Safari

Dokumentation, A 2016

Ulrich Seidls neuester Streich

Im Kern ist Ulrich Seidls "Safari" ein Familienporträt über das Töten. Der Filmemacher nähert sich in seinem neuesten Dokumentarfilm der Grundfrage, weshalb heute noch Menschen auf Jagd gehen. Der 63-Jährige begleitet dazu im wesentlichen eine zentrale Familie bei ihrem Jagdurlaub in Namibia. Nach der Weltpremiere bei den Festspielen von Venedig kommt "Safari" nun in die Kinos.

Seidl geht es dabei nicht um den Tod, sondern um den Akt des Tötens. Die Tiere selbst sind meist erst dann zu sehen, wenn die reichen Jäger aus dem Norden sie bereits niedergestreckt haben. Die Kamera bleibt auf den Jägern, nicht auf dem Wild. Ulrich Seidls langer Film über das Töten.

Das ursprünglich als TV-Produktion gedachte Werk weist dabei die Seidl-typischen Charakteristika auf, wechseln sich doch Interviewpassagen in symmetrischer Zentralperspektive als Strukturelement ab mit langen Sequenzen der Aktion. So ist auch in diesem Fall der zentrale Unterschied zu einer avancierteren TV-Doku, dass sich Seidl Zeit für lange Einstellungen nimmt. Die Handkamera begleitet die Familie Hofmann/Eichinger auf ihrer Pirsch in der Steppe und spürt dabei dem beinahe orgiastischen Gefühl der Anspannung respektive der Lösung nach dem Schuss nach.

Außergewöhnlichen Reiz entfaltet der Umstand, dass die Familie nicht nur aus zwei Generationen, sondern auch aus beiden Geschlechtern besteht und damit nicht das Klischeebild des alten, männlichen Jägers bestätigt. Genderunabhängig sticht dabei die euphemistische Sprache der Jäger ins Ohr, die von Stück anstatt Tier, von Schweiß anstatt Blut und von Erlegen statt Töten sprechen. Die Distanz zum Geschehen scheint auch in diesen Kreisen für die Handelnden notwendig.

Zugleich wäre "Safari" kein Seidl-Film, wenn darin nicht auch der Humor seinen Platz hätte. Für diesen sorgen die beiden Deix-Figuren Manfred und Inge Ellinger, bekannt aus dem Vorgängerfilm "Im Keller". Sie liest die Preislisten für Abschüsse vor, er schläft im Unterstand ein und kommt ohne Leiter schon nicht mehr aus dem Jeep. Hier erscheint Seidl streckenweise ein wenig wie Elizabeth T. Spira fürs Kino.

Während diese kurzen Zwischenschnitte den Hauptstrang humoristisch umspielen, eröffnet Seidl mit einem kommentarfreien Blick auf die postkolonialen Verhältnisse der Jagdfarmen einen weiteren Aspekt. Die schwarzen Arbeiter sind im Geschehen zwar präsent, bleiben aber sprachlos im eigentlichen Sinne. Lediglich im Schlachthaus, in dem sie in aller Ausführlichkeit ein Zebra respektive eine Giraffe zerlegen, haben sie die führende Rolle.

Am Ende bleibt "Safari" ein überraschend unaufgeregter, unskandalöser Film, schildert die Beweggründe seiner Protagonisten beinahe nüchtern. Das Potenzial zum großen Aufreger abseits der Tierschutzszene hat das Werk wohl nicht. Es eröffnet aber die Möglichkeit zum genauen Blick und zum Nachvollziehen einer Lebenswelt, die einer Mehrheit der Zuschauer wohl doch fremd bleiben wird.

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