„Junge ausgebeutet, Alte aussortiert“: Ist die Arbeit Film wirklich ein Traumjob?

Wer beim Film arbeiten will, sollte sich das lieber zweimal überlegen

Wer beim Film arbeiten will, sollte sich das lieber zweimal überlegen

Keine Spur von Glamour. 60-Stunden-Jobs, kaum soziale Absicherung: Sieben Österreicher berichten von ihrer Arbeit beim Film.

Die Möglichkeit, kreativ zu arbeiten, freie Zeiteinteilung, vom Medium Film und Fernsehen fasziniert sein: Es gibt genug gute Gründe, in der TV-und Kinobranche tätig sein zu wollen. Allein: Nur wenige Leute können davon auch (gut) leben. Schaut man hinter die Fassade und wischt man den Glamour der wenigen heimischen Stars weg, tritt Desillusionierendes zutage.


In Österreich gibt es kein einziges ernsthaft großes Filmstudie mehr. Das ist eine Schande!

TV-MEDIA hat sich umgehört in der Branche und festgestellt, dass die Filmschaffenden in Österreich zwar viel Liebe für ihren Beruf aufbringen, dafür aber einen hohen Preis bezahlen: 60-bis 80-Stunden-Arbeitswochen, Verfügbarkeit an Wochenenden, Feiertagen und in der Nacht, lückenhafte Sozialversicherungen (gemischte Arbeitsverhältnisse, weil mehrere Jobs gleichzeitig) und keine entsprechenden Pensionsansprüche.

Wie ist es wirklich, beim Film zu arbeiten? Sieben Österreicher berichten:

Aber die von uns Befragten haben nicht nur Sorge um ihre eigene Existenz, sondern auch um den Filmstandort Österreich. Aufnahmeleiterin Ulli Wimmer-Lanquet: „Tatsache ist, dass es in Österreich kein einziges ernsthaft großes Filmstudio mehr gibt. Die Studios am Rosenhügel waren international nicht konkurrenzfähig, aber immerhin gab es zwei große Hallen. Mittlerweile müssen wir in die Slowakei, nach Ungarn, Tschechien oder Deutschland, wenn wir Studioaufnahmen in größerem Umfang machen wollen. Das ist eine Schande.“


Die Wahrheit? Wenn ich letztes Jahr gar nicht gearbeitet hätte, wäre mein Konto jetzt voller

1) Anonym (Regisseur, Ende 30)

Ich brauche keine Villa, ich brauche keinen Mercedes - ich brauche noch nicht mal ein Auto. Ich bin nicht wegen des Geldes dabei, aber ich will eine Chance haben und von Staat und System keine Prügel zwischen die Beine geschmissen bekommen. Touristen kommen, um die Kulturnation zu besuchen, und alle Politiker sind glücklich. Haneke bekommt einen Oscar und alle schütteln ihm die Hände. Die Branche schreit auf, aber keinen interessiert's.

Natürlich wäre ein zweites Kind schön - aber dann muss ich den Beruf wechseln. Mehr noch: Ich muss in eine andere Branche. Die Wahrheit? Wenn ich letztes Jahr gar nicht gearbeitet hätte, wäre mein Konto jetzt voller. Es geht nicht um Geschenke oder Almosen. Es geht darum, ein System zu schaffen, in dem wir arbeiten können und unsere Familien abgesichert sind, wie alle anderen in diesem Land auch.


Natürlich wäre ein zweites Kind schön - aber dann muss ich den Beruf wechseln

2) Hans Jager (Szenenbildner, u. a. ‚Vier Frauen und ein Todesfall‘)

Ich meine seit Jahren einen kontinuierlichen Rückgang von Filmproduktionen in Österreich zu beobachten, mit immer schlimmer werdenden Produktionsbedingungen. Im benachbarten Ausland und anderswo in Europa lässt man sich z. B. attraktive Steuermodelle einfallen und fördert unternehmerische Anstrengungen, um den eigenen Wirtschaftsstandort zu beleben.

Bei uns hingegen opfert man die ohnehin über Jahrzehnte vernachlässigten Reste eines traditionsreichen Filmstudiogeländes dem Profit von Bauträgern für exklusives Wohnen. Anderswo aber werden neue Studios aus dem Boden gestampft. Für viele einzelne Filmschaffende ist ein Überleben in dieser Branche nur mit gehörigem Enthusiasmus möglich, der die Opfer im privaten Bereich zudecken muss.


Die Produzenten sitzen im Dachverband, bestimmen über unsere Kollektivverträge und haben Narrenfreiheit

3) Anonym (Aufnahmeleiter)

So gut es mir beim Film gefällt (bin schon das 11. Jahr dabei) und ich meine Arbeit liebe, umso schwieriger ist es vor allem in den letzten zwei Jahren geworden. Ich bin in der Branche recht bekannt, doch auch das ist offensichtlich keine Jobgarantie mehr.Viele junge und qualifizierte Leute aus den Filmakademien, vor allem auch aus Deutschland, sind in den ohnehin schon sehr kleinen österreichische Filmmarkt reingeschwemmt worden und arbeiten kaum noch für richtiges Geld - nur um mal eine Vita zu erwerben - und untergraben so unsere Gagen.

