Neues ‚Universum History‘: ‚Kärnten – Ein Jahrhundert unterm Mittagskogel‘

1942 wurde Familie Ressmann ins Strafarbeitslager deportiert, 1945 kehrten sie wieder auf ihren Hof zurück

1942 wurde Familie Ressmann ins Strafarbeitslager deportiert, 1945 kehrten sie wieder auf ihren Hof zurück

‚Universum History‘ und seine Bundesländer-Doku-Reihe ‚Unser Österreich‘ ziehen weiter: Nach Tirol steht Kärnten am Spielplan. Die kärntnerisch-slowenische Familie Ressmann aus Ledenitzen erzählt ihre Familiengeschichte und damit einen Teil der Geschichte Kärntens im 20. Jahrhundert. ‚Kärnten – Ein Jahrhundert unterm Mittagskogel‘ läuft am 7. Juni, ab 21.05 Uhr auf ORF 2

Es ist stockfinster, als es an der Tür pumpert. Uniformierte Gestapo-Polizisten wecken mit ihrem Geplärre das ganze Haus auf. „Anziehen, Sie sind verhaftet!“ – Kurze Zeit später marschiert die zehnköpfige Familie Ressmann, nur mit so viel Hab und Gut bepackt, wie sie selbst tragen kann, unfreiwillig vom Tratnikhof im Rosental in die Ungewissheit. Die Großmutter bleibt zurück – sie weigert sich, auf ihre alten Tage ihre Heimat zu verlassen. Der Gestapo-Mann ist gnädig. Den Hof übernehmen sogenannte Optanten, deutsch- und slowenischsprachige Altösterreicher aus Camporosso im italienischen Kanaltal, denen angeboten wurde, Italien zu verlassen und „heim ins Reich“ auf die frei gewordenen Höfe zu siedeln.

Hunderten anderen kärntnerisch-slowenischen Familien erging es 1942 genauso. Sie wurden von den Nationalsozialisten aus ihren Häusern vertrieben und in Zwangsarbeitslager des NS-Regimes deportiert. Die Familie Ressmann steht stellvertretend für sie alle im Mittelpunkt der zweiten Folge der neuen Bundesländer-Reihe ‚Unser Österreich‘. „Mit dem Konzept der dokumentarischen Familien-Saga können wir zwar nicht die ganze Geschichte Kärntens im Verlauf eines Jahrhunderts erzählen, aber eine der bewegendsten Geschichten dieser Region“, betont ‚Universum History‘-Redakteur Tom Matzek.

Oberstes Ziel ist es, „österreichische Geschichte des 20. Jahrhunderts spürbar und begreifbar zu machen“, ergänzt ORF-Fernsehdirektorin Mag. Kathrin Zechner und führte weiter aus: „Geschichte ist auch das, was Menschen oder Familien in einer größeren gesellschaftlichen Entwicklung erleben, wie jede große politische Entscheidung in einer Wechselwirkung Auswirkungen auf den einzelnen Menschen hat. Genau diese Schnittstelle macht Geschichte begreifbar und nahe. Am Ende dieser Doku-Reihe soll ein besseres Verständnis über die regionalen und nationalen Vorgänge der letzten 100 Jahre stehen: ein Gesamtbild, das aus vielen Schicksalen zusammengesetzt ist.“

Aufwendige Spielszenen, u.a mit Hans Ressmann der seinen Opa Franc sen. (3. v. l.) spielt

Eine Familiensaga erzählt die Geschichte Kärntens von 1918 bis heute

‚Kärnten – Ein Jahrhundert unterm Mittagskogel‘ (slowenisch: ‚Koroška – Stoletje pod Jepo‘) beschäftigt sich – wie jede der neun Bundesländerfolgen – mit der Zeit von 1918 bis heute und mit Österreichs Grenze, die mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Frieden von St. Germain vor knapp 100 Jahren gezogen wurde. Diese Grenzziehung durchschnitt plötzlich auch über Jahrhunderte entstandene Kultur-, Wirtschafts- und Naturräume und hatte neue Konflikte zur Folge, die die Menschen bis heute beschäftigen. Im Falle der Familie Ressmann war es vor allem der Nationalsozialismus, der für eine gespaltene Gesellschaft sorgte. Der Hof der Familie liegt im Rosental am Fuß des Mittagskogels (ein Karawanken-Gipfels an der Grenze zu Slowenien und nahe Italien). Im Ersten Weltkrieg entstand hier die Front gegen Italien. Mit dem Ende der Monarchie lag der Tratnikhof in einem Gebiet, das vom SHS-Staat beansprucht wurde, letztendlich aber bei Österreich blieb.

Familie Ressmann 1942: Franc Ressmann mit seiner Frau und den 9 Kindern im Lager Hagenbüchach.

In der NS-Zeit erlebte die Familie, die slowenische Wurzeln hat, wie Ausgrenzung auch innerhalb von Grenzen zum Trauma wird. Einem Trauma, das sich erst ein halbes Jahrhundert danach auflöst. 1945 kehrten die Ressmanns aus dem bayerischen Strafarbeitslager nach Kärnten auf ihren Hof zurück. Es blieben viele Narben und der Konflikt um die slowenische Minderheit in Kärnten, der zum Beispiel mit dem über den Ortstafelstreit 1972 noch lange anhielt.

Der Film mit aufwendigen Spielszenen wird am 7. Juni, ab 21.05 Uhr auf ORF 2 im Zweikanalton übertragen – auf Deutsch und auf Slowenisch. Hans Ressmann übernimmt dabei übrigens die Rolle seines Opas Franc Ressmann. Er und seine Brüder Franc und Josef erzählen über ihre Kindheit, ihr Neffe Stefan hat den Tratnikhof im Stile seiner Vorfahren übernommen. Franc Ressmann jun. über den Film: „Ich war und bin immer betroffen, das waren schlimme Sachen, die passiert sind. Die kann man nicht wegstreichen. – In Kärnten ist viel verschwiegen worden.“

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