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„BRUNO – Der junge Kreisky”: Hauptdarsteller und Regisseur im Interview

Zum Kinostart des Biopics über die jungen Jahre des späteren Bundeskanzlers, der Österreich wie kaum ein anderer Politiker prägte, sprach TV-MEDIA mit den Hauptdarstellern Nils Arztmann und Maya Unger sowie Regisseur Harald Sicheritz

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Matthias Greuling
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Nils Arztmann, Maya Unger in „BRUNO – Der junge Kreisky”

© Matthias Greuling

NILS ARZTMANN: „Es war wahnsinnig spannend, seine Memoiren zu lesen”

 

Nils Arztmann verkörpert in Harald Sicheritz’ „BRUNO – Der junge Kreisky“ den späteren Bundeskanzler im Alter von 16 bis 27 Jahren. Im Gespräch erzählt er von der Freiheit, eine politische Ikone vor ihrer ikonischen Zeit zu spielen, von überraschenden Entdeckungen in Kreiskys Memoiren und von einer Rolle, auf die er sich vier Jahre lang vorbereitet hat. Den jungen Bruno Kreisky zu spielen bedeutet, einen Menschen darzustellen, dessen späteres Erscheinungsbild fest im kollektiven Gedächtnis verankert ist: die markante Stimme, der unverwechselbare Sprachduktus, die eindringliche Präsenz. Über den Jugendlichen und jungen Erwachsenen Kreisky existieren dagegen weniger vorgefertigte Bilder. Für Nils Arztmann liegt genau darin der Reiz der Rolle. Er konnte sich auf historische Quellen stützen und zugleich nach jenem Menschen suchen, der noch nicht wusste, dass er einmal zu einer der prägenden politischen Figuren Österreichs werden würde.

 

TV-MEDIA: Was ist das für ein Gefühl, eine politische Ikone wie Bruno Kreisky darzustellen – noch dazu in einer Zeit, in der er selbst noch keine Ikone war?

Nils Arztmann: Einerseits ist es wahnsinnig toll, weil man weiß, was aus diesem Menschen später geworden ist. Gleichzeitig gibt es unglaublich viel Material, mit dem man arbeiten kann. Man spielt jemanden, der tatsächlich existiert hat. Ich kann über ihn lesen, mir Aufnahmen ansehen und mich sehr ausführlich mit seinem Leben beschäftigen. Für mich als Schauspieler ist das ein Geschenk.

TV-MEDIA: Der junge Kreisky ist dem Publikum weit weniger vertraut als der spätere Bundeskanzler. Gibt Ihnen das auch interpretatorische Freiheit?

Arztmann: Absolut. Die meisten Menschen kennen die spätere Ikonografie Kreiskys. Sie haben seine Stimme, seine Gesten und seine gesamte Erscheinung im Kopf. Beim jungen Kreisky besitzt man mehr Freiheit, weil niemand mit Sicherheit sagen kann, wie er in jeder einzelnen Situation gesprochen oder sich bewegt hat. Auch sein charakteristischer sprachlicher Duktus hat sich erst später entwickelt. Ich kann mich daher an der historischen Person orientieren, ohne eine bloße Imitation des alten Kreisky liefern zu müssen.

TV-MEDIA: Bruno Kreisky war kein Zeitgenosse Ihrer Generation. Wie viel wussten Sie über ihn, bevor Sie die Rolle übernommen haben?

Arztmann: Ich bin geboren worden, als Kreisky bereits tot war. Trotzdem wusste ich schon vorher relativ viel über ihn – allerdings fast ausschließlich über den älteren Kreisky und seine politische Zeit. Alles, was ich heute über seine Jugend weiß, habe ich mir für den Film erarbeitet. Zum Glück gibt es sehr viel Material. Kreisky hat seine Erinnerungen niedergeschrieben, es existieren Videoaufnahmen, und auch über die damalige Zeit ist vieles dokumentiert.

TV-MEDIA: Gab es bei dieser Recherche besondere Überraschungen?

Arztmann: Es war wahnsinnig spannend, seine Memoiren zu lesen und festzustellen, wie genau sich das Drehbuch an die tatsächlichen Ereignisse hält. Beim ersten Lesen denkt man bei manchen Szenen zunächst: Das wurde jetzt aber sehr dramatisch verdichtet. Dann schaut man in den historischen Quellen nach und entdeckt, dass es tatsächlich so passiert ist. Dazu gehört etwa die Geschichte eines verlorenen Passes und die Art, wie die Polizei dadurch auf ein gefälschtes Dokument aufmerksam wurde. Manche Wendungen wirken wie für das Kino erfunden, stammen aber direkt aus Kreiskys Leben.

