Gregor Schlierenzauers Kampf: ,Irgendwann hat man auch die Schnauze voll‘

Gregor Schlierenzauers Kampf: ,Irgendwann hat man auch die Schnauze voll‘

Gregor Schlierenzauer war mental am Boden – in einer Servus-TV-Doku gewährt er Einblicke in sein Seelenleben. Mit uns sprach er vorab ganz offen über seine Krise.


Ich werde das aushalten und meinen Weg fortsetzen. (Gregor Schlierenzauer über seine Rückschläge)

Ironie des Schicksals: Unmittelbar nachdem TV-MEDIA mit Gregor Schlierenzauer über seine bewegende Servus-TV-Doku ‚Weitergehen‘ gesprochen hatte, zog sich der 27-Jährige beim Training einen Seitenbandeinriss im rechten Knie zu. Bittere Konsequenz: Beim Saisonstart in Wisla wird der Rekord-Weltcupsieger (53 Einzelsiege) Ende November definitiv nicht über den Bakken gehen. Doch Schlierenzauer hat in den vergangenen Monaten gelernt, mit Rückschlägen umzugehen. „Ich werde das aushalten und meinen Weg fortsetzen“, gab er zu Protokoll. Seinen größten Kampf hat der Tiroler freilich schon hinter sich – den harten Weg aus der (Sinn-)Krise.

TV-MEDIA: Wie würden Sie jemandem den Film erklären, der ihn noch nicht gesehen hat?
Gregor Schlierenzauer: Es geht darum, dass als junger Mensch sehr viel in meinem Leben passiert ist, über mich hereingebrochen ist, die Kehrseite der Medaille sozusagen. Und dass ich mir dann die Zeit genommen habe, das Ganze zu verarbeiten und zu reflektieren.


Bei mir kam dann noch dazu, dass die private Beziehung zu Bruch ging.

TV-MEDIA: Wenn man sich die Sinnfrage stellt oder sich ausgebrannt fühlt, dann ist das etwas, das nicht von heute auf morgen kommt ...
Gregor Schlierenzauer: Das hat sich natürlich über einen längeren Zeitraum entwickelt. Ein einschneidender Moment war sicher die Saison 2012/2013, als ich den zweiten Gesamtweltcup gewonnen und Matti Nykänens Rekord gebrochen habe. Dann stellt man sich irgendwann die Sinnfrage: Will ich mir das noch antun, kann ich das noch, gibt mir das noch etwas? Damals habe ich mich noch nicht getraut, zu sagen: Okay, jetzt muss ich zurück, raus aus dem Hamsterrad, aus dem Rampenlicht. Auch weil 2014 Olympische Spiele waren, und die lässt man nicht einfach aus. So hat sich das entwickelt, dass ich irgendwann einmal nicht mehr im Spielmodus war, sondern in den Kampfmodus reingefallen bin. Das kann sehr belastend sein und Energie fressen. Bei mir kam dann noch dazu, dass die private Beziehung zu Bruch ging.

TV-MEDIA: Als Spitzensportler ist man gewohnt, sich zu überwinden. Ist es eine andere Form der Überwindung, wenn man sich eingesteht: Ich muss die Reißleine ziehen?

Gregor Schlierenzauer: Ich glaube, das hat weniger mit Spitzensport zu tun, sondern betrifft jeden von uns. Aber klar, es ist immer am schwierigsten, selbst in den Spiegel zu schauen und die Wahrheit zu erkennen. Wie gesagt: Ich hatte schon länger gespürt, dass ich nicht mehr so brenne. Dass die Energie, der Fokus, die positive Besessenheit und der Traum, der Beste zu sein, nicht mehr da waren. Was nur menschlich und natürlich ist. Wenn man mit 16 Jahren an der Weltspitze ist, dann fängt man mit neun Jahren an, als Kind den Weg sehr professionell zu gehen. Das ist zwar sehr toll, aber irgendwann hat man auch die Schnauze voll. Dann ist eben dieser Schritt zurück nötig und die Frage an sich selbst, ob man das noch will. Es gibt ja sehr viele Beispiele, nicht nur im Sport, auch in der Musik, wenn man an Michael Jackson denkt oder Whitney Houston. Da fallen mir sehr viele ein, die das mehr oder weniger auf ihre Weise erlebt haben. Diese Wunderkinder haben zu wenig Zeit, gewisse Lebensphasen auszuleben, weil sie unter ständigem Druck stehen.

