Bis heute ist Natürlich blond ein vielzitierter Klassiker. Jener Film über Elle Woods, der das Stereotyp ad absurdum führte und zeigte, dass man Pink, Shopping und Maniküre lieben kann, ohne oberflächlich und dumm zu sein. Vielmehr noch, als angehende Anwältin in Harvard beweist Elle Mitgefühl und scharfen Verstand und emanzipiert sich von der Idee, nur einem Mann gefallen zu wollen. Ein Frau, die alles haben konnte, Cosmopolitan-Abo und Karriere, ohne auf etwas verzichten zu müssen.
Für 2001 erfrischend vorausblickend. Hauptdarstellerin Reese Witherspoon katapultierte der Film vom Teenie- zum Weltstar. 2003 folgte eine Fortsetzung, 2009 ein weniger bekannter Ableger rund um Elles Cousinen. 2007 entstand die Musicalversion des ersten Films am Broadway.
Pünktlich zum 25. Jubiläum also und nach einigen erfolglosen Versuchen, einen dritten Film mit Witherspoon zu drehen, debütiert Prime Video die erste Staffel eines Serienablegers. Doch statt Superanwältin Elle in der Gegenwart zu folgen, hüpfen wir noch ein paar Jahre in die Vergangenheit und landen bei Teenie-Elle im Jahr 1995. Nun verkörpert von Lexie Minetree, lebt Elle ein extravagantes, rosa getünchtes Traumleben im L. A.-Nobelviertel Bel Air, hat viele Freunde und ist nur mehr ein Schuljahr davon entfernt, Homecoming Queen zu werden. Doch diese pinken Träume zerplatzen wie Seifenblasen, als ihre Eltern verkünden, dass sie umziehen. Elles Vater Wyatt (Tom Everett Scott) hat einer Kundin die Nasen-OP verpatzt. Nun müssen die Woods erst einmal untertauchen. Das Ziel ist Seattle. Ein Ort, der nicht konträrer zum sonnigen L. A. sein könnte. Hier regieren Regenschauer, Grunge und Counterculture, jeder trägt Hoodies oder Flanellhemden und fährt Skateboard, und in den Klassenzimmern wird statt der neuesten Cosmopolitan diskutiert, ob Eddie Vedder oder Kurt Cobain besser ist. Die Serie mag hier ein wenig zu sehr auf die Tube drücken, aber klar ist: Wie später in Harvard, wo Elle zunächst wie ein bunter Hund auffällt, wirkt sie auch hier komplett deplatziert. Wie kann sie beweisen, dass sie nicht einfach eine „blonde Barbie“ ist?
Das mag inhaltlich in den ersten Minuten alarmierend wirken, dass Elle hier einfach das Konzept des ersten Films kopieren könnte. Doch Minetrees Elle ist ungleich Witherspoons unbeirrter Figur unsicherer, sucht noch mehr ihre Rolle in dieser neuen Umgebung. Vielleicht hat sie ihre spätere Stärke durch diese erste Außenseiter-Erfahrung entwickelt, denn einfach ist es für Elle nicht. Erste zarte Freundschaften knüpft sie mit dem sozialen Aktivisten Dustin (Zac Looker) und der kreativen, alternativen Liz (Gabrielle Policano); gleichzeitig macht ihr die populäre, fiese Kimberley (Chandler Kinney) das Leben schwer. Und eine weitere Lektion steht Elle noch ins Haus: Auch wenn ihr Herz am rechten Fleck ist, kann ihr Engagement die Dinge schon mal verschlimmern. Aber Elle wäre nicht Elle, wenn sie nicht aus ihren Fehlern und den Menschen um sich herum lernen wollen würde …
Diese Lektion, sich selbst treu zu sein, aber ein besserer Mensch zu werden, liest sich wie eine Chimäre aus „Natürlich blond“ und dem anderen berühmten Valley Girl von 1995, Cher aus „Clueless“. „Elle“ gelingt es dennoch, sich mit einer originellen Geschichte, einer charmanten Hauptdarstellerin und einer ernst gemeinten Reflexion über den eigenen Platz in dieser Welt eine eigene Nische zurechtzuzimmern und diese mit viel pinkem Optimismus zu füllen.
