Karl Markovics: Gespräch über ‚Die Geliebte des Teufels‘, Hollywood und neue Projekte

Karl Markovics gab uns im Wiener Café Eiles die Ehre eines auführlichen Interviews

Karl Markovics gab uns im Wiener Café Eiles die Ehre eines auführlichen Interviews

Seit Karl Markovics Mitte der 90er an der Seite von Tobias Moretti in ‚Kommissar Rex‘ einem breiten Publikum bekannt wurde, hat sich karrieretechnisch beim heute 52-jährigen Wiener viel getan. TV-MEDIA sprach mit ihm über die herausfordernde neue Rolle als Reichspropaganda-Minister Joseph Goebbels, neue Projekte und den Reiz, hin und wieder in internationalen Großproduktionen dabei zu sein.

Nach ‚Kommissar Rex‘ brillierte Karl Markovics in Stefan Ruzowitzkys Oscar-Werk ‚Die Fälscher‘, er durfte damals Hollywoodluft schnuppern. 2011 gab er mit ‚Atmen‘ sein Regiedebüt. Das Skript des mehrfach prämierten Dramas steuerte er gleich selbst bei. Aktuell sieht man Markovcs wieder auf der großen Leinwand: In ‚Die Geliebte des Teufels‘ spielt er überzeugend Hitlers Reichspropaganda-Minister Joseph Goebbels.

Stilecht: In einem alten Wiener Caféhaus setzte sich Markovics mit uns an einen Tisch

TV-MEDIA im Gespräch mit Karl Markovics:

TV-MEDIA: Ist es ein Traum für einen Schauspieler, eine Figur zu spielen, die zu den am meisten negativ behafteten der jüngeren Geschichte zählt?
Karl Markovics: Für mich nicht, aus mehreren Gründen: Erstens habe ich nie Traumrollen, und zweitens ist es per se schon einmal keine Traumrolle, weil historische Figuren einem, wenn sie bekannter sind, immer eine gewisse Ähnlichkeitsleistung abverlangen. So eine Rolle kann dann schnell zu eine Zirkusnummer werden. Ich liebe Zirkus zwar, aber nicht in meiner Arbeit, als Schauspieler habe ich da einen anderen Anspruch.


Ich finde den Titel ‚Die Geliebte des Teufels‘ entsetzlich

TV-MEDIA: Das Problem ist, dass man automatisch mit dem Original verglichen wird?
Karl Markovics: Nicht nur, weil verglichen wird. Aber natürlich muss man diesem Ähnlichkeitsanspruch bis zu einem gewissen Maß Genüge tun. Wenn man nicht von vornherein so ähnlich ist, dass man als Doppelgänger gelten könnte, dann muss maskentechnisch, bewegungsmäßig, stimmlich, sprachlich eine gewisse Ähnlichkeitsleistung vom Schauspieler vollbracht werden. Jetzt mag man sagen, das gehört zu den Aufgaben eines Schauspielers, aber wenn das dann zu großen Raum einnimmt, nimmt es einem auch eine gewisse Freiheit.
Bei meiner Rolle haben mich ganz andere Sachen interessiert, als man von Goebbels weiß oder kennt. Nicht der Dämon. Ich finde auch den Titel ‚Die Geliebte des Teufels‘ entsetzlich, aber das ist nun mal so marketingmäßig. Ich habe die Rolle angenommen, weil ich eben auch die andere Seite zeigen konnte, die Erbärmlichkeit, die Schwäche dieses Menschen, der wieder auf sich selbst zurückgeworfen ist und vor dem Nichts steht. Weil er merkt: Ich bin Sklave meiner eigenen Emotionen, war bisher aber immer der Sklavenhalter. Das fand ich psychologisch spannend. Ich glaube auch, dass das eine Farbe ist , die wichtig in der Wahrnehmung dieser Figur, aber auch dieser Zeit ist. Das waren ja alles keine Menschen mit überirdischen Fähigkeiten, keine Geistesgrößen. Kein einziger von denen war auch nur irgendwie besonders höher als ein Durchschnitts-Dutzendcharakter. Ob Himmler, Göring, Hitler. In keinem Unternehmen kämen die über die mittlere Managementebene hinaus.