TV-MEDIA: Apropos Schnauze voll: Bezieht sich das auch auf das Vereinnahmt-Werden durch die Öffentlichkeit, worunter gerade erfolgreiche Wintersportler bei uns zu leiden haben?
Gregor Schlierenzauer: Du bist halt nicht vorbereitet auf das, so ehrlich muss man sein. Als Kind hast du das Ziel, die Idee und die Vision, deinem Vorbild nachzueifern und alles dafür zu geben. Was alles rundherum abläuft, kriegst du aber erst mit, wenn es so weit ist. In jungen Jahren ist das natürlich auch sehr lässig, wenn man diese Aufmerksamkeit hat. Dass man immer in der Öffentlichkeit steht, ist die Kehrseite. Dass man einen gewissen Schutzschild aufbaut, wenn es einem zu viel wird. Und dann ist man halt auch nicht mehr so authentisch, so offen und ehrlich, wirkt gleich einmal arrogant. Oder man ist mit sich selber im Clinch, was Energie kostet und an der Substanz zehrt.

TV-MEDIA: Hat Sie der Kreuzbandriss beim Heli-Skifahren im März 2016 – in einer Phase, als Sie endlich losgelassen hatten – zurückgeworfen?
Gregor Schlierenzauer: Das war sicher eine herausfordernde Zeit und schon ein Tiefpunkt. Zu erkennen: Okay, jetzt genieße ich endlich einmal das, wofür ich abseits vom Springen nie Zeit hatte, und dann passiert diese Verletzung. Noch dazu eine, die in meinem Beruf nicht ohne ist. Von der Gefühlslage war es sehr bewegend, andererseits hatte ich mich schon davor mit diesen Dingen befasst, dass der Körper einem immer etwas sagen will. In dem Fall hat er mir gesagt: Gregor, du brauchst definitiv noch ein bisschen länger, mehr Zeit für dich. Du kriegst noch neun Monate geschenkt, um an dir zu arbeiten, zur Ruhe zu kommen. Sonst hätte ich wahrscheinlich nicht den Mut gehabt, eine Pause von einem ganzen Jahr zu machen.


Wunderkinder haben zu wenig Zeit, gewisse Lebensphasen auszuleben, weil sie unter ständigem Druck stehen.

TV-MEDIA: War der Film, in dem Sie sehr offen über Ihre Probleme sprechen, auch eine Art Therapie für Sie?
Gregor Schlierenzauer: Ich denke schon. Mir ist es aber weniger um die Therapie gegangen als darum, zu zeigen, was alles abläuft. Um so speziell den Jungen auch etwas auf ihrem Weg mitzugeben.

TV-MEDIA: Gab es Momente, in denen Ihnen der Dreh zu viel wurde?

Gregor Schlierenzauer: Am Anfang kriegt man natürlich die Kamera mit, das ist klar, aber je mehr Drehtage es gab, umso mehr bin ich mit der Crew zusammengewachsen. Dann fällt dir auch die Kamera nicht mehr auf, dann kommen diese authentischen, tiefen, persönlichen Einblicke zustande, um die es ja ging: das Hüllen-fallen-Lassen. Insofern war das ein gelungenes Projekt.

TV-MEDIA: Zum Sportlichen: Ihr Ziel ist es, die Leichtigkeit von früher zurückzugewinnen. Auf welchem Weg sehen Sie sich da?
Gregor Schlierenzauer: Auf einem sehr inspirierenden. Den Spitzensport in allen Facetten zu leben, macht mir zurzeit wieder unglaublich Spaß.

Programmtipp: Gregor Schlierenzauer: ,Weitergehen‘. Die sehr persönliche Doku zeigt den Tiroler auf dem Weg aus seiner (mentalen) Krise. Am Montag, 13. 11., um 20.15 Uhr auf Servus TV.

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