Und so was wie eine Gewerkschaft, die das kontrolliert, haben wir nicht; und anprangern traut sich das auch niemand, weil er oder sie sonst nicht mehr gebucht wird. Die Produzenten sitzen bei uns im Dachverband und bestimmen über unsere Kollektivverträge - no na streichen die uns auch die Diäten usw. Sie haben bei uns quasi Narrenfreiheit, machen, was sie wollen, und richten es sich auch so ein, wie sie es wollen. Die Jungen werden ausgebeutet, und die Alten, die sich darüber aufregen, werden aussortiert.

Bis natürlich auf diejenigen Herren und Frauen Producer und Produktionsleiter-Innen, die speichelleckend den Filmbonzen dienen und dafür sorgen, dass vor allem in der Produktion nur noch willfährige Leute angestellt werden, die buckelnd zu allem Ja und Amen sagen.


Die Jungen werden ausgebeutet, und die Alten, die sich darüber aufregen, werden aussortiert

4) Carl Achleitner (Schauspieler, u. a. ‚SOKO Donau‘, ‚Käthe Kruse‘)

Nur ein sehr überschaubarer Kreis von Schauspielern kann von seiner Arbeit gut leben. Wie im Fußball gibt es auch im Film keine Stars ohne Mannschaft, sprich Ensemble, sprich die rund 90 % vorwiegend großartigen Schauspieler, die von Engagement auf Engagement hoffen, die auch in Zeiten der Jobflaute irgendwie überleben müssen.

Bei denen jedem guten Jahr ein mageres folgt. Es ist ein harter Beruf. Man könnte diese Härte vonseiten des Gesetzgebers etwas abmindern, indem die soziale Situation der Berufsrealität angepasst wird. Andernfalls droht dem Sozialsystem ein Heer von armutsgefährdeten Schauspielern ab deren Pensionsalter. Ich werde im Oktober 54.


Kein regelmäßiges Einkommen = kein Überziehungsrahmen, Kinder kamen nie in Frage

5) Zepp Berensmeier (Aufnahmeleiter, u. a. ‚Echte Wiener‘, ‚Vorstadtweiber‘)

Ich arbeite seit 20 Jahren beim Film. Wenn ich in 8 Monaten mehr Stunden arbeite als ein normaler Angestellter das ganze Jahr, bleiben mir trotzdem nur 8 Monate Sozialversicherungszeit, ich hab also 1 3 weniger Versicherungszeit auf meine Pension ... Obwohl seit 15 Jahren bei derselben Bank, bekomme ich bis heute keinen Überziehungsrahmen.

Kein regelmäßiges Einkommen: kein Rahmen. Da ich berufsbedingt immer einen fünfstelligen Betrag als Puffer für schlechte Zeiten halten muss, da ich nie weiß, wann der nächste Job kommt, brauch ich ihn zwar eh nicht, nur leider gibt es auch keinen Kredit und damit rückt eine eigene Wohnung in unerreichbare Ferne, und ich hoffe, meine Pension reicht dann für Essen UND Miete und nicht nur für eines von beiden ...

Kinder kamen nie in Frage, bei 60 Stunden Arbeitszeit wäre das auch nicht mein Ding. Film hat die niedrigsten Krankenstände, glaube ich. Das schlechte Gewissen, das Team im Stich zu lassen oder dass der Dreh auf der Kippe steht, lässt einen immer erst nach dem Dreh, wenn der Druck weicht, krank werden.


Verdeckte unbezahlte Mehrarbeit und ständige Verfügbarkeit auf Abruf

6) Bernhard Bamberger (Sound-Designer, u. a.: ‚Tatort‘, ‚Schnell ermittelt‘, ‚Revanche‘)

Ständig wechselnde Arbeitgeber, zeitlich befristete Engagements, Pauschalierung von Entgelt und Vertragsdauer, verdeckte unbezahlte Mehrarbeit und ständige Verfügbarkeit auf Abruf: Was als "atypische Beschäftigungsverhältnisse" immer weitere Bereiche des Arbeitslebens erfasst, ist für Filmschaffende schon längst Realität.

Die Sozialsysteme hinken dieser Entwicklung hinterher. Scheinselbständigkeit und Scheinkalkulationen treten dann an die Stelle seriösen Wirtschaftens. Einkommens-und Kompetenzverlust ganzer Filmberufssparten sind nur die mittelfristige Folge.Am Ende einer solchen Entwicklung steht ein Qualitäts- und Bedeutungsverlust des Kulturgutes Österreichischer Film, das zum Wirtschaftsgut erklärt wurde.


Die Leidtragenden sind in erster Linie junge Familien und vor allem Alleinerziehende

7) Fabian Eder (Regisseur und Kameramann, u. a. ‚Tatort‘: Kein Entkommen)

Natürlich finde ich es super, wenn wir überall toll Kindergartenplätze haben. Aber was habe ich von einem Kindergartenplatz, wo das Kind zwischen 8 und 18 Uhr in meiner Wohngemeinde in Wien betreut ist, wenn ich von Freitag 17 Uhr bis Samstag 5 Uhr früh in beispielsweise Osttirol drehe?

Kein Mensch macht sich darüber Gedanken! Die Leidtragenden sind in erster Linie junge Familien und vor allem Alleinerziehende. Dass das zumeist Frauen sind, ist auch in unserer Branche nicht anders. Kein Wunder also, dass wir überdurchschnittlich viele Alleinstehende oder Kinderlose in unseren Reihen haben.

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