TV-MEDIA: Wie wichtig sind Kostüm und Ausstattung, um sich in das Milieu der 1920er- und 1930er-Jahre hineinzuversetzen?

Arztmann: Sehr wichtig. Bei dieser Rolle ist es vor allem das Gewand, weil es sofort eine andere Körperlichkeit erzeugt. Wenn man ständig einen Anzug trägt und gleichzeitig wahrnimmt, dass die Menschen rundherum anders gekleidet sind, erzählt das bereits etwas über die Figur, ihre Herkunft und ihre Stellung. Dazu kommen die Maske, die historischen Schauplätze und die Sets. Wenn man vollständig kostümiert und geschminkt ans Set kommt und plötzlich in diesen aufwendig gestalteten Räumen steht, befindet man sich augenblicklich in einer anderen Welt. Man saugt diese Atmosphäre auf, und es entsteht sofort eine andere Energie. Bestimmte Szenen könnte man gar nicht auf dieselbe Weise spielen, wenn man nicht in einem solchen Set stehen würde.

TV-MEDIA: Der Film begleitet Kreisky über einen vergleichsweise langen Zeitraum. Was bedeutet das für Ihre Darstellung?

Arztmann: Wir erzählen elf Jahre seines Lebens, von seinem 16. bis zu seinem 27. Lebensjahr. Dadurch ist sehr viel Unterschiedliches in der Rolle enthalten. Jede Szene besitzt eine andere Energie, und in jeder Szene geht es um etwas. Kreisky verändert sich, er sammelt Erfahrungen, entwickelt seine politischen Überzeugungen und wird allmählich zu dem Menschen, den man später kennt. Ich hoffe, dass sich das, was wir für die einzelnen Lebensabschnitte und Bilder gefunden haben, am Ende auch auf den gesamten Film überträgt.

TV-MEDIA: Nicht nur Kreisky ist eine österreichische Ikone, auch Harald Sicheritz hat das heimische Kino stark geprägt. Welche Beziehung hatten Sie zu seinen Filmen?

Arztmann: Ich bin mit seinen Filmen aufgewachsen. Bei uns zu Hause läuft „Muttertag“ tatsächlich bis heute an jedem Muttertag. Die Zusammenarbeit mit Harald ist einzigartig. Er hat sich sehr lange und intensiv mit diesem Projekt beschäftigt und weiß ganz genau, was er will. Trotzdem schafft er es, jeder und jedem Einzelnen von uns große Freiheit zu geben. Wir dürfen unterschiedliche Varianten ausprobieren und immer wieder nach neuen Möglichkeiten für eine Szene suchen.

MAYA UNGER: „Man zieht das Kleid an – und bewegt sich sofort anders“

 

Maya Unger spielt in Harald Sicheritz’ „BRUNO – Der junge Kreisky“ Adele, eine prägende Figur im Leben des jungen Bruno Kreisky. Im Gespräch erzählt sie, wie historische Kostüme den Weg zu einer Rolle öffnen, weshalb Kreiskys politische Hinterlassenschaft für ihre Generation weiterhin spürbar ist und wie Sicheritz seinen Darstellerinnen und Darstellern durch Ruhe und Vertrauen Sicherheit gibt. Unmittelbar vor dem Gespräch hat Maya Unger eine aufwendige Szene absolviert: Sie singt, tanzt und tritt vor einem großen Publikum auf. Beim ersten Versuch sucht sie noch nach dem richtigen Zugang, beim zweiten fügt sich plötzlich alles zusammen. Dass solche Momente entstehen können, verdankt sie auch Regisseur Harald Sicheritz. Er schaffe eine Atmosphäre, in der man sich einer Figur annähern dürfe, ohne vom ersten Augenblick an perfekt funktionieren zu müssen.

 

TV-MEDIA: Wie fühlt es sich an, in ein historisches Kostüm zu schlüpfen? Hilft Ihnen das dabei, den Charakter der Figur zu finden?

