Elizabeth T. Spira über die 20. ‚Liebesg’schichten‘-Staffel & Österreich als „Nazi-Land“

Für ihre Shows muss Elizabeth T. Spira zwar keine Stoßgebete absenden, für die Bevölkerung Österreichs jedoch schon

Für ihre Shows muss Elizabeth T. Spira zwar keine Stoßgebete absenden, für die Bevölkerung Österreichs jedoch schon

Ihre ‚Alltags’gschichten‘ sind legendär, ihre ‚Liebesg’schichten und Heiratssachen‘ längst Kult. Am 4. Juli geht Elizabeth T. Spira mit ihrer quotenstarken Partnervermittlung in die 20. Staffel. TV-MEDIA traf die Tochter jüdischer Kommunisten zwischen Drehterminen und Schneidestunden in ihrem Wiener Büro. Wir plauderten über ihre aktuellen provokanten Sager („Österreich ist ein Nazi-Land“), ihr gespaltenes Verhältnis zu den Österreichern und über Heimat (Spiras Eltern wurden aus Österreich vertrieben, sie kam 1942 in Glasgow zur Welt). Und freilich über 20 Jahre ‚Liebesg’schichten und Heiratssachen‘.

TV-MEDIA: Wie geht’s Ihnen?
Elizabeth T. Spira: (lacht) hervorragend.

TV-MEDIA: Es wurde mir zugetragen, dass Sie in einem Fitness-Center trainieren. Wie geht’s voran?
Spira: Es gibt Perioden, wo ich mich z’ammreiß. Momentan lässt es zu wünschen übrig.

TV-MEDIA: Fehlt die Zeit?
Spira: Ja, und die Lust. Wenn man Zeit hat, dann will man sich nicht plagen, sondern sitzen und nichts tun.

TV-MEDIA: Fühlen Sie sich in einem Fitness-Studio wohl?
Spira: Ich fühle mich nirgends wohl, wo ich Sport betreiben muss.

TV-MEDIA: Warum tun Sie es dann?
Spira: Weil ich es aus Gesundheitsgründen müssen sollte. Wie gesagt, es gibt so Perioden, wo ich pflichtbewusst, so zwei-, dreimal in der Woche gehe. Dann gibt es Perioden, wo ich mir denke, wofür hast du das Abo eigentlich. Und wenn es so schön ist wie heute …


Am Anfang war es sehr schwer, Homosexuelle zu finden, die im Fernsehen auftreten

TV-MEDIA: Sie feiern heuer ein Jubiläum. 20 Jahre ‚Liebesg’schichten‘. Wie feiern Sie das?
Spira: Wir machen Sendung, wie gewöhnlich – und das ist schon genug Arbeiten.

TV-MEDIA: Was hat sich so verändert, in all den Jahren?
Spira: Die Beziehungen haben sich verändert. Die Frauen haben mittlerweile gelernt, den Männern zu sagen, was sie wollen und was sie nicht wollen. Und das hat die Männer verunsichert. Heute traut sich kaum einer zu sagen, dass die Frau den Haushalt führen soll: kochen, putzen, bügeln. Alle, die ein bisschen Grips haben, sagen, dazu brauch’ ich keine Frau, das mach’ ich alles selber, ich möchte eine Frau der Liebe wegen. Am Anfang – vor 20 Jahren – war noch selbstverständlich, dass sie den Haushalt führt. Und was sich noch verändert hat: Am Anfang war es sehr schwer, Homosexuelle zu finden, die im Fernsehen auftreten. Vor etwa zehn Jahren war dann der Durchbruch: Da wollten plötzlich sehr viele Schwule aus Graz mitmachen (lacht) . Das gilt allerdings nur für die Männer. Lesbische Frauen sind zurückhaltender.

TV-MEDIA: Im letzten großen TV-MEDIA-Interview zur Staffel 19 haben Sie spekuliert, es könnte Ihre letzte Staffel sein. Jetzt sitzen wir – zum Glück – dennoch hier. Wie gut stehen die Chancen, dass wir uns nächstes Jahr wieder treffen?
Spira: (lacht) Da kann ich Ihnen noch nichts verraten und sagen. Schauen wir einmal. Es ist noch nichts abgesprochen.

TV-MEDIA: Haben Sie für sich ein Ziel vor Augen, wann Sie den Sommer statt im Schneideraum im Freien verbringen wollen?
Spira: Ein bisserl fehlt mir der Sommer. Die Sendung fühlt sich leicht an, doch ist sie sehr arbeitsintensiv. Es sind zehnmal 45 Minuten, die man recherchieren, drehen und schneiden muss.

