The Tree

Drama, F/AUS/D 2010
Charlotte Gainsbourg als labile Dawn

Charlotte Gainsbourg als labile Dawn

Dawn führt ein glückliches Familienleben, bis zu jenem Tag, an dem Simon, ihr Mann und Vater ihrer vier Kinder, abrupt aus dem Leben gerissen wird. Julie Bertuccelli greift hier auf das Kinderbuch von Judy Pascoe "Die Geschichte vom großen Baum" zurück.

Der Ansatz der in "The Tree" zugrunde liegt ist interessant: Bertuccelli stellt den Umgang mit dem plötzlichen Tod in den Mittelpunkts ihres Films: Dawn (Charlotte Gainsbourg) bricht völlig zusammen und bekommt ihre Trauer nicht in den Griff. Die achtjährige Simone glaubt dagegen, dass ihr Vater in dem großen imposanten Feigenbaum weiterlebt, der mitten in ihrem Garten steht, und mit ihr durch die raschelnden Blätter spricht. Die anderen Kinder Tim, Lou und Charlie tauchen kurz und sporadisch auf, um ebenso schnell wieder zu verschwinden.

Der Baum nimmt eine geheimnisvolle Stellung ein, vor allem wenn er sich mit Simone gegen den neuen Mann von Dawn zu solidarisieren scheint und ein gewisses Eigenleben entwickelt: Als Dawn nach mehrmonatiger Trauerzeit eines Nachts nicht nach Hause kommt, krachen Äste durch das Schlafzimmerfenster und machen sich im Ehebett breit.

Der knorrige Feigenbaum entpuppt sich nicht zuletzt als eine Art Poltergeist: Seine Wurzeln wuchern, wachsen in die Rohre des Hauses hinein und bedrohen das Heim der Familie. Auf beeindruckende Weise stellt die Regisseurin die ebenso magische, urwüchsige wie zerstörerische Kraft des Titanen dar, ohne ihn zu überhöhen.

Bei den Charakteren hingegen zeigt der Film Schwäche: Sie bleiben nur allzu schemenhaft, vor allem die Kinder Tim, Lou und Charlie. Auch bei Dawn - trotz der schauspielerischen Leistung von Charlotte Gainsbourg - geht die Regisseurin nicht ausreichend in die Tiefe und begnügt sich mit den üblichen und abgenutzten Schema-F-Reaktionen: Weinen beim Sex mit dem neuen Mann, völlige Lethargie und Abtauchen im dunklen Schlafzimmer. Einzig die kleine Simone lässt den Zuschauer tief in ihre Seele blicken, die hervorragend von Morgana Davies gespielt wird.

Der Film bleibt dennoch sehenswert, denn Verlust und Trauer werden auf sensible und magische Weise inszeniert. Und mit Australien hat sich die Regisseurin - sie hat sich mit ihrem Debütfilm "Seit Otar fort ist" einen Namen gemacht - eine herrliche Kulisse für einige wunderschöne Wildlife-Szenen ausgesucht.

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