Where to invade next

Dokumentation, USA 2015

Michael Moore war wieder auf Reisen

In Zeiten, in denen das Jammern über Europa im alten Kontinent selbst en vogue ist und die verschiedenen Untergangspropheten fröhliche Urstände feiern, tut bisweilen der Blick von außen gut. Und genau diesen liefert US-Krawalldokumentarfilmer Michael Moore mit seinem neuen Werk "Where to invade next". Herausgekommen ist eine Liebeserklärung an Europa, die nun in den Kinos anläuft.

Einige Jahre war es eher still um Moore, der 2009 mit "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" seinen bis dato letzten Dokumentarfilm veröffentlicht hatte. Für seine Tour durch Europa hat der unerschrockene linke Vorkämpfer nun seinen Gonzo-Journalismus ins Positive gewendet - er geht nicht auf Konfrontation mit den Systemvertretern des eigenen Landes, sondern sucht nach möglichen Alternativen. Die fiktive Rahmenhandlung besteht daraus, dass die US-Army Moore zu Hilfe ruft, da sie sich mit der Politik der weltweiten Kriegsführung gescheitert sieht. Der Filmemacher schnappt sich daraufhin eine US-Fahne, um in mehrere europäische Länder nacheinander einzumarschieren, und diesen - natürlich im Guten - ihre guten Ideen zu rauben.

Dabei reist Moore mit offenen und staunenden Augen durch Europa und spricht auf seinem Weg mit Arbeitern, Gewerkschaftern, Unternehmensbossen oder Präsidenten. In Deutschland nimmt er das Kurwesen in den Fokus - und die erfolgreiche Vergangenheitsbewältigung als Vorbild für einen möglichen Umgang der Vereinigten Staaten mit ihrem Erbe aus Sklaverei und Ausrottung der indigenen Bevölkerung.

In einer französischen Schulkantine lässt er sich völlig entgeistert gesunde, aufwendige Ernährung kredenzen, während er in Slowenien den freie Hochschulzugang unter die Lupe nimmt. In Norwegen spricht er mit dem Vater eines Utöya-Opfers, der dennoch dem Attentäter Anders Behring Breivik nicht die Todesstrafe wünscht, während er in Portugal die Straffreiheit von Konsumenten als Gegenbild zum diskriminierenden Krieg gegen die Drogen herausgreift.

Für Europäer ist vieles auf dieser Reise alltägliche Selbstverständlichkeit - Gott sei Dank. In Kenntnis der USA kann man jedoch erahnen, wie hanebüchen und nachgerade skurril vielen Amerikanern die Zustände in Europa erscheinen müssen, haben die meisten im Land der Freiheit von diesen Fakten doch noch nie gehört.

Zwar kann man aus europäischer Sicht wohl die eine oder andere Schlussfolgerung Moores für polemisch zugespitzt halten. Und vermutlich würden hiesige Filmemacher nicht Italien als Musterland für großzügige Urlaubsregelungen und ein herausragendes Sozialsystem herausgreifen, in dem aber dennoch die Wirtschaft floriert. Nichtsdestotrotz regt die Außenperspektive mit den gewohnt amüsanten wie assoziativen Zwischenschnitten in Zeiten des allgemeinen Defätismus zum Nachdenken an. Vielleicht ist der alte Kontinent ja doch nicht so schlecht, wie er sich derzeit selbst macht.

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