Beschreibung
Gary im US-Bundesstaat Indiana, wir schreiben das Jahr 1968. Tagsüber schuftet Joseph Jackson (Coleman Domingo) als Fabriksarbeiter. Am Abend drillt er seine vier Teenagersöhne Jackie, Tito, Jermaine und Marlon sowie den erst zehnjährigen Michael (Juliano Valdi) im Wohnzimmer zu einer Soultruppe mit Michael als kleinem Frontman. Sein Motto ist beinhart: „Im Leben gibt es nur zwei Arten von Menschen, nämlich Gewinner und Verlierer. Und wir sind keine Verlierer!“ Genauso hart sind seine Methoden. Widerspruch oder mangelnde Disziplin werden mit dem Gürtel beantwortet. Michael, der mit einem riesigen Talent gesegnet, aber hochsensibel ist, flüchtet sich vor seinem Vater in die Fantasieuniversen von Musicals, Zeichentrickfilmen und vor allem in die Märchenwelt von Peter Pan – ein Buch, das ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen wird. Tatsächlich schaffen es The Jackson 5 bei Tingelauftritten in Discos quer durchs Land, die Aufmerksamkeit des mächtigen Motown Records-Plattenlabels zu erregen. Dessen Chefproducer erkennt, was im kleinen Michael steckt, und beginnt ihn, von den eifersüchtigen Argusaugen des Vaters verfolgt, zu fördern. Und der Kleine bemerkt, dass auch er nicht vor den Täuschungen des Showbiz gefeit ist – man sagt ihm nämlich, obwohl er erst zehn ist, dass er sich jünger machen solle. Solche Leistungen würden von einem Achtjährigen beim Publikum noch besser wirken. Das Quintett erobert die Hitparaden; zehn Jahre später lebt die einstige Arbeiterfamilie, weiter knallhart dirigiert von Papa Joseph, in einem Luxusanwesen in L.A. Doch Michael, mittlerweile knapp 20 (jetzt: Jaafar Jackson), spürt, dass er seinen eigenen Weg gehen und eine Solokarriere anstreben muss. Undenkbar, denn der Patriarch hat alles im Griff und große Pläne, die das Logo der Jackson-Familie tragen und keine Alleingänge zulassen. Doch Michaels erstes Soloalbum Off The Wall bringt Risse in dieses Machtgefüge.
Rezension: Unsere Kritik zum Film
Eigentlich ist Regisseur Antoine Fuqua eher im Actionfach ("Equalizer"-Trilogie) daheim, aber mit Arbeiten über Muhammad Ali und die L.A. Lakers sowie einigen fetzigen Musikvideos hat sich der 60-Jährige schon vor Jahren für ein Biopic über den vielleicht größten Popstar der Welt qualifiziert. Und damit ist Fuqua auch ins härteste Projekt seiner Karriere gesprungen. Denn Michael hat Jahre der Produktion gebraucht, wurde mehrfach verschoben, umgeschnitten, neu gedreht und gekürzt. Kurz beschrieben: Zuerst lieferte Fuqua ein vielstündiges Monsterepos ab, das den ganzen Lebensbogen mit allen Erfolgen, aber auch die Abgründe von Michael Jackson verarbeitete. Doch dann grätschten rechtliche Einwände hinein. Seinerzeitige Agreements mit möglichen Missbrauchsopfern, die in dieser Version vorkamen, zwangen die Macher, diese Figuren und ihre Handlungsbögen wieder zu entfernen. Auch innerhalb der Familie gab es Begehrlichkeiten (Schwester Janet Jackson, auch ein Topstar, kommt zum Beispiel überhaupt nicht vor). Also wurde auf zwei Stunden gekürzt, der ganze dritte Akt mehr oder weniger neu gedreht.
Das jetzige Ergebnis lässt Zuseher, die Jacksons Platz in der Popgeschichte anerkennen, aber keine Hardcorefans sind, gespalten zurück. Einerseits schaffen Antoine Fuqua und sein Team ein bis zum Jahr 1988 eingegrenztes Teil-Biopic, wo sich historische Genauigkeit, Atmosphäre und Energie eindrucksvoll ergänzen. Die Musik ist perfekt eingesetzt, man erwischt sich oft beim Mitwippen und Mitsummen. Michael-Darsteller Jaafar Jackson (Neffe des King of Pop) wächst visuell zwar erst nach und nach ins Vorbild. Aber seine Bewegungen, Dynamik und Energie sind keine Nachahmung, sie sind magische Momente der Verwandlung. Jedoch muss man sagen: Heimlicher Star ist der kleine Juliano Valdi, der alles an die Wand spielt und singt. Die Konzertszenen, die Behind-the-Scenes-Teile (etwa, wie Jackson die Moves für das Musikvideo zu Beat it entwickelt), heben das Epos nochmals hoch. Angesichts solcher Perfektion fällt aber auch doppelt stark auf, dass spürbar gekürzt wurde und Lücken da sind; dass Michael nicht gegen eigene Abgründe kämpft (etwa der ignorierte Transformationswahn), sondern die einzig dunkle Macht Vater Joseph ist. Am Ende geht’s weniger um Karriere oder Ruhm, sondern nur um Loslösung – ein sehr reduziertes, kontrolliertes Jackson-Bild. Es erstaunt, dass seine Brüder dauernd im Hintergrund herumtanzen, aber völlig anonyme Stichwortgeber bleiben. Und es irritiert, dass dieses am Ende so umstrittene Wesen nur als geschlechtsloses, ewiges Kind im Körper eines erwachsenen Messias gefeiert wird. Trotzdem mehr als sehenswert, auch wenn man kein Fan ist. Im Abspann wird vorsichtig ein zweites Kapitel angekündigt. Mal sehen.

