Beschreibung
Am 7. Mai 1945 stoppen US-Soldaten der 37. Infanterie-Division zwischen Radstadt und Zell am See eine fette schwarze Mercedes-Limousine, die herrisch hupend gegen den Strom der erschöpften, schicksalsergebenen Flüchtlingskolonnen rollt. Die GIs umstellen das Fahrzeug – und es fallen ihnen beinahe die Augen raus, als sie sehen, wer sich da schnaufend aus dem Fond wuchtet: Reichsmarschall Hermann Göring (Russell Crowe) in Paradeuniform – der sich den Westalliierten mit dem leutseligen Hinweis ergibt, man möge sich um sein Gepäck im Kofferraum kümmern … Monate später sitzt Göring in Gewahrsam der Amerikaner – und die wissen noch nicht, was sie mit ihm und den anderen lebend festgenommenen Nazi-Größen wie Karl Dönitz, Rudolf Hess, Julius Streicher oder Hans Frank anfangen sollen. Gleich erschießen – oder das Risiko eingehen, diesen Verbrechern beim internationalen Kriegsverbrecherprozess ein Podium der Rechtfertigung zu geben?
Noch dazu rätseln US-Topjuristen wie Supreme-Court-Richter Robert H. Jackson (Michael Shannon), nach den Gesetzen welchen Landes so ein Prozess stattfinden könnte. Nur eines ist klar: Man muss sich darum kümmern, dass die Nazi-Bonzen am Leben bleiben und sich nicht wie Adolf Hitler, Propagandaminister Joseph Goebbels oder SS-Reichsführer Heinrich Himmler durch Selbstmord aus der Verantwortung stehlen. Das wird dem jungen Psychiater Douglas M. Kelley (Rami Malek) übertragen.
Er soll die insgesamt 22 hochrangigen Gefangenen auf ihre innere Stabilität überprüfen. Vor allem soll er ein Auge auf den schwer von Schmerzmitteln abhängigen und physisch angeschlagenen Göring haben. Während sich die übrigen Bonzen als arrogant-verschlossene und uneinsichtige Nationalsozialisten wie aus dem Lehrbuch erweisen, ist es ausgerechnet der von Kelley auf Entzug gesetzte Göring, zu dem er vom ersten Moment an ein jovial-freundliches, fast heiteres Verhältnis hat. Für den exzellenten Beobachter Kelley ist das die große Chance, Fakten für ein Buch über die Natur des Bösen und die Unterschiede zwischen Deutschen und Amerikanern zu sammeln. Für den so intelligenten wie skrupellosen Ex-Reichsmarschall eine Chance, bei den Amerikanern Pluspunkte für sich zu sammeln. Als die Alliierten sich tatsächlich für einen großen Prozess in Nürnberg entscheiden und dort die Gräuel an den Tag kommen, die Göring mitzuverantworten hatte, fallen die Masken …
Rezension: Unsere Kritik zum Film
Als Stanley Kramer 1961 seinen bis heute unerreichten Klassiker „Das Urteil von Nürnberg“ (Oscar für Maximilian Schell) zum Thema schuf, hatte er einen Vorteil: Damals kannten die Menschen Namen und Funktionen der Täter im Dritten Reich aus eigenem Erleben.
Heute ist das anders, und darum muss Regisseur James Vanderbilt viele Szenen und Dialoge dazu nutzen, erst mal genau zu erklären, wer ist wer. Das schafft aber auch Raum für dezenten Humor. Die Sequenz etwa, die den ziemlich verrückten Rudolf Hess präsentiert, erinnert fast an Monty Python. Insgesamt glänzt die Inszenierung durch eine dichte und glaubwürdige Atmosphäre dieser Nachkriegszeit – die KI produziert eindrucksvolle Ergebnisse wie bei den Ruinenhintergründen des zerbombten Nürnberg; bloß bei der Darstellung der bergigen österreichischen Region, wo Göring eigentlich verhaftet wurde, da blieb man preiswert flach.
Eigentlich müsste man sich diesen Film in der englischen Originalsprache ansehen: Russell Crowe, derzeit etwas breiter, als es Göring 1946 tatsächlich war, hat sich brav bemüht, seine Dialoge auf Deutsch zu lernen. Erst später schwenkt er auf Englisch mit hartem deutschem Akzent um. Das gelingt mal besser, mal gar nicht und sorgt anfangs für unfreiwillige Heiterkeit. Allerdings gewöhnt man sich im Lauf des Films daran, bloß lässt ihm die Regie immer wieder einzelne Wörter oder Satzteile durchgehen, bei denen sich der Native Speaker durchsetzt. Trotzdem macht Crowe seine Sache nicht schlecht. Allerdings hat man oft den Eindruck, dass sich die bärenstarke Persönlichkeit des gebürtigen Neuseeländers über die Figur des Reichsmarschalls legt und seine Verwandlung nicht so fugenlos ist wie die seiner Widersacher Michael Shannon und Rami Malek, der seinen Militärpsychiater so anlegt, dass man nie weiß: Ist das Besessenheit oder Berechnung? Das ändert aber nichts daran, dass „Nürnberg“ vor allem ein spannendes Psychoduell hinter jovialen Gesichtern ist, für ein historisch interessiertes Publikum sogar doppelt interessant.
