Was hat uns bloß so ruiniert?

Komödie/Drama, A 2016

Eine Schwangerschaft verändert so einiges

Ein Kind fängt erst einmal bei Null an. Und die Eltern ab der Geburt irgendwie auch. In ihrem dritten Spielfilm "Was hat uns bloß so ruiniert?" wirft die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer drei Bobo-Paare mit (Luxus)-Problemen in das Chaos namens Elternschaft und erzählt berührend-komisch, wie sie sich selbst dabei ein wenig verlieren und ihr Leben notgedrungen neu ordnen müssen.

Als Stella (grandios: Vicky Krieps) und Markus (Marcel Mohab) ihren besten Freunden am Weihnachtsabend eröffnen, dass sie Eltern werden, fällt das Wort "Gratulation" erst recht spät. Stattdessen wird über den richtigen Zeitpunkt zum Kinderkriegen philosophiert - und ob man sich nicht gleich anhängen sollte. Kurz darauf ist Ines (herrlich miesgelaunt: Pia Hierzegger) - sehr zur Freude ihres Partners Chris (Manuel Rubey) - ungewollt (und unglücklich) schwanger. Und weil man nicht allein kinderlos zurückbleiben will, rücken auch Mignon (Pheline Roggan) und Luis (Andreas Kiendl) nach.

Das Leben, das sich die beruflich erfolgreichen Mittdreißiger so nachhaltig, frei und betont un-spießig eingerichtet haben, wird durch den Nachwuchs urplötzlich auf den Kopf gestellt. Schon bald tauchen Fragen und Probleme auf, die eigentlich keine sind. Etwa: Sind PDA oder Kaiserschnitt bei der Geburt vertretbar, wenn das Baby bis dahin doch "ganz bio und chillig" in Stellas Bauch heranwächst? Darf Ines - laut Chris "Impfgegnerin aus Schleißigkeit" - die Kindererziehung ganz dem "Hands-on-Dad" überlassen? Geht Mignon mit ihrem Natürlichkeitswahn zu weit, wenn ihre Aimée nie Windeln trägt? Und sind Rosinen im Müsli der "Kindergrupp Kartoffelsupp" vertretbar - oder doch pures Gift, weil Zucker?

Die Heraus- und Überforderungen wirbeln den Alltag sowie die Dynamik innerhalb der Gruppe und zwischen den Paaren gewaltig durcheinander. Die Einen driften auseinander, die Anderen trennen sich - und Zwei, die eigentlich gar nicht zusammengehören, finden verboten zueinander. Dazwischen bittet Filmakademie-Absolventin Stella für ihren Dokumentarfilm über das Elternwerden die eigenen Freunde regelmäßig vor die Kamera, wo sich so mancher Frust entlädt.

Den Fokus richtet Marie Kreutzer auf Stella, die fürchtet, in dieses "spießige Szenario" Mutter-Vater-Kind nicht reinzupassen. Dabei wollte sie doch ursprünglich "die Welt in Staunen versetzen mit meiner Coolness und Liebe und der Makellosigkeit meines Bindegewebes", sagt sie im Voice-over zu verwaschenen Zukunftsbildern von gemeinsamer Idylle, in der die Kinder im Sandkasten spielen und die Eltern auf der Parkbank Wein trinken. "Ich bin ein bisschen Stella, die über sich und ihr Leben erzählen will und gleichzeitig fürchtet, dass diese Luxusprobleme niemanden interessieren werden", schreibt Kreutzer über die autobiografischen Züge des Films im Presseheft.

Dementsprechend darf man auch lachen mit und über diese leicht überzeichneten und doch aus dem Leben gegriffenen Bobos, deren Probleme gar keine zu sein scheinen. Als Zuseher findet man sich zwangsläufig wieder - denn so sehr sich die sechs Egomanen in ihren Optimierungswahn verrennen, so nachvollziehbar und zutiefst menschlich sind ihre Ziele dann auch, dreht es sich doch immer um die Frage, was das Beste für das Kind und die Familie ist.

Kreutzers Handschrift ist in "Was hat uns bloß so ruiniert?" - ein Titel, den sie dem Kultsong "Was hat dich bloß so ruiniert?" der Hamburger Band Die Sterne entnommen hat - glücklicherweise wieder stärker zu spüren als in ihrer Doris-Knecht-Adaption "Gruber geht" (2015). Wie schon bei ihrem prämierten Spielfilmdebüt "Die Vaterlosen" (2011) hat sie selbst das Drehbuch geschrieben, meistert darin gekonnt die Balance zwischen Schwere und Leichtigkeit, schafft so liebenswerte wie selbstzerstörerische Figuren, ist in den Dialogen auf Authentizität und in der Tragik auf subtilen Schmäh bedacht.

Auch hier bleiben wieder tolle Sätze in Erinnerung, angefangen bei Chris' Ausspruch: "Alles, was schön ist, tut auch irgendwie weh, weil du es nicht einrahmen und behalten kannst." Kreutzer ist ein kluges Porträt einer bzw. ihrer Generation gelungen, anwendbar nur auf ein gewisses Milieu, das es so aber in jeder westlichen Großstadt gibt - und das auch Nicht-Eltern und Nicht-Bobos 90 unterhaltsame Minuten beschert.

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