Die Zukunft der Big Data-Blockbuster: Wie Kinohits bald durch Userdaten entstehen

Star Wars: Die letzten Jedi – aufgrund von Big Data-Analysen weiß man jetzt schon, dass es der erfolgreichste Film 2017 wird

Star Wars: Die letzten Jedi – aufgrund von Big Data-Analysen weiß man jetzt schon, dass es der erfolgreichste Film 2017 wird

Hollywood hat Zugriff auf so viele Daten des Publikums wie nie zuvor. Serienproduzenten nutzen die Userdaten schon längst – um maßgeschneiderte Titel zu produzieren. Sind die Zukunft Big Data-Blockbuster?

Wenn es darum geht abzuschätzen, welche Filme das große Geld bringen, tappen die Studiochefs meist noch im Dunkeln. Ein legendärer Satz des oscarprämierten Drehbuchautors William Goldman (‚Die Unbestechlichen‘) bringt das Dilemma auf den Punkt: „In Hollywood weiß niemand irgendetwas!“ Kein Kinobesucher weiß vorab, ob seine Kinokarte ihr Geld wert ist. Erst Anschauen enthüllt, ob der gewählte Film den Erwartungen entspricht.


In Hollywood weiß niemand irgendetwas (William Goldman, Drehbuchautor)

Gefällt er, hat sich die Ausgabe gelohnt. Gefällt er nicht, ist das Geld weg und der Frust groß. Für Hollywood stellte dieser Zusammenhang jedoch immer schon ein Riesenproblem dar. Ein Konsument, der sich nicht sicher ist, ob er einen Film sehen soll oder nicht, weil er nicht weiß, ob das, was er bekommt, dem entspricht, was er sich erhofft, gilt als unberechenbare Variable. Und kaum etwas mag eine Industrie mit großteils sündteuren Produkten weniger.

Big Data: Daten werden in Echtzeit analysiert und ausgewertet

Es scheint sich derweil eine Lösung abzuzeichnen, die in anderen Branchen längst in Anwendung ist. Big Data! Dabei handelt es sich um die zunehmende Transformation verschiedenster Lebensbereiche durch neue Formen der elektronischen Datengewinnung und deren Auswertung. Im Detail geht es darum, große Datenmengen aus diversen Quellen, zum Beispiel den sozialen Medien, in Echtzeit zu analysieren und auszuwerten. Die massenhafte Datenauswertung verspricht ein besseres und zugleich objektiveres Weltbild.

Big Data? Die Hollywood-Studiobosse halten nicht viel davon – bis jetzt

Doch während zahlreiche Branchen Big Data in den letzten Jahren schon eifrig nutzten, blieb Hollywood lange skeptisch. Die Studiochefs vertrauten lieber weiterhin einer Mischung aus traditioneller Marktforschung, Erfahrung und ihrem Bauchgefühl. Mittlerweile haben aber viele Studios, allen voran Disney und Legendary Entertainment, das Potenzial des Datenschatzes erkannt. Zunehmend bauen Studios Teams auf, die sich der Datenanalyse widmen, darüber hinaus schießen Unternehmen, die ähnliche Dienste anbieten, wie Pilze aus dem Boden.

‚Alpha House‘: Die Comedy entstand aufgrund von Amazon-Kundenbewertungen, floppte aber

Vor allem dank der Streaminganbieter hat das neue Fernsehen indes die klaffende Lücke zwischen Publikum und Bildschirm längst überbrückt. Sowohl Amazon als auch Netflix -die beiden größten Player im Video-on-Demand-Fernsehen - sind nämlich nichts anderes als Datensammelfirmen, die unglaublich viel über ihr Publikum wissen.

Amazon und Netflix produzieren bereits seit 2012 aufgrund von Userdaten

2012 produzierte Amazon seine erste eigene Serie: ‚Alpha House‘. Die Comedy mit John Goodman wurde aufgrund der Bewertungen tausender Amazon-Kunden entwickelt. Etwa zur gleichen Zeit entstand bei Netflix ‚House of Cards‘ - und auch hier war die große Datensammlung des Unternehmens Grundlage für Form und Inhalt der Serie. Während Amazons ‚Alpha House‘ floppte, avancierte ‚House of Cards‘ auf Anhieb zum international gefeierten Erfolg.