Ihre Shows sind längst zum österreichischen Fernsehkulturgut geworden – richtig heimelig hat sich Elizabeth T. Spira in Österreich jedoch nie gefühlt

TV-MEDIA: Sie legen sich also auf keine Jahreszahl fest?
Spira: Ich lege mich nie auf etwas fest.

TV-MEDIA: Wird die Sendung dann mit Ihnen in Pension gehen?
Spira: Auch das weiß ich nicht. Aber ich glaube, der ORF wäre gut beraten, eine ganz neue Sendung zu kreieren. Es ist ja ein ziemlich altmodisches Sendungsformat, das zu mir passt, während jüngere Fernsehmacherinnen bereits ganz anders arbeiten.


Es ist für jeden Menschen angenehm, wenn er ein gutes Verhältnis zu dem Ort hat, wo er lebt. Das ist heute ein Luxus. Millionen von Menschen haben diesen Ort nicht, weil sie fliehen mussten

TV-MEDIA: Nach 30 Jahren ‚Alltagsg’schichten‘ und das 20. Jahr ‚Liebesg’schichten‘: Wie ist es um die Seele der Österreicher bestellt?
Spira: Naja, im Moment weiß ich mehr um die politische Seele der Österreicher, die ist ja aufgebrochen bei der Bundespräsidentenwahl. Man kann nicht sagen, es gibt die Seele der Österreicher. Es gibt aber auch nicht acht Millionen Seelen der Österreicher, manche „paaren“ sich schon ganz gerne. Manche Seelen spalten sich, lachen, weinen, ängstigen sich. Ich möchte sagen, es gibt Menschen mit sehr viel Heimat, Seelen, die in der Heimaterde fest kleben bleiben, ganz schwer und sicher dort stehen und sich keinen Millimeter davon wegbewegen wollen. Und dann gibt es jene Seelen, die nicht zu Hause sind, sich fremd fühlen, Angst haben und geduckt sind.

TV-MEDIA: Ihr Heimatbegriff hat schon einen negativen Touch?
Spira: Nein, nein. Es hängt davon ab, was man daraus macht. Ich glaube, es ist für jeden Menschen angenehm, wenn er ein gutes Verhältnis zu dem Ort hat, wo er lebt. Das ist heute ein Luxus. Millionen von Menschen haben diesen Ort nicht, weil sie fliehen mussten. Sie sind zerrissen zwischen verschiedenen Heimaten und Orten. Und das ist für sie eine bedrohliche Situation. Die Flucht aus dem eigenen, in ein fremdes Land - und wenn sie zwischen Stacheldraht-Zäunen auf ein Zuhause warten, dann glaube ich, dann ist die Tragödie perfekt. Und dafür können die Leute nichts. Und dann gibt es die mit der zu fetten Heimat, die sich das überhaupt nicht vorstellen können und die glauben, die Heimatlosen sind Verbrecher. Und das ist unerträglich und menschenverachtend.


Es gibt keinen „reinrassigen“ Österreicher. Wer soll das sein?

TV-MEDIA: Warum ist das so, dass jemand Heimat für sich beansprucht?
Spira: Das ist historisch bedingt. Was mir so auf die Nerven geht, ist das „Österreich“–Geschrei. Keiner besitzt ein Land. Und die österreichischen Menschen sind schon historisch bedingt eine wunderbare Mixtur: Osteuropäer, Südeuropäer, Asiaten, Afrikaner. Es gibt keinen „reinrassigen“ Österreicher. Wer soll das sein? Wenn FPÖler „Österreich, Österreich“ vor der Fernsehkamera schreien, dann ist das eine großartige kabarettistische Einlage. Es ist absurd: niemand nimmt ihnen ihr Land weg.

TV-MEDIA: In einem Wienerin.at-Interview haben Sie am Tag nach der Bundespräsidentenwahl Österreich als Nazi-Land bezeichnet. Empfinden Sie Österreich wirklich so schlimm?
Spira: Das ist natürlich eine Übertreibung. Doch es haben viel zu viele Österreicher dumpfe, ängstliche Gefühle, die sehr unangenehm sind. (Spira spricht das Ergebnis der Bundespräsidentenwahl an, bei der 49,7% der Österreicher für den FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer stimmten, Anm.)

TV-MEDIA: Aber deswegen gleich alle als Nazis zu beschimpfen, geht das nicht zu weit?
Spira: Es war ein emotionaler Satz nach einer ziemlich durchtrunkenen Nacht. Und wer mich kennt, weiß, dass ich so etwas sage, um zu ärgern. Aber es war ein dummer und plumper Sager, für den ich mich entschuldige. (überlegt) Aber ich habe nie ein unbeschwertes Gefühl den Österreichern gegenüber gehabt. Ich bin ein Emigrantenkind und immer ein bisschen stachelig, und deswegen manchmal auch negativ gestimmt. Meine Eltern sind hier als Juden verfolgt worden und konnten zum Glück rechtzeitig fliehen. Ich bin in der Emigration geboren und 1946 sind wir nach Österreich „zurück“ gekommen.

