Wie die anderen

Dokumentation, A 2015

Wulff gibt Einblick in die Station für Kinder- und Jugendpsychiatrie

Depressionen, Missbrauch, Wut und Hoffnung: In seiner faszinierenden und sensiblen Doku "Wie die anderen" gibt Constantin Wulff einen Einblick auf den nicht gerade alltäglichen Alltag der Station für Kinder- und Jugendpsychiatrie im niederösterreichischen Landesklinikum in Tulln. Der Beitrag feierte bei der Diagonale seine Premiere.

Seither ist allerdings eine Debatte um die Legitimität der im Film und in der dazu gehörigen PR-Arbeit verwendeten Aufnahmen entstanden, um die Fragen von Patientenschutz und ärztlicher Schweigepflicht. Man habe selbstverständlich zuvor die Einwilligung aller im Film vorkommenden Personen oder deren gesetzlicher Vertreter eingeholt, versicherte Wulff. Das könne in so sensiblen Bereichen den prinzipiellen Schutz von Minderjährigen allerdings nicht außer Kraft setzen, deponierten zwei Psychiater sowie die Kinder- und Jugendanwältin der Stadt Wien. Mit dem Start des Films kann sich nun jeder selbst ein Bild davon machen.

"Alle fragen sich, warum ich so seltsam bin", gibt zu Beginn Leonie in überlegten Worten zu Protokoll. "Keiner weiß eine vernünftige Erklärung. Derweil wäre ich gerne genauso wie die anderen." Genau darum geht es. Mit großer Genauigkeit sehen Wulff und sein Kameramann Johannes Hammel dem Personal dabei zu, wie sie versuchen, dahinterzukommen, was in ihren Patienten vorgeht. Keine bildgebenden Maßnahmen, keine Laborwerte helfen ihnen dabei (oder jedenfalls nur selten). Es geht ums Reden und ums Verstehen. Und keine Musik, keine Off-Kommentare lenken davon ab.

Wulff hatte mit seinem Direct-Cinema-Ansatz des beobachtenden Kinos in seinem Film "In die Welt" die Arbeit der Wiener Semmelweis-Geburtsklinik dokumentiert. Man versteht, dass der Psychiater Paulus Hochgatterer, der als Autor bekannte Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Landesklinikum Tulln, von der Idee angetan war, dasselbe Konzept an der von ihm geleiteten Klinik umzusetzen - als Signal der Öffnung, der Enttabuisierung, der Normalisierung. Hier tun hoch qualifizierte, hoch empathische Menschen unter erschwerten Bedingungen ihre Arbeit.

Das Konzept geht ebenso beglückend wie bedrückend auf. Denn Patienten, Ärzte und Betreuungsteam werden auf Augenhöhe gezeigt. Teamsitzungen und Supervisionen erweisen sich mitunter als spannender denn Patientengespräche oder Therapiestunden. Und Aggressionsabbau gilt es überall zu leisten. Eine der eindrucksvollsten Szenen ist eine Sitzung, in der dem Klinikleiter von seinen Mitarbeitern angesichts eklatanter Unterbesetzung die unhaltbaren Arbeitsbedingungen am Haus um die Ohren geschleudert werden.

Nicht der Chef Hochgatterer ist Protagonist des Films, sondern seine Oberärzte Ruth Pöchacker, Peter Machowetz und ihre Kollegen. Und natürlich die Kinder und Jugendlichen, deren steinigen Weg der Selbstfindung und Heilung man mit Betroffenheit und Respekt verfolgt. Dass man ihnen dabei in die Augen sehen kann, ist Voraussetzung dafür, dass dieser Film funktioniert. Denn es geht nicht ums Wegdrehen sondern ums Hinsehen.

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