Maya Unger: Unglaublich. Das Kostüm hilft einem enorm. Man zieht das Kleid an, bekommt die entsprechende Frisur und bewegt sich plötzlich ganz anders. Offenbar ist in uns sehr viel von dem gespeichert, was wir über frühere Zeiten gesehen und aufgenommen haben. Man kommt dadurch beinahe augenblicklich in einen anderen Körper hinein. Das ist schön, weil es einen selbst überraschen kann. Bei einer Rolle gibt es so vieles, das man vorbereiten und erarbeiten möchte. Umso beglückender ist es, wenn manches einfach geschieht. Wenn der Körper die Figur plötzlich von selbst findet, setzt das etwas frei.

TV-MEDIA: Bruno Kreisky gehört nicht mehr zu Ihrer eigenen Erinnerung. Was bedeutet er für Sie als Angehörige einer jüngeren Generation?

Unger: Natürlich habe ich keine persönlichen Erinnerungen an ihn. Trotzdem ist Bruno Kreisky für mich sehr wohl ein Begriff, weil mir bewusst ist, was während seiner politischen Zeit geschaffen und angestoßen wurde – und wie sehr wir davon bis heute profitieren. Ich denke etwa an den Mutter-Kind-Pass, an den Ausbau öffentlicher Einrichtungen und Krankenhäuser oder an den sozialen Wohnbau. Das sind Dinge, die meinen Alltag und auch jenes Wien prägen, das ich liebe und in dem ich sehr gerne lebe. Ich habe zu Kreisky daher keinen privaten, nostalgischen Zugang, wie ihn vielleicht ältere Menschen besitzen. Seine politische Wirkung ist für mich aber durchaus gegenwärtig.

TV-MEDIA: Wie erlebt man Harald Sicheritz als Regisseur?

Unger: Harald besitzt eine große Stärke, die wahrscheinlich auch aus seiner Erfahrung und den vielen Filmen kommt, die er gedreht hat: Er schenkt uns Vertrauen und strahlt zugleich eine unglaubliche Ruhe aus. Das ist ein Riesengeschenk. Es vermittelt einem das Gefühl, dass man all diese Dinge, die in einer Szene zu bewältigen sind, tatsächlich schaffen kann. Das klingt vielleicht zunächst unspektakulär – er ist eben ruhig –, aber für die Arbeit bedeutet das sehr viel. Gerade bei einer Szene wie jener, die ich eben gespielt habe, mit einem Lied, einer Choreografie und einem großen Publikum, braucht man dieses Vertrauen. Harald gibt mir beinahe ein Urvertrauen. Er vermittelt mir: Ich weiß, dass du das kannst. Und dadurch kann auch ich daran glauben und den Moment genießen.

TV-MEDIA: Bei dieser Szene hat man gemerkt, dass Sie sich vom ersten zum zweiten Take noch einmal deutlich gesteigert haben. Spürt man selbst, wann alles zusammenfindet?

Unger: Ja, das spürt man. Man muss in eine solche Szene erst hineinkommen und sich an sie herantasten. Beim ersten Mal ist vielleicht noch nicht alles da, beim zweiten fügt es sich plötzlich zusammen. Harald gibt einem den nötigen Raum dafür. Man darf sich hineinfühlen, und es muss nicht schon beim ersten Versuch alles vollkommen sein. Das nimmt den Druck und ermöglicht genau jene Momente, in denen eine Szene wirklich lebendig wird.

Harald Sicheritz

© Matthias Greuling

HARALD SICHERITZ: „Mittlerweile ist es eine dringend aktuelle Geschichte“

 

Harald Sicheritz hat mit seinen Komödien österreichische Filmgeschichte geschrieben. In „BRUNO – Der junge Kreisky“ erzählt er nun vom Heranwachsen eines Mannes, der die Republik später prägen sollte. Ein Gespräch über den Wunsch, die Welt zu verändern, die Besetzung einer politischen Legende und das jahrelange Ringen um einen historischen Kinofilm.

TV-MEDIA: Sie erzählen von einem jungen Menschen, der sich mit den Verhältnissen nicht abfinden will. Was interessiert Sie daran besonders?

Harald Sicheritz: Dass diese Geschichte so aktuell ist. Früher hätte ich gesagt: zeitlos aktuell. Mittlerweile sage ich: dringend aktuell. Da ist ein Mensch, der schon sehr früh findet: So, wie die Welt ist, ist sie nicht gut. Sie muss besser werden, und ich möchte daran mitarbeiten. Dazu kommt bei Kreisky die Überzeugung: Ich kann das auch. Er hat sich schon in jungen Jahren zugetraut, etwas zu verändern und war überzeugt, dafür Talent zu haben.