Momentan hat Markovics einige neue Ideen im Kopf

TV-MEDIA: Wie genau bereitet man sich auf so eine Rolle vor, von Goebbels gibt es ja viel Bild- und Tonmaterial?
Karl Markovics: Genau das ist eher das Problem. Es gibt eine fünfbändige Biografie, in der aber bis auf einen Satz überhaupt nichts von Lida Baarova vorkommt. Die habe ich quergelesen, überflogen, ob es sich überhaupt lohnt, sie sich ganz vorzunehmen – tut es gar nicht! Weil das schon für die Nachwelt geschrieben ist. Natürlich rechnet er nicht wirklich mit sich ab, sondern, das trieft vor seiner Rechtfertigungsideologie bis zu einem gewissen Teil. Aber wie gesagt: Mit den Quellen musste man ökonomisch umgehen, damit es nicht zu viel wird und man auf der anderen Seite nicht Sklave seiner eigenen Recherchevorbereitungen und akribischen Studie ist.


Himmler, Göring, Hitler kämen in keine Unternehmen über die mittlere Managementebene hinaus

TV-MEDIA: Goebbels wurde in neuen Spielfilmen – etwa ‚Jud Süss‘ oder ‚Inglourious Basterds‘ – überzeichnet dargestellt, fast clownesk. Sie spielen ihn eher zurückgenommen …
Karl Markovics: Das habe ich schon bewusst gemacht, wobei gerade ‚Inglourious Basterds‘ per se eine Überzeichnung ist, eine Persiflage. In meinem Fall ist es so, dass mir das Unterspielen sowieso immer lieber ist, weil ich gerne auslote, mit wie wenigen Mitteln man noch Wirkung erzielen kann. Und gerade Goebbels, den diese Geschichte ja woanders erzählt, in einem Teil, in dem man ihn überhaupt noch nie gesehen hat , weil er der Öffentlichkeit verborgen bleiben sollte bzw. nur gerüchteweise ans Tageslicht kam, konnte ich freier behandeln und ihn zurücknehmen. Weil ich glaube, dass er das auch war: ein sehr introvertierter Mensch. Er neigte zur Schwermut, wollte sich umbringen, hat sich für Philosophie interessiert, wäre gerne ein großer Schriftsteller geworden, bevor er Hitler kennengelernt hat. Im Drehbuch ist das teilweise sehr schön herausgearbeitet, wenn er am Klavier sitzt, der schwärmerische Schöngeist, der aber dann in eine schwarze Romantik abgleitet. Und darüber fantasiert, was ist, wenn das Ganze den Bach runter geht. Auch das war Goebbels, einer, der mit Sicherheit immer wieder seine Depressionsschübe gehabt hat.

TV-MEDIA-Redakteur David Schoof plauderte mit dem Regisseur, Mimen und Drehbuchautor

TV-MEDIA: Insofern passt auch der Gefühlsausbruch beim Telefonat mit Lida Baarova ins Bild?
Karl Markovics: Absolut, weil das war wirklich seine große Liebe. Zum ersten Mal nach dutzenden Affären, von denen seine Frau Magda ja auch gewusst hat, die aber nie bedrohlich waren, gab es da eine Frau, für die er seine Ehe und seine Karriere opfern wollte. Man darf ja nicht vergessen: Der dritte Mann in der NSDAP-Riege, fast Thronfolgerniveau, und der sagt: Ich lege alle meine Ämter nieder, nehme den Posten eines Botschafters in Japan an, nur, damit ich diese Frau heiraten kann. Und um dieser ganzen Tragik und der Rache der Geschichte auch noch die Krone aufzusetzen, muss er die Liebe seine Lebens für die noch größere Liebe opfern: für Hitler.

