Vertraute Fremde

Drama/Komödie, D/F/B/L 2010
Auf der Suche nach der Wahrheit

Auf der Suche nach der Wahrheit

Thomas war 14, als sein Vater ohne ein Wort der Erklärung plötzlich für immer verschwand. Heute ist er selbst Vater, weiß aber genauso wenig, was wirklich geschah. In dem Film "Vertraute Fremde" nach dem gleichnamigen japanischen Comic von Jiro Taniguchi schickt der belgische Regisseur Sam Garbarski ("Irina Palm") den Protagonisten auf eine poetisch-surreale Zeitreise in die Vergangenheit.

Thomas (Pascal Greggory) ist um die 50, Comic-Zeichner, lebt in Paris, verheiratet, zwei Töchter. Die Midlife Crisis macht sich bemerkbar, es fehlt ihm schon seit zwei Jahren an Ideen für sein nächstes Buch. Auf der Rückfahrt von einer Geschäftsreise steigt er in einen falschen Zug und landet in seinem Heimatort, den er seit der Beerdigung der Mutter vor zwanzig Jahren gemieden hat. Und hier, auf dem malerisch gelegenen Friedhof inmitten der Berge, beginnt seine Reise in die Vergangenheit: Thomas ist wieder 14, seine Mutter steht in der Küche, der Vater arbeitet in der Schneiderwerkstatt, die kleine Schwester bettelt um eine Gutenachtgeschichte.

Äußerlich ist Thomas (Léo Legrand) ein ganz normaler Teenager, aber er sieht die Welt mit den Augen und dem Verstand des erwachsenen Thomas. Es kostet ihn einige Mühe, sich nicht zu verplappern und trotzdem fällt einigen auf, dass er ein anderer geworden ist: Er scheint nicht mehr so schüchtern, er weiß sich zu verteidigen und gegenüber der Mutter wird er zum liebevollen Beschützer. Den ersten Tag hofft er noch sehnlich, sobald wie möglich in sein altes Leben zurückkehren zu können, doch nach anfänglichem Zaudern genießt er die unerwartete zweite Jugend und verliebt sich. Vor allem will Thomas den Vater davon abbringen, die Familie zu verlassen, wie der Mann es in der Vergangenheit tatsächlich getan hat.

Sam Garbarski zeichnet einfühlsam in leicht unwirklichen Bildern das Leben des idyllischen Provinzstädtchens als Mikrokosmos der Welt von gestern, einer Welt geprägt weniger von Konsum und Wettbewerb als von Pflichtbewusstsein und Selbstaufopferung. Die Folgen des Krieges sind hier noch deutlich zu spüren.

Der Film kommt ohne Melodram aus, schildert zurückhaltend fast nüchtern, oft nur in Andeutungen, wie die verschiedenen Beziehungen ineinandergreifen. Thomas verzaubert mit seinem Talent und seinen Zeichnungen nicht nur die von allen umschwärmte Mitschülerin, die Zeitreise wird auch das Thema seines neuen Buches. Sie hätte auch nur ein Traum sein können oder reine Phantasie. Begriffen hat Thomas am Ende des Films, sowohl in der Rolle als Sohn wie als Vater: Das Schicksal muss angenommen werden, es lässt sich nicht verändern.

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