„Wir sind nicht ausschließlich auf Gegenliebe gestoßen“ – Interview mit Kommissar Thiel

Axel Prahl, der kauzige Kommissar Thiel vom Münsteraner ‚Tatort'-Erfolgsduo

Axel Prahl, der kauzige Kommissar Thiel vom Münsteraner ‚Tatort'-Erfolgsduo

Axel Prahl, alias Kommissar Thiel spielt seit mehr als 15 Jahren im Münster-‚Tatort‘. Wir trafen ihn zum ‚Tatort‘-Talk.

TV-MEDIA: 15 Jahre Münster-Tatort – was fällt Ihnen als erstes dazu ein?
Axel Prahl: Na ja, da man selber nicht bemerkt, wie die Zeit dahinfliegt, ist es natürlich schon überraschend, und man kriegt schon einen kleinen Schreck. Sind das tatsächlich schon 15 Jahre? Aber es ist so, 2002 war der erste, und nach Adam Riese sind das 15 Jahre.

TV-MEDIA: Haben Sie noch den Titel der ersten Folge im Kopf?
Axel Prahl: Ja, Der dunkle Fleck. Den werde ich auch nicht vergessen.

Erster Thiel/Boerne-‚Tatort‘: Der dunkle Fleck

TV-MEDIA: Auch die Resonanz darauf? Immerhin hatte der Münster-Tatort gerade zu Beginn durchaus mit Gegenwind zu kämpfen …
Axel Prahl: So ist es. Wir hatten ja kürzlich die Debatte über die Experimentierfreudigkeit des Tatort, und natürlich sind wir damals mit unserem Münsteraner Tatort nicht ausschließlich auf Gegenliebe gestoßen. Aber wies es halt manchmal so ist: Das, was man täglich sieht, das lieben wir – oder wie heißt es bei Hannibal Lecter (lacht)?

TV-MEDIA: Weil Sie diese Debatte ansprechen: Sie haben sich ja durchaus kritisch zum ARD-Plan, weniger Tatort-Experimente zu wagen, geäußert. Heißt das, Sie können die Entscheidung nicht nachvollziehen?
Axel Prahl: Da stehe ich nach wie vor dazu. Wobei ich auch die Konsumenten verstehen kann, die sagen, am Sonntagabend möchte ich mein Tatort-Format, so wie ich es kenne. Da gibt es besondere Sehgewohnheiten, und wenn die dann zum Beispiel mit besonderer Brutalität konfrontiert werden, ist es verständlich, dass man sich darüber echauffiert, auch, weil oft Kinder mit vor dem Fernseher sitzen.

Lustig, aber nicht zu schräg: Das Erfolgsgeheimnis des Münster-‚Tatorts‘

TV-MEDIA: Das ist eine Sache, eine andere sind inszenatorische unkonventionelle Fälle – siehe Impro-Tatort Babbeldasch oder die schrägen Krimis mit Ulrich Tukur. Mutet man da dem durchschnittlichen Seher intellektuell zu viel zu?
Axel Prahl: Das würde ich keineswegs behaupten wollen, gerade Im Schmerz geboren (mit Tukur von 2014, Anm.), der zwar auch von Brutalität gekennzeichnet, besonders gegen Ende hin, aber wie ein Shakespeare-Drama schon sehr kunstvoll ausgeführt.

TV-MEDIA: Man kann sich also diese Ausflüge leisten?
Axel Prahl: Ich finde, man sollte sie sich sogar leisten. Denn wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Wenn man aus Angst vor dem Scheitern und aus Angst vor dem Konsumenten handelt, dann vertut man sich eine Chance.

