The Look Of Silence

Dokumentation, DK/RI/FIN/N/GB/IL/F/USA/D/NL 2014

Adi Rukun will die Mauer des Schweigens durchbrechen

"The Act of Killing" zählt zweifellos zu den bedeutendsten Dokumentarfilmen der jüngsten Jahre. Eindringlich erzählt Joshua Oppenheimer darin vom weder geahndeten noch aufgearbeiteten Massaker an Hunderttausenden Regimegegnern in Indonesien 1965/66. Eine wertvolle Ergänzung findet das auf Täter fokussierte Werk mit "The Look of Silence" über die traumatisierten Überlebenden.

Die Bilder aus seiner 2013 bei der Viennale vorgestellten und für einen Oscar nominierten Doku "The Act of Killing" wirken bei jenen, die sie gesehen haben, noch immer nach. Schockierend war die Detailtreue, mit denen jene Paramilitärs, die 1965 den Staatsstreich von General Suharto unterstützt hatten, die Folter und Ermordung von angeblichen Kommunisten als Pseudo-Hollywood-"Gangster" vor der Kamera nachstellten. Unfassbar die Art und Weise, wie sie mit ihren "Heldengeschichten" prahlten.

Auch der Optiker Adi Rukun sah damals die Bilder und hörte die Geschichten von Männern, die wie sein großer Bruder qualvoll gefoltert, getötet und in den Fluss geworfen worden waren. In "The Look of Silence" wird er zum Hauptprotagonisten, der - den Reaktionen nach zu urteilen - etwas zuvor noch nie da gewesenes tut: Er durchbricht das 50 Jahre währende Schweigen und sucht Antworten und Verantwortungsbewusstsein bei den Mördern, die Tür an Tür mit Überlebenden und Angehörigen leben. Er bringt sich damit augenscheinlich selbst in Gefahr, wird attackiert und von einem hochrangigen Politiker gar mit der "Wiederholung der Geschichte" bedroht, sollte er weiterbohren.

Im Laufe der rund 100 Minuten wird man gerade deshalb nie das ungute Gefühl los, dass hier etwas unter der Oberfläche schwelt, das jederzeit wieder ausbrechen könnte. Die Täter von einst sind noch an der Macht, ihre Propaganda ist noch tief verankert, traumatisiert auch die Nachkommen und wird sogar an Schulen gelehrt. "Gemeindevorsteher, Lehrer, sie alle waren Mörder", sagt Adis Mutter, bei der das Geschehene sichtlich seelische Narben hinterlassen hat. Rührend kümmert sie sich um ihren dementen, verkrüppelten Mann, dem nach dem Tod seines Sohnes einst alle Zähne ausfielen. Nie konnten sie jenen Tag vergessen, an dem ihr Sohn flüchten konnte, blutend vor ihrer Tür lag - und vom Nachbarn nicht, wie behauptet, ins Krankenhaus gebracht, sondern zu seinen Mördern geschleift wurde.

Wie Adis Bruder starb, das stellen die zwei verantwortlichen Männer für Oppenheimer nach: Es sind Szenen, nicht minder grotesk und schockierend wie jene aus "The Act of Killing", in denen keinerlei Reue sichtbar ist. In "The Look of Silence" wirken sie noch entsetzlicher, weil wir sie diesmal aus Adis Augen sehen, der vor dem Fernsehbildschirm sitzt. Nie verliert der Mittvierziger in diesen Momenten oder auch in Konfrontation mit uneinsichtigen Tätern die Fassung oder gerät in Rage, verbleibt stattdessen in einer Ruhe, die ihresgleichen sucht.

Gemeinsam haben Adi Rukun und Joshua Oppenheimer einen außergewöhnlichen, aufwühlenden Dokumentarfilm geschaffen, der hochaktuell vor Augen führt, wie Gräueltaten auch Jahrzehnte später noch nachwirken - gerade dann, wenn die Gerechtigkeit ausbleibt. "Der Film soll dem Zuschauer wie ein Gedicht erscheinen, das vom Schweigen getragen wird", sagt Oppenheimer, der dafür in Venedig mit dem Großen Preis der Jury geehrt wurde. "Ein Gedicht über die Notwendigkeit, das Schweigen zu durchbrechen, aber auch über das Trauma, das Menschen dabei erleiden können."

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