Man könnte fast meinen, der britische Drehbuchautor Steven Knight habe einen Fetisch für enge, schmutzige Gassen, Männer mit Hut und zu Pferd und Geschäfte in Hinterzimmern von Pubs. Doch diesmal entfalten sich diese Szenen nicht etwa im Birmingham der Zwischenkriegszeit, und die Hauptfiguren sind auch nicht die „Peaky Blinders“. Wir befinden uns, rund ein halbes Jahrundert davor, in Dublin, Irland. Die Personen, die hier ihre Machenschaften abwickeln, sind keine Straßengangs, es ist die hochrespektierte protestantische Brauerei-Familie Guinness. In ihren Kesseln wird das schwarze Gold gebraut, das heutzutage aus keinem Pub mehr wegzudenken ist. Doch als wir den Geschwistern – dem Ältesten und anstrebenden Politiker Arthur (Anthony Boyle), dem progressiven und geschäftstüchtigen Edward (Louis Partridge), der oft übersehenen, da eine Frau, aber einfühlsamen Anne (Emily Fairn) sowie dem von Alkohol und Schulden gezeichneten Ben (Fionn O‘Shea) – 1868 begegnen, ist die Marke Guinness nur auf den britischen Inseln ein Begriff.
Das will Edward auch so schnell wie möglich ändern. Das Bier-Imperium soll an der Ostküste Amerikas, in New York und Boston, endlich Fuß fassen. Seine Pläne werden aber von allerhand Faktoren durchkreuzt. Zum einen stellt sich heraus, nachdem sie ihren Vater Benjamin zur Ruhe gebettet haben, dass dieser die Brauerei zu gleichen Teilen ihm und Arthur vermacht hat. Wer geht, verliert alles. Arthur hat aber nicht nur wenig Interesse am Bier brauen, er ist auch wie der Vater ein konservativer Loyalist, der nicht viel Wert auf die katholische Bevölkerung, die damals noch abwertend genannten „Fenians“, gibt. Noch ist Irland jedoch Teil des Vereinigten Königreiches; Arthur wird die Stimmen der Iren brauchen, um politisch Karriere zu machen. Zum anderen benötigt Edward die Iren an der Ostküste, um das Bier in Amerika beliebt zu machen. Umbrüche stehen an. Allianzen, unter anderem mit der Anführerin der Unabhängigkeitskämpfer, Ellen Cochrane (Niamh McCormack), werden geschmiedet. Aber wie jede aristokratische Familie haben auch die Guinness Leichen im Keller, die das Haus in sich zusammenfallen lassen könnten ...
Die Brillanz der „Peaky Blinders“ mag „House of Guinness“ zwar nicht haben, für einen spannenden Blick in die Umbrüche der irischen Gesellschaft Mitte des 19. Jahrhunderts reicht es aber allemal. Knight, der übrigens auch für das Skript des neuen „James-Bond“-Films verantwortlich zeichnet, verbindet gekonnt komplexe Familienbeziehungen, die Nachwehen der irischen Hungersnot sowie die Thematik der Philanthropie als Gratwanderung zwischen Menschenliebe und als kapitalistisches Mittel zum Zweck. Unterlegt ist der wilde Spaß noch mit toller Musik von irischen Künstlern wie Fontaines D.C. oder Kneecap.
