Toni Erdmann

Komödie/Drama, D/A 2016

Winfried nervt als Kunstfigur Toni Erdmann seine Tochter gewaltig

So euphorisch die Publikumsreaktionen und so hymnisch die internationalen Kritiken waren, so groß schien der Schock, als "Toni Erdmann" bei den diesjährigen Filmfestspiele Cannes leer ausging. Die fast dreistündige, österreichisch koproduzierte Tragikomödie der deutschen Regisseurin Maren Ade bleibt aber als "Siegerin der Herzen" in Erinnerung.

Mit Burgschauspieler Peter Simonischek hat eine österreichische Schauspielgröße die Titelrolle übernommen. Der 69-Jährige spielt Winfried Conradi, einen geschiedenen Musiklehrer mit einer Leidenschaft für Scherze. Trocken liefert er seine Gags ab, greift dafür auf halblustige Utensilien wie Katzenbrille, Handschellen und falsches Gebiss zurück und stößt Freunde sowie Familienmitglieder damit vor den Kopf.

Seine Tochter Ines (Sandra Hüller, "Requiem") fand das als Kind vielleicht mal lustig, kann als nunmehr erfolgreiche Unternehmensberaterin aber nichts mehr damit anfangen. In Rumänien stellt sie gerade die Weichen für einen wichtigen Karrieresprung, berät eine Ölfirma bei einem Outsourcing-Projekt, das Hunderte Arbeitsplätze kosten wird. Als Winfried der letzte verbliebene Klavierschüler abspringt und der geliebte Hund Willi wegstirbt, sucht er die Nähe seiner Tochter in Bukarest.

So halbherzig Ines versucht, ihren Ärger über den Spontanbesuch und die oft unangebrachten Witze ihres Vater zu verbergen, so hält auch Winfried mit seiner Kritik am Lebensstil seiner Tochter nicht hinterm Berg. "Bist du eigentlich ein Mensch?", platzt es einmal aus ihm heraus, und es kommt nach nicht mal zwei Tagen zum Eklat zwischen dem idealistischen Alt-68er und der rationalen Karrierefrau, der - so glaubt Winfried - in der profitorientierten Geschäftswelt Humor und Menschlichkeit abhandengekommen sind. Nach der Eskalation gibt Winfried vor, abzureisen - nur um dann mit schiefen Zähnen, Perücke und Käsereibe im Sakko als Toni Erdmann, vermeintlicher Lebensberater von Ines' Chef, wieder aufzutauchen und sich in Ines' Geschäftsumfeld zu mischen. Überrumpelt steigt Ines wohl oder übel auf das Spiel ihres Vaters ein.

Was folgt, ist eine Reihe an aberwitzigen, oft schmerzhaft peinlichen Situationen, die bei den ersten Vorführungen in Cannes herzliche Lacher, Jubel und gar Szenenapplaus hervorgerufen haben. Das oft zu weit gehende Verhalten von Winfrieds überdrehter Kunstfigur und der neutrale rumänische Boden bieten die Möglichkeit für das entfremdete Vater-Tochter-Duo, neu anzufangen und sich ohne Ressentiments zu nähern. Ines überwindet zwar nie so ganz ihre peinliche Berührung, lässt sich aber zunehmend auf die Farce ein, bis ihr schließlich klar zu werden scheint, was sie sich in ihrem männerdominierten Umfeld alles anhören muss und in ihrem kontrollierten Leben entgehen lässt. Die Art und Weise, wie sie sich in Form einer kultverdächtigen "Nacktparty" buchstäblich jeglicher Verhaltensmuster entledigt, ist radikal und erlaubt kein Zurück.

Stolze 162 Minuten dauert diese präzise und wahrhaftige Beobachtung dieser schwierigen Beziehung. Regisseurin Maren Ade ("Alle Anderen") gibt ihrer episodenhaften Erzählung die Zeit, die sie braucht, und Kameramann Patrick Orth den herausragenden Darstellern den Raum, sich anzunähern. Der Film findet bei allen Pointen immer wieder zur individuellen Einsamkeit der Charaktere zurück, die sich bei Ines in Abschottung und bei Winfried in einer Stalker-Züge annehmenden Scherzoffensive äußert.

Die beiden vom Theater kommenden Hauptdarsteller brillieren für sich ebenso wie gemeinsam: Simonischek verleiht Winfried eine tiefsitzende Melancholie und Toni eine ansteckende Spiellust; Hüller stattet Ines mit einer bröckelnden Mauer und unterdrückten Seite aus, die in Scheiß-drauf-Manier bei einer furiosen Karaoke-Einlage von Whitney Houstons "The Greatest Love Of All" hervorblitzt. So befreiend diese Szenen auch für den Zuschauer sind, so nah gehen Momente, in denen Vater und Tochter nebeneinandersitzen und sich nichts zu sagen haben, oder kurze Blicke austauschen, die auf eine Wärme schließen lassen, die einmal zwischen ihnen war. Das gipfelt in einem emotionalen Höhepunkt, in dem Simonischek in Gestalt eines haarigen Kukeri (einem traditionellen, bulgarischen Tiergestalten-Kostüm) nicht mehr zu erkennen ist.

"In der Umsetzung muss man so genau an den Figuren dranbleiben, dass es so ernst und glaubwürdig wie möglich ist", erzählte Ade im APA-Interview. "Die Verzweiflung sollte so echt und existenziell wie möglich sein und daraus kommt dann auch eine Komik." Das Kunststück ist ihr jedenfalls meisterhaft gelungen: "Toni Erdmann" ist so lustig wie berührend, so menschlich wie schräg, so klug wie sensibel; ein Geschenk von einem Film, und keine Minute zu lang.

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