Mike Flanagan weiß, dass wir das tragisch-blutige Schicksal der jungen Carrie schon kennen, also beginnt er die Geschichte gleich am Ende. In der ersten Szene der Serie nach Stephen Kings Debütroman sehen wir traumatisierte Zeug*innen über den Fall der gemobbten Schülerin sprechen. Ist Carrie White eine Verrückte gewesen oder doch nur ein Opfer der Umstände? Wie in einer True-Crime-Doku fängt Flanagan die Erzählung nach der ‚Tat‘ an und schildert dann, wie es dazu kam. Die zentralen Elemente der Buchvorlage und die Hauptfiguren bleiben erhalten, doch diese Carrie-Interpretation ändert im Vergleich zu bisherigen Adaptionen einiges.
1976 setzte Brian De Palma Kings Gruselgeschichte mit Sissy Spacek stilbildend um, 2013 folgte ein weniger geglücktes Remake mit Chloë Grace Moretz. Nun spielt die Newcomerin Summer H. Howell Carrie White, die in einem streng religiösen Haushalt aufgewachsen und völlig isoliert von der Außenwelt groß geworden ist. Nach dem Tod ihres Vaters werden die Behörden auf sie und ihre fanatisch-religiöse Mutter Margaret (Samantha Sloyan) aufmerksam und erwirken, dass Carrie erstmals eine öffentliche Schule besuchen muss. Die Unterschiede zu ihren Mitschüler*innen sind von Beginn an drastisch: Carrie schneidert sich ihre Kleidung selbst, hat keine Ahnung von Computern oder Smartphones und denkt, dass sich alle Mädchen in ihrem Alter für Literatur interessieren. Als das Mobbing immer heftiger wird, treten nach und nach Carries übernatürliche Kräfte zutage, bevor die Geschichte auf das ikonische Blutbad am Abschlussball zusteuert …
Anders als in der Vorlage und den bisherigen Verfilmungen zeichnet Flanagan Carrie nicht von Beginn an als Außenseiterin, sondern führt das junge Mädchen als unschuldig auf die Welt blickendes Kind ein, das schnell vom Horror der heutigen Welt geschockt wird. Als sie erstmals die Schule betritt, ist für sie jedes Detail aufregend. Carrie ist freundlich und interessiert, doch als ihr erster Schultag von einer Terror-Übung unterbrochen wird, kann sie die Simulation nicht von der Realität unterscheiden. Schon am nächsten Tag kommt es zu der berühmten Duschszene. Anders als in den 70ern filmen ihre Mitschülerinnen die verzweifelte Carrie aber und posten das Video auf Social Media. Die Abgründe unserer heutigen digitalen Welt erleben wir durch die Augen der unschuldigen Carrie wie zum ersten Mal. Die bekannte Geschichte aktualisiert Flanagan geschickt für die Gegenwart und erzählt von digitalem Mobbing, Amokläufen an Schulen, unter Druck gesetzten, verstörten Kindern und einer Welt, die aus den Fugen geraten zu sein scheint. Fans der Vorlage könnten die Veränderungen zu weit gehen, die Stimmung ist weniger düster, die übernatürlichen Elemente stärker ausgearbeitet und Carries Mutter nicht mehr das pure Böse. Vielmehr erscheint Margaret als besorgte Frau, die perfiden Verschwörungstheorien zum Opfer gefallen ist. Flanagan, der sich mit zahlreichen Stephen-King-Adaptionen (Gerald’s Game, The Life of Chuck) und Horrorserien (The Haunting of Hill House) einen Namen gemacht hat, interessiert sich eben nicht für ein simples Remake, sondern erweitert die Geschichte und die Figuren und nutzt das Serienformat voll aus. Auch den Mobbern rund um Chris (Alison Thornton) gibt er mehr Raum und eigene Motive. Die Drastik der Vorlage tauscht er gegen Vielstimmigkeit.
Zeitweise wirkt Carrie mehr wie ein Teenagerdrama als eine Horrorserie, denn schockierend oder beängstigend wie im Film von De Palma ist die Geschichte bei Flanagan selten. Dank einer grandiosen Jungdarstellerin und stark gespielten Nebenfiguren wirkt diese Neudeutung aber stets stimmig und macht Carrie als Figur deutlich nahbarer und komplexer. Zu einem poppigen, aber atmosphärischen Soundtrack entfaltet sich eine vielschichtige Story, die sich nur dann verhebt, wenn sie Carries Fähigkeiten in einen größeren historischen Kontext setzen will. Am Ende zeigt uns Flanagan natürlich schon noch seine Version des Finales, und auch die ist völlig anders als erwartet.