TV-MEDIA: Beim Münster-Tatort wurde auch schon kritisiert, dass der eigentliche Fall hinter dem Humoresken zurücktreten würde. Die aktuelle Folge Gott ist auch nur ein Mensch bietet dagegen in der zweiten Hälfte echte Krimispannung. Würde es Sie reizen – à la Wolfsstunde (2008, Anm.) – oft mehr ins Düstere zu gehen?
Axel Prahl: Unbedingt. Was die Kriminalfälle in Münster anbelangt, so ist das Hauptaugenmerk schon auf die Unterhaltung gelegt. Dabei ist eine gute Mischung von Komödie und echter Krimispannung, wie sie es nennen, auch immer unser Ziel. Und die jetzt kommende Folge des Tatort Münster Gott ist auch nur ein Mensch mit einem wirklichen guten Kriminalfall, der ist auch schön eingebettet in die Münsteraner Stadtgeschichte. Dass Münster so einen Stellenwert in der Kunstwelt hat, das wusste ich vorher auch nicht, neben der Biennale in Venedig und der Documenta in Kassel ist Skulptur.Projekte eine der namhaften Ausstellungsveranstaltungen im Kunstbereich. Fälle wie Satisfaction (2007) beispielsweise oder Tempelräuber (2009) mit Ulrich Noethen als Pfarrer, in dem es um das Klerikale ging, das sind Folgen, die mir sehr gelungen erscheinen. Weil sie vom Ambiente ein bisschen englisch daherkommen, mit diesem feinen britischen Humor, peppige Kriminalgeschichten erzählen.

Seit 15 Jahren ein Team: Axel Prahl und Jan Josef Liefers

TV-MEDIA: In einem Interview meinten Sie unlängst „Man soll nie aufhören, wenn es am schönsten ist“. Stellt sich die Frage: Wann ist denn der richtige Zeitpunkt?
Axel Prahl: Diese Frage stellen wir uns auch (lacht). Aber noch gibt es genügend Geschichten und kann noch sehr viel – vielleicht auch in experimenteller Form – erzählt werden.

TV-MEDIA: Das Zuschauerinteresse ist jedenfalls ungebrochen, der letzte Fall Fangschuss hatte im April 14,56 Mio. Seher in Deutschland und fast 900.000 in Österreich. Haben Sie eine Erklärung, warum die Leute offenbar nicht genug kriegen können von Boerne und Thiel?
Axel Prahl: Ich sage an der Stelle immer: Erfolg hat viele Köche. Zum einen die tradierte Marke des Tatort und der Sendeplatz um 20.15 Uhr am Sonntag – an dem die anderen Sender erfreulicherweise von sich aus nicht mit dem stärksten Programm antreten. Zum anderen gibt es die muntere Spielschar, bei der für jeden was dabei ist: Frau Klemm, die Staatsanwältin mit der sonoren Raucherstimme, der kiffende Taxifahrer-Vater von Thiel, Nadeshda, die gut aussehende Assistentin, nicht zu vergessen der Herr Professor und natürlich Alberich, dieses zauberhafte Wesen (lacht).

TV-MEDIA: Und Thiel!
Axel Prahl: Der auch (lacht).

TV-MEDIA: Ein anderes Tatort-Thema: Die Österreich-Krimis haben in Deutschland enorm an Popularität gewonnen, seit Adele Neuhauser dabei ist und werden auch von Kritikern wohlwollend kommentiert. Wie finden Sie unseren Tatort?
Axel Prahl: Harald Krassnitzer kenne ich schon länger, ich mag und schätze ihn sehr, sehe ihn auch gerne als Schauspieler. Und Adele macht das großartig. Man sieht den beiden gerne zu, wie sie ermitteln, wie sie ihre Auseinandersetzungen pflegen, da gibt es ja durchaus Parallelen zum Münster-Tatort. Finde ich sehr charmant!

