Speed watching: Der neue Schmäh der Hardcore-Serienfans

Hopp, hopp, ein bisschen schneller geht immer!

Hopp, hopp, ein bisschen schneller geht immer!

Zu viele Serien, zu wenig Zeit? Richtige Serienfans wissen sich zu helfen. Der neueste Trend heißt „Speed watching“. Und manche Serien werden dadurch sogar noch lustiger

Wer beim Überangebot in TV und Streaming-Diensten nicht mehr hinterherkommt, schaut Folgen einfach mit doppelter Geschwindigkeit. Kunstpausen bleiben beim „Speed watching“ zwar auf der Strecke, aber Hartgesottene feiern den Zeitgewinn. Credo: Wer doppelt so schnell schaut, schafft auch doppelt so viele Folgen.

Die neue Staffel von ‚Game of Thrones‘ sowieso, Staffel zwei von ‚Stranger Things‘ bestimmt auch. Außerdem natürlich ‚Fear the Walking Dead‘ und vielleicht auch ‚You Are Wanted‘. Bald sicher ‚Star Trek: Discovery‘ und die fünfte Staffel von ‚Prison Break‘. Und am Ende ist immer noch Luft für ein paar Runden ‚BoJack Horseman‘, ‚Big Bang Theory‘ oder zwei, drei ‚Simpsons‘-Klassiker. Wer up to date bleiben oder Versäumtes nachholen will, ist als Serien-Freak auf Tricks wie „Speed watching“ angewiesen.

Das Gehirn gewöhnt sich an die höhere Abspielgeschwindigkeit

Glaubt man Anleitungen von Könnern, wird das Gehirn dabei schrittweise an die doppelte Abspielgeschwindigkeit gewöhnt. Wer ‚Gilmore Girls‘ oder ‚Westworld‘ erst mit 1,2-fachem und dann 1,5-fachem Tempo schaut, schafft irgendwann auch das zweifache oder sogar mehr. Dabei helfen Video-Player wie VLC und Erweiterungen für den Internet-Browser. „Das Leben ist kurz. Verschwende es nicht damit, Videos mit einfacher Geschwindigkeit zu gucken“, schreibt der Nutzer einer entsprechenden Erweiterung für Google Chrome.

Denn nicht Stunden, sondern ganze Tage und Wochen voller Serien-Stoff spülen die Produzenten von Kabelsendern wie HBO, CBS und Fox sowie Streaming-Diensten wie Netflix, Amazon und Hulu auf den Markt. Selbst Hardcore-Fans ringen mit der Flut an spannendem TV-Material. 455 Drehbuch-Serien erschienen einer Studie des Senders FX zufolge im Jahr 2016 allein in den USA - im Jahr 2010 gab es nicht einmal halb so viele. Der Moment des „Peak TV“, an dem ein dann übersättigter Serien-Markt schwächelt und die Zahl der Produktionen wieder sinkt, ist noch immer nicht erreicht.

Serien wie ‚Modern Family‘ werden durch Speed watching angeblich noch lustiger

Serien wie ‚Modern Family‘ werden durch Speed watching angeblich noch lustiger

Das Leben ist manchen zu kurz, um Videos in Normalgeschwindigkeit zu schauen

Also hasten einige Zuschauer mit doppeltem Tempo durch das Angebot. Der Genuss, ein TV-Kunstwerk in Ruhe zu gucken und die von Regisseur und Drehbuchautor vorgesehenen Pausen, Längen oder Zeitlupen voll auszukosten, mag beim „Speed watching“ flöten gehen. Dafür werde das Leben aber „effizienter“, schrieb die Washington Post vergangenen Sommer: Vier Folgen ‚Unbreakable Kimmy Schmidt‘ passten jetzt in nur eine Stunde. „Es gibt mehr zu gucken als jemals zuvor.“

Erfunden haben will die ans „Speed reading“ (Bücher) und „Speed listening“ (Podcasts) angelehnte Methode der frühere Jus-Student Alexander Theoharis. Er sei vor ein paar Jahren versehentlich an eine Taste gekommen, die ein laufendes Video etwas beschleunigt habe, erzählte er der Seattle Times 2014. Nun schaut er ‚Breaking Bad‘ mit 1,6- und ‚The Office‘ mit 2,4-facher Geschwindigkeit und Untertiteln. Er habe einfach wissen wollen, was in diesen Serien passiert, sich wegen der verlorenen Zeit im Studium aber oft schuldig gefühlt.

Manche Serien werden durch Speed watching sogar noch lustiger

Für Lernvideos und Online-Vorlesungen mag die Methode praktisch sein. ‚Modern Family‘ werde bei doppeltem Tempo sogar lustiger, schreibt die Washington Post, denn „die Witze kommen schneller und schlagen härter ein“. Man müsse auch keine Zeit mehr mit öden Füll-Inhalten verschwenden. Und wer hat schon Zeit, fünf Staffeln ‚The Wire‘ in insgesamt zweieinhalb Tagen anzusehen? Die Chrome-Erweiterung Video Speed Controller wurde schon mehr als 235.000 Mal heruntergeladen.

Nur mag es sein, dass das Gehirn ein normales, dann langsam wirkendes Erzähltempo irgendwann nicht mehr erträgt. Der Genuss einer Serie im Normaltempo wäre ruiniert, möglicherweise auf ewig. Und, fragt das New York Magazine, wenn es so viel Arbeit ist, die eigene Lieblingsserie zu verfolgen, warum schaut man sie dann überhaupt? Eine durchaus berechtigte Frage!

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