Tiere und andere Menschen

Dokumentation, A 2017

Intime Einblicke in das Verhältnis Mensch und Tier

Ausgesetzte Hunde, verletzte Biber, kranke Schimpansen: In seinem ersten Langfilm "Tiere und andere Menschen" dokumentiert Flavio Marchetti den Alltag von Pflegern und ihren Schutzbefohlenen im Wiener Tierschutzhaus.

Über 1.000 Schützlinge beherbergt das Tierheim in Vösendorf - von nicht mehr geliebten Mitbewohnern über konfiszierte Exoten bis hin zu versehrten Wildtieren. Sie werden eingesammelt, ärztlich behandelt, aufgepäppelt und nach Möglichkeit bald an einen neuen Besitzer vermittelt oder zurück in die freie Natur ausgewildert. Mit der Kamera schaut Marchetti, der den Film schon bei der Diagonale im Frühjahr vorgestellt hat, den Ärzten und Mitarbeitern bei diesen Tätigkeiten über die Schulter.

Im Mittelpunkt stehen Pflege und Fütterung. Und die dazugehörigen Bilder bemühen sich um Herzigkeit - immerhin verspricht der Film einen "zärtlichen Blick auf die Beziehung zwischen Mensch und Tier": Ein Hase nuckelt aus einer Milchflasche, eine Katze schnurrt so laut, dass sie nicht abgehört werden kann, einem Kakadu wird aus einem Kinderbuch vorgelesen. Andere Routineabläufe dürften Tierfreunden eher zusetzen. Für einen verletzten Biber kommt jede Hilfe zu spät, ein auf der Triester Straße aufgelesener, an Epilepsie leidender Schwan muss ebenfalls eingeschläfert werden.

Immer wieder mahnt die Doku die Bringschuld der Haustierhalter ein. "Alle Tiere, die ihr hier seht, haben verantwortungslose Besitzer gehabt", wird einer Schulklasse bei einer Führung vorbei am Hunde- und Katzenbereich erklärt. "Irgendwas machen Sie falsch, sonst würde der Hund nicht so reagieren", sagt eine Mitarbeiterin streng ins Telefon. Kurze Einblicke erhält der Zuschauer auch in die Konzipierung der Vereinszeitung. Da will gut überlegt sein, wo die Geschichte über das "Mini-Schwein Ferdinand" und der Artikel "Behinderter Hund - na und?" platziert werden.

Auf Off-Kommentare, Interviews oder Musik verzichtet Marchetti vollständig. Die Sequenzen müssen also für sich sprechen. Und das ist ein wenig das Problem. Denn die distanziert beobachtende Kamera transportiert nur spärlich Information - was u.a. jenen banalen Grund hat, dass man den Unterhaltungen und Beratungen des Personals akustisch teils nur schwer folgen kann. Darüber hinaus schafft es der Film kaum, narrative Bögen zu entwickeln, weshalb einen die Aneinanderreihung an Schlaglichtern auf einer Länge von knapp 90 Minuten doch zunehmend ermüden lässt.

Am Besten gelingt das Storytelling im Fall des Schicksals der Affendame Rosi. Die Schimpansin verhält sich auffällig. Ärztliche Hilfe muss geholt werden, das Tier schließlich für eine Herzuntersuchung sediert werden. Wenn Rosi ihre Finger durch das Gitter steckt und sich ein Keks nach dem anderen schnappt, die zwischendurch angebotene Karotte aber verschmäht, zeigt sich in einem der witzigsten und subtilsten Momente des Films, dass Mensch und Tier tatsächlich nicht allzu unterschiedlich ticken. Insofern nur nachvollziehbar, dass man dem Affen die Medikamente mit Schwedenbomben schmackhaft macht.

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