‚House of Cards‘: Datensammlungen beeinflussten Form und Inhalt der Politserie

‚Star Wars: Die letzten Jedi‘: Experten errechnen aufgrund von Social Media-Posts und Google ein Mega-Einspielergebnis

Wo also kann Big Data helfen, und vor allem: Wie wird es bereits in der Filmindustrie eingesetzt? Ein Bereich ist schon jetzt die Vorhersage von Gewinnern und Verlierern an der Kinokasse, und zwar bevor Filme überhaupt ins Kino kommen. Analysiert werden dafür etwa die Anzahl der Twitter-und Facebook-Posts zu einem Film oder die Google-Eingaben. Dazu ein Beispiel: Mithilfe von Trailer-Views, Twitter-Posts und sonstigen Online-Aktivitäten errechneten Experten für ‚Star Wars: Die letzten Jedi‘ (startet im Dezember) allein in den USA ein Einspiel von mehr als 750 Mio. Dollar!

‚Star Wars: Die letzten Jedi‘: Big Data-Erkenntnisse küren das Sci-Fi-Spektakel jetzt schon zum erfolgreichsten Film 2017

Abgesetzt wegen schlechter Vorzeichen auf Facebook & Co: ‚Blackhat‘ mit Chris Hemsworth

Je früher abschätzbar ist, welche Filme zünden und welche vermutlich floppen, desto eher können Filmfirmen vor allem jene Filme werbetechnisch anschieben, die es noch nötig haben. Oder man zieht die Notbremse. Im Falle des Hackerthrillers ‚Blackhat‘ (2015) mit Chris Hemsworth strich Legendary Entertainment kurzerhand das Marketingbudget, nachdem sich abgezeichnet hatte, dass der Film floppen würde.

‚Blackhat‘: Dank Big Data strich Universal die Werbeaktivitäten

Marketingkampagne für ‚Godzilla‘: Kreditkartendaten halfen, die Kinogänger besser zu verstehen

Während die Vorhersage von Gewinnern und Verlierern hilft, über Investitionen zu entscheiden, wird Big Data auch genutzt, um Marketingstrategien zu verfeinern. Dank der Auswertung von Nutzerdaten aus den sozialen Medien in Kombination mit anderen Datensätzen wie zum Beispiel Kreditkartendaten ist es möglich, die Öffentlichkeit immer feiner zu segmentieren, bis hin zum einzelnen Kinobesucher. So lassen sich präzise Werbekampagnen zuschneiden - siehe ‚Godzilla‘ (2014). Das spart enorme Kosten, da Marketingbudgets nicht mehr dafür verprasst werden, möglichst viele Menschen zu mobilisieren, sondern gleich die richtigen.

‚Godzilla‘: Maßgeschneiderte Werbung bescherte Warner ein Top-Einspiel

Wird das Kino jetzt zur überraschungsfreien Zone?

Kritiker befürchten den Einfluss von Big Data vor allem, wenn es um die Produktion von Filmen geht. Was, wenn datengetriebene Erkenntnisse beginnen, kreative Entscheidungen zu beeinflussen und die Studios sich zu sehr auf das verlassen, was die Filmfans vermeintlich wollen? Das Kino würde zur überraschungsfreien Zone verkommen.


Daten erzählen nur, was Menschen mochten, aber nicht die Dinge, von denen die Zuschauer noch nicht wissen, dass sie sie mögen werden (John Landgraf, FX-Chef)

John Landgraf, Chef des US-Pay-TV-Kabelsenders FX bringt das Risiko, das Studios eingehen, wenn sie sich blind auf Daten verlassen, auf den Punkt: „Daten erzählen nur, was Menschen mochten, aber nicht die Dinge, von denen die Zuschauer noch nicht wissen, dass sie sie mögen werden.“ Beispiel gefällig? Wäre ‚Casablanca‘ (1942) nur auf Basis von Zuschauermeinungen gedreht worden, hätten Rick und Elsa mit Sicherheit ein Happy End bekommen. Im Film bleibt ihnen das aber verwehrt. Casablanca avancierte dennoch zum Klassiker - wohl auch gerade weil der Wunsch des Publikums unerfüllt blieb ...

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