TV-MEDIA: Stimmt es, dass Ihnen die Flut an Krimis im TV fast schon zu viel ist? Und gehören Sie zu jenen, die finden, dass es auch zu viele Tatort-Ermittlerteams gibt?
Axel Prahl: Was die Tatort-Ermittler betrifft, so ist das, glaube ich, etwas, dass sich von alleine regelt durch die Akzeptanz des Zuschauers. Ansonsten geht es mir eher allgemein darum, was im Fernsehen an Krimis ausgestrahlt wird. Mittlerweile gibt es in den deutschen Fernsehprogrammen um die 60 Krimiformate inklusive der ausländischen wie Inspector Barnaby oder wie sie alle heißen. Kürzlich lief Vadder, Kutter, Sohn (am 6. Oktober mit Prahl in Hauptrolle, Anm.), eine, wie ich fand, sehr hübsche Komödie, die an der Nordsee spielte und nach einem wohltuend erfrischenden Drehbuch, ohne Krimihandlung. Trotzdem ging der Tagessieg bei den Einschaltquoten an diesem Tag an einen Krimi (Die Chefin, Anm.).

TV-MEDIA: Was läuft denn bei Ihnen daheim, wenn der Fernseher an ist?
Axel Prahl: Sehr unterschiedlich, ich muss aber gestehen, dass ich gar nicht so wahnsinnig viel zum Fernsehen komme. Ich bin auch gerade dabei, mein zweites Album fertigzumachen.

Axel Prahl ist nicht nur Schauspieler, sondern auch Musiker

TV-MEDIA: Wird man Sie demnächst mit dem Inselorchester auch wieder in Österreich hören können?
Axel Prahl: Das will ich doch unbedingt hoffen, ich strebe es auf jeden Fall an. In der zweiten Hälfte 2018 soll das Album rauskommen, und spätestens 2019 hoffe ich, dann auch wieder in Österreich ein paar Konzerte geben zu können.

Axel Prahl & Das Inselorchester – Schön, dass du da bist

TV-MEDIA: Davor drehen Sie aktuell den nächsten Münster-Tatort, außerdem sind Sie in zwei Kinoproduktionen involviert – Gundermann und Das dritte Sterben …
Axel Prahl: Gundermann ist seit letzter Woche abgedreht, das ist die Lebensgeschichte von Gerhard Gundermann, das war der singende Baggerfahrer aus der Lausitz, der ganz wunderbare Lieder geschrieben hat, aber politisch eine umstrittene Figur war, weil er mit der Stasi zusammenarbeitete. Einer, der ein Täter- und eine Opferakte hatte. Ich spiele einen hochrangigen Stasi-Offizier. Das dritte Sterben ist ein Politthriller, da geht es um Drohneneinsätze, die vom BND initiiert wurden aufgrund von politischem Interesse, und ich spiele einen hochrangigen BND-Mitarbeiter.

TV-MEDIA: Zum Schluss: Ihr TV-Debüt in Max Faberböcks Schlafende Hunde ist heuer 25 Jahre her. Inwiefern hat ich die Fernsehlandschaft in dieser Zeit gewandelt?
Axel Prahl: Die Sehgewohnheiten haben sich massiv geändert, gerade, wenn ich mir ältere Sendungen aus den 80er- und 90er-Jahren anschaue. Das ist frappierend. Auch technologisch, mit der digitalen Technik, ist da irrsinnig viel passiert. Und auch durch das Internet und die vielen privaten Anbieter, die es in dem Bereich heute gibt. Jeder fängt an, selber zu produzieren und auszustrahlen, nehmen wir nur Netflix und Amazon.

TV-MEDIA: Als Schauspieler positiv, weil sich mehr Jobmöglichkeiten ergeben?
Axel Prahl: Das ist richtig, ich habe nur manchmal die Befürchtung, dass das ganze etwas ausufern könnte. Es erinnert mich dann doch etwas an alte römische Zeiten, Brot und Spiele. Solange das Spiel da ist und die Leute zum Essen haben, denkt man über viele Dinge nicht ganz so tiefgehend nach, wie es vielleicht manchmal wünschenswert wäre.

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