TV-MEDIA: Und das Hinken lief quasi automatisch mit?
Karl Markovics: Ich bekam eine Prothese, die man auch einmal sieht und die mich zum Hinken gezwungen hat. Die war aber so anstrengend, dass ich sie nicht den ganzen Drehtag tragen konnte, sondern immer nur, wenn das Bein im Bild war. Das wurde dadurch nämlich auch verdreht, dazu kam der Klumpfußschuh. Für die anderen Situationen habe ich das Humpeln dann eher imitiert. Die schauspielerisch anspruchsvollen Szenen waren ohnehin im Sitzen oder im Stehen.

TV-MEDIA: Weil wir vorher über Ihr zurückgenommenes Spiel gesprochen haben: Es steht im Kontrast zur plakativen Art des Films …
Karl Markovics: Schauen Sie, was soll ich Ihnen sagen? Ich als Zuschauer werde Ihnen keine Antwort geben, und als Schauspieler sage ich, dass ich darauf keinen Einfluss habe. Das ist das Ehrlichste, was ich sagen kann. Soweit es möglich war, habe ich meinen Einfluss auf die Figur geltend gemacht, manchmal mit Nachdruck, alles andere ist eine andere Geschichte (lacht) .


Tatiana Pauhofová, die die Lida Baarova spielt, ist großartig und eine tolle Kollegin

TV-MEDIA: Gedeon Burkhard und Sie sind die einzigen deutschsprachigen Schauspieler in ‚Die Geliebte des Teufels‘. Macht es die Arbeit schwieriger, wenn man hauptsächlich mit tschechischen und slowakischen Kollegen vor der Kamera steht?
Karl Markovics: Es ist nicht leicht. Ich kenne das, habe einmal in einem litauisch-österreichischen Kinderfilm gespielt, mit litauischen Kollegen. Wir hatten eine Szene, um das Ganze noch zu toppen, in denen auch noch ein Schauspieler aus Estland dabei war. Einer sprach da estnisch, zwei litauisch und einer – ich – deutsch, alles in sehr aufgeregter Stimmung. Das war so grotesk, allein darüber hätt' man einen Kurzfilm machen können (lacht) . Grundsätzlich ist es immer wichtig, dass man sich mit dem Partner gut versteht und im Fall unterschiedlicher Sprachen noch wichtiger. Weil man ein Gefühl bekommt, in den Augen des anderen abzulesen, wo er ist, was er gerade ausdrückt, wie sein Sprachtempo ist, wo er Pausen setzt. Und natürlich die Satzenden phonetisch mitzukriegen. Wenn ein Kollege empathisch ist, ist es immer anders, als wenn es einem wurscht ist. Er sendet ganz anders, wenn er will, dass man mitkommt. Tatiana Pauhofová, die die Lida Baarova spielt, ist großartig und vor allem eine tolle Kollegin. Da ging das mühelos.

TV-MEDIA: Wie geht es beruflich bei Ihnen weiter, es gibt ja ja zwei Kinoprojekte?
Karl Markovics: Die sind beide abgedreht. Der norwegische Film, der im Original ‚Kongens Nei‘ heißt und auf Englisch ‚The King’s Choice‘, kommt im September in Norwegen ins Kino. Das war eine sehr spannende Produktion, die fast parallel zu ‚Die Geliebte des Teufels‘ gedreht wurde. Der Film spielt auch etwa zu selben Zeit, ich bin der deutsche Botschafter in Oslo. Idealerweise bei der nächsten Berlinale soll ‚Zwischen den Jahren‘ laufen: sehr gegenwärtig, sehr hart, eher Sozialdrama. Ich spiele einen Mann, dessen Frau und Tochter von jemandem getötet wurden, der wieder frei kommt. Die beiden begegnen einander zufällig in der selben Stadt. Das Opfer dreht hier eher den Spieß um und ruiniert das Leben des Menschen, der sein Leben ruiniert hat. Das war eine sehr intensive Arbeit. Einige weitere Projekte vor der Kamera stehen voraussichtlich heuer auf dem Programm, wobei ich noch nicht weiß, wann und wie konkret genau.

