am meisten lachen?

Rütten: Über Ricky Gervais. Ich habe ihn in Berlin genossen. Diese Radikalität, mit der er bei seinem Ansatz bleibt, ohne sich um zeitgeistige Strömungen zu kümmern – von seinen Golden-Globes-Moderationen abgesehen (lacht). Jeder darf sich verletzt fühlen, aber am Ende gilt: „So what?“ Nur weil du dich verletzt fühlst, heißt das nicht, dass das, was ich sage, falsch ist. Eine Argumentation, um diesen Political-Correctness-Panzer zu ignorieren, unter dem wir in der deutschen Comedy leiden. Nicht mal Satire ist noch einwandfrei identifizierbar. Ich habe vor acht Jahren eine Greta-Thunberg-Satire verfasst, eine Nachsynchronisation ihrer UN-Rede „How dare you“. Ich fand, dass sie Angriffsflächen bietet, bevor man sie zur Ikone erhebt. Der Sender sagte: „Ja, großartig“, gesendet wurde es aus Vorsicht trotzdem nicht. Das fand ich verstörend, weil es wirklich lustig war.

TV-MEDIA: Anke Engelke sagt, manche Sachen aus „Ladykracher“ würde sie heute nicht mehr so spielen – zum Beispiel die Asiatin …

Rütten: Es ist schwer zu präsentieren. Aber Ankes unfassbare Gabe, verhaltensauffällige Frauen zu porträtieren, bleibt in jedem Kontext lustig. Bei „SchleFaZ“ muss man die Dinge vor dem Hintergrund neuer Sensibilitäten im Kontext ihrer Entstehungszeit betrachten. Das ist betreutes Scheißfilmgucken. Wenn ich keinen Rassisten mehr zitieren darf, kann ich meiner Tochter auch nicht erklären, was Rassismus ist und dass er zeitbedingt so stattgefunden hat. Beim Sexismus gilt das doppelt und dreifach, weil die 70er und 80er einen Ozean an Sexismen produziert haben. Bei „Ladykracher“ sollte man da lachen dürfen, wo man den Kern getroffen hat. Warum sollte das 15 oder 20 Jahre später plötzlich falsch sein?

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David Schoof
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