TV-MEDIA: Der spätere Bundeskanzler ist ein Nationalheiligtum. Seine Jugend kennt man hingegen kaum. War gerade das ein Anreiz?

Sicheritz: Ja, ich fand diesen Zugang sehr reizvoll. Sobald man Kreiskys Rückkehr aus Schweden und sein Leben in der Zweiten Republik erzählt, bestimmen die politischen Zusammenhänge ganz wesentlich die Geschichte. Natürlich ist Politik auch bei uns ein wichtiger Faktor. Im Mittelpunkt steht aber das Erwachsenwerden eines jungen Mannes, der erst später zur Legende wird. Wir erzählen ein Coming-of-Age.

TV-MEDIA: Wie viel Vorwissen braucht das Publikum dafür?

Sicheritz: Wir haben den Film so angelegt, dass man kein besonderes geschichtliches Wissen mitbringen muss. Gerade ganz junge Menschen wissen teilweise nicht mehr, wer Bruno Kreisky war. Die Geschichte soll auch für sie funktionieren.

TV-MEDIA: Von wem kam der Anstoß, daraus einen Kinofilm zu machen?

Sicheritz: Von Fritz Schindlecker. Er kam zu mir und fragte, ob ich das Kinodrehbuch machen und dann, wenn das Projekt zustande kommt, auch Regie führen möchte. Ich fand die Idee ebenso einfach wie genial. Es hatte ja noch niemand einen Spielfilm über Kreisky gemacht – weder über den jungen noch über den älteren.

TV-MEDIA: Mit Nils Arztmann steht ein Schauspieler im Zentrum, der Kreisky selbst nicht mehr erlebt hat. Wie fiel Ihre Wahl auf ihn?

Sicheritz: Als ich ihn kennenlernte, war er ein auffälliger, geradezu verhaltensauffälliger Reinhardt-Seminarist. Ich habe ihn und sechs andere Kandidaten gecastet. Das ging über mehrere Runden, und am Ende blieb er übrig. Besonders aufschlussreich war es, ihn mit anderen Schauspielerinnen und Schauspielern spielen zu lassen. Schon an deren Reaktionen beim gemeinsamen Spielen habe ich gemerkt, dass er mit Sicherheit der Beste ist. Inzwischen ist er ein junger Star der Josefstadt. Als ich zum ersten Mal dachte, wir würden jetzt drehen, war das noch nicht so.

TV-MEDIA: Zwischen der ersten Idee und dem Dreh lag also einiges an Zeit?

Sicheritz: Sehr viel Zeit. Die ersten Aufnahmen über die Entstehung des Projekts stammen von 2019. Wir haben über Jahre versucht, zusätzliches Geld aufzutreiben. Deshalb ist es schön, dass es in Zusammenarbeit mit Danny Krausz und Milan Dor schließlich gelungen ist, das Projekt so einzudampfen, dass es mit den vorhandenen Mitteln machbar und trotzdem noch sehenswert war. Finanziert war es dann mit Ach und Krach.

TV-MEDIA: Bekannt geworden sind Sie vor allem mit Komödien. Gehen Sie an ein ernstes historisches Drama grundsätzlich anders heran?

Sicheritz: Ich glaube, das ist wurscht. Im besten Fall hat man eine Handschrift, mit der man Geschichten erzählt. Wie diese Handschrift aussieht, kann man selbst allerdings nur schwer beurteilen. Das können andere meistens besser.

TV-MEDIA: Was zieht Sie zum historischen Film?

Sicheritz: Ich liebe historische Filme sowieso. Ich habe auch schon mehrere fürs Fernsehen gedreht. Im Kino ist das jetzt mein erster Film, der durchgehend historisch ist. Dazu kommt, dass ich Politikwissenschaft studiert habe. Schon als junger Mensch ist mir aufgefallen, wie stark unsere Vorstellungen von vergangenen Zeiten aus Filmen stammen. Das gilt besonders für Epochen, aus denen es nur wenige dokumentarische Filmaufnahmen gibt. Ein großer Teil dessen, was wir über diese Zeiten zu wissen glauben, kommt aus solchen Filmen.

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