Volver la vista

Dokumentation/ , A/MEX 2005
Interessantes Spiel mit Typischem und Stereotypen

Interessantes Spiel mit Typischem und Stereotypen

Es ist ein weit verbreitetes Phänomen, dass man im Fremden das Vertraute sucht, um sich zurecht zu finden. Das Umkehrverfahren ist weniger Usus: im Vertrauten nach dem Fremden suchen, es mit den Augen eines Fremden anzuschauen. In Fridolin Schönwieses subtilem Essayfilm "Volver la vista" ist "der umgekehrte Blick" Methode.

Angeregt von einer Ausstellung über österreichische Assoziationen zu Mexiko, die Schönwiese im Rahmen eines artist in residence-Aufenthalts im Jahr 2000 in Mexiko zeigte, lässt er Österreicher, die in Mexiko leben, und Mexikaner, die es nach Österreich verschlagen hat, in ihrer neuen Sprache von ihrer alten Heimat, ihrer Herkunft und Identität erzählen. Auch die visuelle Ebene folgt dem Gesetz des umgekehrten Blicks: Die Kameramänner Rafael Ortega und Johannes Hammel haben sich auf Entdeckungsreise in das ihnen jeweils fremde Land begeben.

Die interviewten Männer und Frauen werden in inszenierten statischen Porträts aufgenommen, während ihre Erzählungen im Off in einen Dialog mit einer stark assoziativen, poetischen Bildebene treten. Mit zusätzlichem Found Footage- und Archivmaterial - Wochenschaufolgen, Fotos, Spiel- und Amateurfilmen - entsteht ein dichtes, vielschichtiges Reflexions-Panoptikum, das Überraschendes, Skurriles und Berührendes in immer wieder originellen Bildlösungen zum Vorschein bringt.

Mexiko als Hort von Sombreros, Tequila und Pistolen und Österreich als Land von Walzertänzern und von Schifahrern, "die durch Sport die Kälte zu überwinden suchen", wie es in einem mexikanischen Fernsehbeitrag der 50er oder 60er Jahre heißt: "Volver la vista" spürt Typischem und Stereotypen nach und lässt sie mitunter komische Konstellationen eingehen, so etwa auf einer surreal wirkenden Nacht-Schipiste mit Hüttenzauber à la "Fiesta mexicana".

Dem gegenüber steht der sehr persönliche Umgang der Protagonisten mit Heimweh, Geschichte und der Erinnerung, in der das Ursprungsland sich in einen mythischen, mystischen Ort verwandeln kann. Immer wieder wird dabei das Sehen und das Bild an sich thematisiert. Wie in der Person des mexikanischen Malers, der die Farbe seiner Heimat in Kärntner Landschaften importieren will, die von der Kamera verzerrt in rot-weiß-rot gerahmten Straßenspiegeln festgehalten werden, oder der aus Österreich stammenden Fotografin, die ihre Identität in den von der Großmutter aufgenommenen Kindheitsfotos wiederfinden will.

Der "umgekehrte Blick" entdeckt etwa in barocken Schädelhallen eine alpenländische Entsprechung des mexikanischen Totenkopfkults und stößt in einem Fruchtbarkeitsritus aus Veracruz auf hiesiges Maibaumkraxeln. Erstaunlich, dass Schuhplatteln perfekt mit mexikanischen Rhythmen harmoniert und Sambaschritte mit österreichischer Volksmusik. Für das Aufeinandertreffen der zwei Kulturen haben Michael Palm und Antonio Fernandez Ros auch musikalisch eine schöne Form gefunden: motivische Jodelklänge, die verfremdet wie Echohall klingen.

Im Rahmen der Wienpremiere werden Hammel und Ortega mit dem AAC-Award 2005 der Österreichischen Kameraleute ausgezeichnet.

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