The Visit

Dokumentation, FIN/DK 2015

Gelungenes Gedankenexperiment von Michael Madsen

Science-Fiction und Doku, ein Widerspruch in sich? Nicht im Fall von "The Visit": Im größtenteils in Wien gedrehten Film lässt der dänische Regisseur Michael Madsen einen Außerirdischen auf der Erde landen und reale Experten darauf reagieren. Nun kommt das gelungene Gedankenexperiment in die heimischen Kinos - und ist nicht mit M. Night Shyamalans Gruselfilm gleichen Namens zu verwechseln.

Mit einem Willkommensgruß beginnt die durchaus aufschlussreiche, oft witzige und mitunter philosophische Reise: Ein Alien ist auf der Erde gelandet. Und wirft etliche Fragen auf. Wer soll stellvertretend für die Menschheit in Kommunikation mit dem Fremden aufnehmen? Wie vermeidet man intergalaktische Missverständnisse, Panik in der Bevölkerung und militärische Überreaktionen? Und, in letzter Konsequenz: Wie regelt man die Koexistenz zwischen der Menschheit und der jegliche Vorstellungskraft sprengenden Spezies?

Vom in Wien ansässigen Büro der Vereinten Nationen für Weltraumfragen (UNOOSA) über das britische Verteidigungsministerium und das Österreichische Bundesheer bis hin zur Wissenschaft sorgt der Neuankömmling für Neugier, Diskussionen und Sorge. Die aufgeworfenen Fragen werden konsequent weitergesponnen, steigern sich zunehmend zur Reflexion über das Mensch-sein an sich: Unterliegen nur wir dem Phänomen Leben und Sterben, oder trifft es auch auf das intelligente Leben aus dem All zu? Was geben wir preis - sparen wir Kriege und Zerstörung in der Geschichte unserer Zivilisation aus, und: Was, wenn dieser schweigende Fremde gekommen ist, um uns das anzutun, was wir bereits einander angetan haben? Ist er, wenn schon technologisch, dann auch moralisch weiter als wir?

Die Angst vor dem Unbekannten, das nötige Neudenken unserer Werte und Gesellschaftsstrukturen stehen am Ende dieses von hochkarätigen Protagonisten durchgespielten Szenarios. Die Kamera nimmt bei "The Visit" die Position des Außerirdischen ein, an den u.a. der ehemalige britische Generalstabschef, ein Experte für Weltraumrecht, ein Astrobiologe und die UNOOSA-Direktorin Mazlan Othman ihre Fragen richten. Und fängt dazwischen in hochauflösenden Zeitlupensequenzen auf Wiens Straßen im Vorbeifahren all die Menschen ein, die plötzlich nicht mehr unter sich sind.

Auf obligatorische, aus Alien-Dokus und Science-Fiction-Streifen bekannte Elemente verzichtet Madsen vollkommen, verbildlicht weder das Alien noch sein Raumschiff, arbeitet stattdessen stark auf der Soundebene, lässt Bilder im Kopf des Betrachters entstehen. Und schafft mit der Inspektion des nicht sichtbaren Raumschiffs durch Weltraum-Ingenieur Chris Welch im knallorangenen Raumanzug unwirkliche, fast epische Bilder, bewegt sich der doch plötzlich durch das Kunsthistorische Museum, die Schönbrunn-Gärten oder Bibliotheken. "Die Wirklichkeit erweitert sich in dem Moment, in dem wir es für möglich halten", heißt es am Schluss. Wenn tatsächlich all das möglich ist, sind wir wirklich darauf vorbereitet?

Der in Koproduktion mit der in Wien ansässigen Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion entstandene Film lief heuer bereits beim Sundance Filmfestival und als Eröffnungsfilm des Crossing Europe in Linz und ist der zweite Teil einer geplanten Trilogie, deren Auftakt "Into Eternity" sich mit dem finnischen Atommüll-Endlager Onkalo befasste. Am 6. Oktober feiert der Streifen seine Wien-Premiere im Gartenbaukino.

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