Women Without Men

Drama, D/A/F 2009
Unterdrückung in jeder Form

Unterdrückung in jeder Form

Eine Frau steht auf einem weißen Hausdach, der schwarze Tschador weht im Wind, sie schaut sich gehetzt um, sieht verzweifelt aus - und springt. "Jetzt habe ich endlich Frieden", formuliert sie noch. Die junge Iranerin heißt Munis und ist eine jener vier Frauen, die im Mittelpunkt von Shirin Neshats Literaturverfilmung "Women Without Men" stehen.

Das Buch von Shahrnush Parsipur aus dem Jahr 1989 ist im Iran verboten - und Ähnliches wird wohl auch dem von Österreich koproduzierten Film widerfahren, der im Vorjahr den Silbernen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig erhielt. Das Buch habe ursprünglich weniger um vom Land und mehr von der Frauenthematik gehandelt, erzählte Neshat im Gespräch mit der APA. Gemeinsam mit Shoja Azari hat die exilierte iranische Videokünstlerin den Stoff aufgegriffen und stärker in eine politische Richtung getrieben. Der Film spielt im Sommer des Jahres 1953, die Lage im Iran ist angespannt. Der demokratisch gewählte Premier Mohammad Mossadegh hat die Ölindustrie verstaatlicht und sich so mit den Briten angelegt. Mit Hilfe der CIA und des britischen MI6 wird Mossadegh schließlich gestürzt und eine vom Schah favorisierte Militärregierung installiert. Das Öl fließt wieder in die USA und nach England, eine Zeit der brutalen Diktatur folgt - soweit zum geschichtlichen Hintergrund.

Wer sich dieses Hintergrundes nicht bewusst ist, wird Neshats Film an manchen Stellen vielleicht ein wenig verwirrend finden. Die Regisseurin fächert anhand von vier Frauen aus verschiedenen sozialen Schichten ein gesellschaftliches Panorama des Iran der 1950er Jahre auf. Munis stammt aus der traditionsbewussten Mittelschicht und ist trotz ihres autoritären Bruders politisch aktiv, ihre Freundin Faezeh ist in den tief religiösen Bruder verliebt. Die arme Zarin muss im Bordell arbeiten, die reiche Fakhri ist westlich orientiert und umgibt sich mit Künstlern. Sie alle erfahren auf die eine oder andere Art Unterdrückung, sei es durch häusliche oder sexuelle Gewalt, sei es durch hegemoniale Vorstellungen oder längst überholte Überzeugungen.

Die Flucht der Frauen führt sie in einen schützenden Garten außerhalb der Stadt, symbolisch für das Exil oder auch die Unabhängigkeit und Freiheit, nach der sowohl sie als auch das Land dürsten. Neshat wechselt beständig zwischen realer und surrealer Erzählebene, im gesamten Film geht es für die Künstlerin um Gegensätze: "Stadt und Land, Geschichte und Gegendwart, der Iran und die Welt, das Individuum und die Gemeinschaft." Auch die emotionale Balance zwischen Hoffnung und erneutem Betrug wird strapaziert, die Dialoge sind zumeist hoch politisch und entbehren dennoch nicht einer poetischen Kraft. Es ist ein eindrückliches und intensives Filmerlebnis, das Neshat und Azari den Zuschauern ermöglichen, und das Ende bleibt ambivalent.

Die Umsetzung des Films dauerte insgesamt rund sechs Jahre, statt in Teheran musste in Casablanca gedreht werden.

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