Markovics spielte und drehte bereits mit Liam Neeson und Wes Anderson

TV-MEDIA: Werden Sie auch wieder Regie führen?
Karl Markovics: Ich schreibe gerade mehreren Sachen, weiß aber nicht, wann bzw. ob eine Geschichte überhaupt realisiert wird.

TV-MEDIA: Sie wollen aber weiter in Personalunion Drehbuchautor und Regisseur sein?
Karl Markovics: Ja. Ich habe einige wirklich interessante Angebote für Regie bekommen, aber ich habe gemerkt, dass ich noch nicht so weit bin oder vielleicht auch nie so weit sein werde, dass ich Regie unabhängig von meinem eigenen Stoff sehen kann.

TV-MEDIA: Wäre es denkbar für Sie, im eigenen Film auch noch eine Rolle zu übernehmen?
Karl Markovics: Ja. Aber dann muss es wirklich zwingend sein. Etwa, wenn ich sagen müsste: Das tu ich einem Kollegen nicht an, da spiel' ich es lieber selbst. Aber das ist es bei den wenigsten Geschichten. Es gibt eine einzige, wo ich es mir vorstellen könnte, an der arbeite ich aber gerade nicht. Nur damit ich auch noch vor der Kamera stehe, den Ehrgeiz habe ich nicht.


Ich finde Filme wie ‚Ziemlich beste Freunde‘ oder ‚Monsieur Claude und seine Töchter' schön, würde sowas aber nicht machen wollen

TV-MEDIA: Ein kurzer Rückblick auf Ihren 2015er-Film ‚Superwelt‘: Er wurde von der Kritik gelobt, schaffte aber nur 15.000 Kinobesucher. Haben Sie eine Erklärung, warum?
Karl Markovics: Nein, ich gewöhne mir aber Erklärungen ab. Gerade, wenn ich an ‚Atmen‘ denke: Das war ja per se auch nicht unbedingt ein breitenwirksamer Stoff, die Vorzeichen waren vielleicht sogar noch schlechter als bei Superwelt. Kein Mensch kannte die Hauptfigur. Dass der so ein Zuschauererfolg wurde (96.000 Besucher, Anm.) , ist mir noch unerklärlicher als die relativ wenigen Zuschauer bei ‚Superwelt‘. Der Kinomarkt ist extrem unberechenbar, vor allem in diesem Segment. Alles, was nicht Hollywoodblockbuster, Animationsfilm oder Feelgood-Movie ist – ohne das schlechtzureden –, hat es schwer. Ich finde Filme wie ‚Ziemlich beste Freunde‘ oder ‚Monsieur Claude und seine Töchter' schön, ich kann’s nur selbst nicht und würde so was auch von mir aus nicht als Film machen wollen. Alles andere ist mir immer ein absolutes Mysterium.

TV-MEDIA: Hat es für Sie weiter einen Reiz, ab und zu in Hollywood-Produktionen dabei zu sein?
Karl Markovics: Wenn ein Angebot kommt: ja. Aber nicht nur, weil es ein Hollywoodfilm ist. ‚Unknown Identity‘ war zum Beispiel interessant, weil ich eine richtige Rolle hatte, dazu mit Liam Neeson spielte. ‚Grand Budapest Hotel‘ war eine ganze eigene Geschichte. Weil im Paralleluniversum von Wes Anderson dabei zu sein, ist einfach ein Muss. Wenn man die Chance dazu kriegt, dann macht man es. Bei so was bin ich gerne dabei, aber nicht nur, weil es Hollywood ist. Ich hab kein Traumbuch, in das ich reinschreibe, mit wem ich gerne spielen und drehen würde.

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