Beschreibung
„Nelly, ich bin Heathcliff! Er ist immer, immer in meinem Bewusstsein. Nicht als etwas Angenehmes, genauso wenig wie ich mir selbst immer angenehm bin, sondern als mein eigenes Sein.“
So lauten die berühmten Worte von Cathy Earnshaw (Margot Robbie), in denen sie sich zu ihrer alles verzehrenden, Identitäten verschwimmen lassenden Liebe zu ihrem Ziehbruder Heathcliff (Jacob Elordi) bekennt.
Worte, die sich auch in Emerald Fennells Adaption der Vorlage „Sturmhöhe“ von Emily Brontë wiederfinden, einer der wenigen klaren Anker, auf die diese Interpretation des Literaturklassikers wohl nicht verzichten wollte. Denn die dramatische, zerstörerische Liebe der beiden Protagonisten übernimmt in diesem Film komplett das Ruder. Die weitläufigere, Generationen umfassende Abhandlung von Gewalt, sozialer Klasse, Rache und Außenseitertum rückt dagegen in den Hintergrund.
Schon in den ersten Minuten ist unschwer zu erkennen, welchen Drahtseilakt Emerald Fennell zwischen Leid und Leidenschaft meistern will. Bei der Hängung eines Unbekannten klingt dessen Röcheln wie sexuelle Erregung. Das Volk ist berauscht von Tod und Tragik. Unter ihnen: die kleine Cathy. Sie lebt ein meist sehr einsames Leben in den Mooren von Yorkshire, ihre jugendliche Gesellschaft ist Haushälterin Nelly (Hong Chau). Das alles ändert sich jedoch, als Cathys irrationaler, oft betrunkener Vater (Martin Clunes) einen verarmten Buben mit nach Hause bringt, den Cathy Heathcliff tauft. Fortan sind die beiden unzertrennlich, schwören sich im Geheimen ewige Liebe. Doch mit dem Erwachsenenalter tritt die Realität ein, und es wird Cathy klar, dass sie nach oben heiraten muss, um der Misere und der Pleite daheim zu entfliehen. Eine interessante Partie könnte der neue Nachbar Edgar Linton (Shazad Latif) sein. Auch sein Mündel Isabella (Alison Oliver) schließt Cathy sofort ins Herz. Doch die Verlobung führt dazu, dass ein gebrochener Heathcliff verschwindet. Als Cathy sich Jahre später mit Luxus, aber Mangel an Leidenschaft in ihrem Leben arrangiert hat, taucht Heathcliff eines Tages als gemachter Mann wieder auf …
Rezension: Unsere Kritik zum Film
Wer die Erwähnung von Cathys Bruder Hindley vermisst, der hat sich nicht verlesen. Diesen sowie die Kinder von Cathy, Heathcliff und Hindley sucht man vergebens. Dafür schwingt Shakespeares „Romeo und Julia“ im Film mit. Die tragische Beziehung der Figuren steht im Zentrum der Handlung, um sie herum schwingen Lüge, Macht und Manipulation mit. Die eigene Fehlbarkeit und die Grausamkeit, mit der sie an ihrem Umfeld Rache nehmen, offenbart sich nur in Ansätzen.
Fennell inszeniert das Paar als tragische Helden. Liebe wird statt der zerstörerischen Macht in der Vorlage zu einer sexuellen Emanzipation. Die brodelnde Dynamik zwischen Margot Robbie und Jacob Elordi – für seinen Part in Guillermo del Toros „Frankenstein“ oscarnominiert – kann man auch nicht abstreiten. Viel wurde auch vorab in der Presse über etwaige „Abhängigkeitsverhältnisse“ der beiden während des Drehs geschrieben. Ebenso dynamisch und suggestiv ist die Inszenierung: Blutrote Farbtupfer in einer kalten, fahlen Landschaft. Anspielungen auf weibliche Geschlechtsorgane in Blumen, Früchten und Felsen. Sinnlichkeit in zerbrochenen Eiern, riesigen, saftigen Erdbeeren oder im Teigkneten. Das Schlafzimmer bei den Lintons besitzt die Farbe von Cathys Haut. So, als wäre man in der eigenen Haut, dem eigenen Körper gefangen. Das schaut zwar zunächst gut aus und unterhält, aber Fennell muss sich letztendlich den altbekannten Kritikpunkten ihrer Filme stellen: Stil über Substanz. Kritische Themen, die nur ansatzweise angerissen werden. In der Masse an „Wuthering Heights“-Adaptionen ist es nicht verkehrt, mal etwas Neues zu probieren. Doch Fennell weiß letzten Endes leider nicht, worauf sie mit dieser reduzierten Handlung inhaltlich hinaus will.
