Beschreibung
Du weißt, es ist gemein: Was lebt, muss sterben. Und Ew’ges nach der Zeitlichkeit erwerben. – So lautet eine Passage aus Hamlet von William Shakespeare, in der Königin Gertrude ihren Sohn Hamlet auf die unausweichliche Tatsache des Sterbens hinweist. Das Sterben, damit kannte sich auch Shakespeare selber aus. Sein einziger Sohn Hamnet starb 1596, vermutlich als Opfer der damals in England wütenden Pest. Hamnet und Hamlet: Zwei Namen, die im 16. Jahrhundert beliebig austauschbar waren, wie schon ein Hinweis zu Beginn von Chloé Zhaos Film besagt. Hamnet, der verlorene Sohn, als Inspiration für den legendären Hamlet, eines von Shakespeares großen Drama-Meisterwerken? So schreibt es zumindest die irische Autorin Maggie O’Farrell in ihrer großteils fiktionalen, gleichnamigen Romanvorlage für Zhaos „Hamnet“.
Agnes (Buckley) ist es, die eigentlich im Mittelpunkt der Geschichte steht. Im realen Leben hieß sie Anne Hathaway (die Namensgleichheit mit der Oscarpreisträgerin ist Zufall), über die nur wenig dokumentiert ist. Die differenzierteste filmische Darstellung ihrer Person war bisher jene von Judi Dench in „All Is True“ (2018). „Hamnet“ nimmt sich die Freiheit, diese Frau als eigenständige Figur zu entwickeln. Agnes wird in „Hamnet“ zu einer Naturliebhaberin, einer „Kräuterhexe“, wie man damals gesagt hätte. Stundenlang durchstreift sie die Wälder, daheim wartet nur der Konflikt mit der steifen Stiefmutter (Justine Mitchell). Allein ihr Bruder Bartholomew (Joe Alwyn) lässt ihr ihre Freiheiten. Nach solch einem Streifzug durch die Wälder trifft sie auf den jungen William Shakespeare (Mescal), der in Stratfordupon-Avon als Lehrer die Schulden seines Vaters abarbeitet. Für die beiden ist es sofort innige, tiefe Liebe. Bedenken von Shakespeares Mutter Mary (Emily Watson) werden schnell in den Wind geschlagen, da Agnes bald schwanger ist. Ihre Tochter Susannah bringt Agnes, ganz ihrem Wesen treu, in den Wäldern auf die Welt. Doch schon kurz darauf wandelt sich vieles für die kleine Familie. William möchte sich als Dramatiker einen Namen machen und verbringt daher viel Zeit in London. Bald danach werden auch die Zwillinge Hamnet (Jacobi Jupe) und Judith (Olivia Lynes) geboren. Agnes, die eine Vision hatte, dass nur zwei Kinder eines Tages an ihrem Sterbebett stehen, kämpft ständig mit der Angst, dass sie die kränkliche Judith verlieren könnte. Doch als die Pest über England hereinbricht, kommt es ganz anders …
Rezension: Unsere Kritik zum Film
Das eigene Kind zu verlieren und die Tatsache, wie unterschiedlich Eltern mit dieser Gewissheit umgehen, sind emotionale Naturgewalten, die sich mit wütendem Momentum, schmerzhafter Reflexion und zarter Hoffnung auf der Leinwand zeigen. Zhao, deren Ausflug in das Superheldengenre mit „Eternals“ (2021) weniger geglückt war, kehrt hier wieder zu ihren Wurzeln zurück: langsames, fein getaktetes Erzählen, aufgedröselt in opulente Naturbilder, eine fast dokumentarische, beobachtende Narration und poetischen Symbolismus. Neben der zum Niederknien gut agierenden Jessie Buckley („Die Aussprache“; „Kleine schmutzige Briefe“), die hier gekonnt zwischen eiskalter Entschlossenheit und sensibler Zerbrochenheit wandelt, ist ein weiteres Herzstück des Films das Doppel der Brüder Jacobi und Noah Jupe als Hamnet bzw. Hamlet in der Theateraufführung im Globe Theatre. Ein verdienter Oscar-Favorit!



