Zeit für Legenden

Drama, CDN/D 2016

Jesse Owens bereitet sich auf Olympia in Nazi-Deutschland vor

Politik, heißt es seit jeher, hat im Sport nichts zu suchen. Im Sommer 1936 aber war das eine vom anderen nicht zu trennen: Die USA drohten mit einem Boykott der Olympischen Spiele in Berlin unter dem Nazi-Regine - nahmen dann aber doch teil. Einer Schlüsselfigur der Spiele, dem schwarzen US-Leichtathleten Jesse Owens, wird nun mit "Zeit für Legenden" ein filmisches Denkmal gesetzt.

"Race", wie der Streifen in Bezug auf "Rasse" und zugleich "Wettrennen" im Original heißt, läuft in den österreichischen Kinos an - stolze vier Monate nach US-Start, aber noch pünktlich vor den Spielen in Rio de Janeiro und genau 80 Jahre nach Owens' Triumph. Es überrascht, dass die kanadisch-deutsche Koproduktion von Regisseur Stephen Hopkins der erste Spielfilm über den Sportler ist, schreit seine Geschichte doch geradezu nach einer Hollywood-Verfilmung.

Wobei "Zeit für Legenden" nicht Owens' gesamte Biografie aufrollt, sondern sich auf drei Jahre beschränkt: Im Jahr 1934 wird der 19-jährige Afroamerikaner Jesse Owens (Stephan James) an der Ohio State University aufgenommen und dort vom Coach Larry Snyder (Jason Sudeikis) trainiert. Nach einem holprigen Start arrangieren sich die beiden miteinander und fahren bald Erfolge ein: Bei einem wichtigen Turnier in Michigan stellt Jesse innerhalb von 45 Minuten fünf neue Weltrekorde auf und einen weiteren ein. Sein nächstes Ziel: die Olympischen Spiele 1936 in Berlin.

Während Jesse fieberhaft auf eine Qualifikation hintrainiert, wägt das amerikanische Olympia-Komitee aufgrund der zunehmenden rassistischen und antisemitischen Hetze der Nazis die Teilnahme erst ab. Nachdem der Delegierte Avery Brundage (Jeremy Irons) bei einer Stippvisite in Berlin vor NS-Propagandaminister Joseph Goebbels (Barnaby Metschurat) durchsetzt, dass weder Juden noch Schwarze von den Wettkämpfen ausgeschlossen werden, fällt das Voting zwar knapp für eine Teilnahme aus. Doch kaum hat sich Jesse qualifiziert, fordert die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) ihn auf, aus Solidarität mit den Unterdrückten in Deutschland nicht mitzufahren. Jesse wähnt sich in einer Zwickmühle - und entscheidet sich, mit einem möglichen Triumph ein noch stärkeres Signal zu senden.

"Zeit für Legenden" inszeniert Owens' Gewinn von gleich vier Goldmedaillen (in 100- und 200-Meter-Lauf, Weitsprung und Staffellauf) nicht nur als großen sportlichen Triumph, sondern auch als symbolischen Sieg gegen Adolf Hitler und dessen Theorien einer überlegenen arischen Rasse. Das Drehbuch verschweigt dabei nicht, wie es zugleich um die (fehlende) Toleranz in den USA der 30er-Jahre bestimmt ist: Vom Weißen Haus kommt keine Anerkennung für den schwarzen Olympia-Sieger, und bei einem für ihn ausgerichteten Bankett muss er mit Ehefrau Ruth (Shanice Banton) den Dienstboteneingang benutzen.

Man merkt diesem Film schmerzhaft an, was er versucht, aber nicht schafft: Um Nuancen einzubringen, wird da das Dritte Reich bei Owens' Ankunft in Berlin fast idyllisch gezeichnet, werden hier doch zumindest Schwarze und Weiße - anders als in den USA - in öffentlichen Räumen nicht getrennt, und bietet ihm der deutsche Konkurrent Carl "Luz" Long (David Kross) im Stadion sogar die Freundschaft an. Auch der opportunistische Brundage und Olympia-Dokumentaristin Leni Riefenstahl (Carice van Houten) werden eher mit Samthandschuhen angefasst.

Auch sonst ist das Drehbuch von Joe Schrapnel und Anna Waterhouse wenig konsequent: Konflikte wie die Forderung der NAACP ebben wortlos ab; die Liebesgeschichte von Jesse und Ruth samt Seitensprung wirkt ebenso erzwungen wie die Beziehung zwischen Owens und seinem Coach, auf dessen früheren Sportlererfolg und späteren Absturz unentwegt hingewiesen wird. Erst das letzte, teils im Berliner Olympiastadion gedrehte Viertel des Films bringt mit klassischen Sportdrama-Ingredienzien Schwung in die Handlung. Nach 134 Minuten aber kommt der vorhersehbare Film - anders als sein Protagonist - nur äußerst schleppend ins Ziel. Der erst 22-jährige Kanadier Stephan James, der zuvor im Bürgerrechtsdrama "Selma" zu sehen war, empfiehlt sich mit seiner ausdrucksstarken Performance jedenfalls für besseres Material.

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