TV-MEDIA: Hatten Sie das Gefühl, Sie waren damals willkommen?
Spira: Nein, waren wir nicht, aber sie (die Wiener, Anm.) hatten Angst vor uns. Und das wiederum war ein gutes Gefühl. Man hat nicht gewusst, wie man sich uns gegenüber verhalten soll. Meine Eltern waren Juden und Kommunisten. Der Großteil meiner Familie ist in Australien, Kanada, Brasilien, Amerika geblieben - warum meine Eltern zurückgegangen sind, habe ich nie wirklich verstanden und unsere Beziehung zur „Heimat“ war eine nicht ungetrübte. Wenn du in einer solchen Familie aufgewachsen bist, dann bist du immer ein bisschen fremd und distanziert der „Heimat“ gegenüber.

TV-MEDIA: Sie haben aufgrund Ihrer Geschichte ganz andere Antennen …
Spira: Ganz andere. Wenn ich Gesprächen zuhöre, dann geht es gleich rrrrzzzzz (zieht eine fiktive Antenne aus ihrem Kopf) .


Mein Heimatbegriff ist ein ganz anderer als jener von einem bürgerlichen Menschen, von einem Bauern oder von Herrn Strache oder Herrn Hofer

TV-MEDIA: Ob derartige pauschalierte Nazi-Sager dann der richtige Weg ist, bezweifle ich ...
Spira: Ich will ja niemanden erziehen. Das ist gar nicht meine Aufgabe. Die Menschen haben sich verändert. Aber im Prinzip sind sie die Nachkommen der Nachkommen der Nazis.

TV-MEDIA: Ich bin die dritte Generation, aber ich verspüre keinen Nazi in mir.
Spira: Aber darum geht’s ja gar nicht. Ich suche auch keine Verbrecher, es leben eh keine mehr. Aber ich möchte hier gar nicht ganz ankommen. Das geht auch schwer. Daher ist auch mein Heimatbegriff ein ganz anderer als jener von einem bürgerlichen Menschen, von einem Bauern oder von Herrn Strache oder Herrn Hofer.

TV-MEDIA: Wie lautet Ihr Heimat-Begriff?
Spira: Ich denke, ich habe mehrere Heimaten. Meine Heimat ist nicht ein Ort, sondern Menschen, die mir nahestehen. Ich fühle mich wohl und heimatlich mit Freunden, mit Familie. Und ich fühle mich nahe Menschen, die Heimat immer wieder in Frage stellen. Es gibt Maler und Musiker, die mir ein Zuhause bieten, es gibt Bücher, in denen ich wohne. Dann gibt es Kultur, die mir Heimat bietet. Man kann sich Heimaten finden, die keine geschlossenen Räume sind. Ich bin natürlich durch und durch Wienerin, ich könnte gar nicht woanders leben. Aber ich bin Wienerin mit Stacheln. Und die können ziemlich stechen.

TV-MEDIA: Auch bei ihren ‚Liebesg’schichten‘-Kandidaten?
Spira: Da bin ich sehr fair und sage, das geht mich nichts an. Selbst wenn ich dort ‚Mein Kampf‘ oder ein kleines Hitler-Bild in einer Vitrine sehe. Da zucke ich ganz kurz zusammen und denke mir, aufpassen, du machst jetzt ‚Liebesg’schichten‘, da geht es um etwas ganz anderes.

TV-MEDIA: Funktioniert das?
Spira: Es funktioniert, weil ich diszipliniert und fair bin. Menschen haben sich an mich gewandt, weil sie einsam sind und nicht, weil sie Nazis, Sozis oder Kirchgänger sind. Es kommt nicht sehr oft vor. Aber ich zeige es diskret - eine Frau, die so wie ich tickt, bemerkt das schon und denkt: „Den will ich sicher nicht“.

TV-MEDIA: Zum Schluss: Wie haben Sie das im Interview mit der Landbevölkerung gemeint, die in Ihren Augen „nicht unbedingt blitzgescheit“ ist?
Spira: Das war blöd. Es ist genauso blöd, wenn jemand sagt, alle Flüchtlinge sind Verbrecher. Ich war damals so wütend und da ist mir der Sager rausgerutscht. Es war eine dumme klägliche Provokation.

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