Seefeuer

Dokumentation, I/F 2016

Das Leben auf Lampedusa ist rau - auch ohne Flüchtlinge

Auf Lampedusa stranden keine Flüchtlinge mehr. Ihre Rettung hat sich aufs Meer verlagert. Die Tragödien auf hoher See und der davon fast unberührte Alltag auf der Mittelmeerinsel sind die zwei voneinander abgeschnittenen Welten, die der italienische Regisseur Gianfranco Rosi in seinem mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Dokumentarfilm "Seefeuer" zeigt.

Das Meer ist seit jeher Teil des Lebens der Einwohner von Lampedusa. Es bringt Fische und damit auch Lebensunterhalt. Es war Kriegsschauplatz, als Militärschiffe feindliche Raketen abschossen und das Meer, so erinnert sich eine Einheimische, "rot färbte": Wie "Seefeuer" sah das aus. Und in den vergangenen, mehr als 20 Jahren brachte es Hunderttausende Flüchtlinge, die sich in völlig überfüllten Booten von Schleppern von der nur 70 Kilometer entfernten nordafrikanischen Küste auf den lebensgefährlichen Weg nach Europa machen.

Ein Jahr lang hat Rosi, selbst in Eritrea geboren, auf Lampedusa gelebt, ein Monat auf dem italienischen Marineschiff Cigala Fulgosi verbracht. Die schonungslosen Bilder scheinbar routinierter, aber nichtsdestotrotz dramatischer Rettungen sinkender Boote setzt er in starken Kontrast mit dem ruhigen, fast idyllischen Leben auf der Insel. Er tut das wie gewohnt ohne Kommentar, Musik oder Interviews und in statischen, oft poetischen Einstellungen. Dazwischen setzt er Einblicke in die Aufnahmestation, zeigt die Abläufe bei der Durchsuchung und kurzfristigen Unterbringung der Flüchtlinge, und kommt den Menschen dabei sehr nahe: In einer einnehmenden Szene erzählt ein junger Nigerianer, umringt von Mit-Überlebenden in einem beengten Schlafsaal, in einem Klagelied seine Odyssee. "Das Meer überquert man nicht einfach so", mahnt er da, aber: "Heute sind wir hier."

Rosis Hauptprotagonist auf der Insel aber ist der zwölfjährige Samuele, der dem Film kurze Momente der Leichtigkeit beschert. Samuele will wie sein Vater Fischer werden, muss dafür aber noch seinen sich bei Wellengang entleerenden Magen abhärten. Der Bub ist gewieft, macht aus dem Basteln von Steinschleudern eine eigene Wissenschaft, und beim Besuch beim Arzt Pietro Bartolo formuliert er eloquent seine Vermutung, dass hinter seinem regelmäßigen Luft-Wegbleiben eine gewisse Angst steckt. Es würde verwundern, wären die Einheimischen von den Dramen direkt vor ihrer Küste gänzlich unbeeindruckt. Worte des Hasses, der Angst oder Abwehr aber hört man von ihnen nie.

Bartolo ist dann auch Bindeglied zwischen beiden Welten, und war Rosis Anstoß für "Seefeuer" (Original: "Fuocoammare"). Als einziger Mediziner auf der Insel behandelt er neben den Einheimischen auch angeschlagene, kranke und schwangere Ankommende, untersucht und identifiziert Tote, und ist davon auch nach 20 Jahren sichtlich mitgenommen. "Jeder, der sich als Mensch definiert, hat die Pflicht, diesen Leuten zu helfen", sagt er einmal, und liefert damit den dringlichsten Appell des Films.

Den Schlag in die Magengrube aber hebt sich Rosi für den Schluss auf. Was zu Beginn der Doku über einen Notruf per Satellitentelefon bei der italienischen Küstenwache noch weit entfernt scheint, ist am Ende fast unerträglich nah. Gemeinsam mit Rosi, der den Film nicht nur als Regisseur und Autor, sondern auch als Kamera- und Tonmann verantwortet, sitzen wir mit im Schlauchboot der Marine, als Retter die regungslosen Körper dehydrierter junger Männer aus dem überfüllten Schlepperboot zerren. Die Kamera zeigt nicht nur das Sterben, sondern konsequenterweise auch den Tod: Kaum auszuhalten sind die Bilder, die Rosi im überhitzten Laderaum des Boots dreht, wo sich Leichen neben Müll stapeln. Dutzende Menschen sind hier kollabiert und erstickt.

"Ich musste entscheiden, ob ich den Tod zeige. Der Tod kam ja zu mir", sagte Rosi bei der Berlinale. Dass er über einen langen Zeitraum hautnah dabei war, lässt einen - anders als die Medienberichte, die erst nach den Katastrophen einsetzen - das Ausmaß und die schockierende Regelmäßigkeit des Sterbens im Mittelmeer so richtig bewusst werden. Er wolle seinen Film nicht als Anklage verstanden wissen, sagt Rosi. Stattdessen rüttelt "Seefeuer" auf - und nimmt uns alle in die Pflicht.

Verdient erhielt der Filmemacher dafür bei der diesjährigen Berlinale den Hauptpreis - nur drei Jahre nach dem Goldenen Löwen in Venedig für sein Autobahn-Essay "Das andere Rom - Sacro GRA".

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