Remember

Drama/Thriller, CDN/D 2015
Der Holocaust-Überlebende Zev führt einen privaten Rachefeldzug

Der Holocaust-Überlebende Zev führt einen privaten Rachefeldzug

Die Erinnerung ist eine trügerische Begleiterin. Sie schönt, idealisiert, selektiert. Und so manches Mal hat das Erinnerte nur noch wenig mit dem tatsächlich Geschehenen zu tun. Die einen wollen vergessen, die anderen können nicht vergessen. Die Erinnerung beherrscht einen. "Remember" heißt Atom Egoyans Drama über das Erinnern, Vergessen und Verdrängen.

Der an den Rollstuhl gefesselte Max (Martin Landau) schickt seinen alten Freund und Altersheimmitbewohner Zev (Christopher Plummer) auf eine Reise durch die USA, um den Auschwitz-Aufseher zu suchen, der einst für den Tod der Familien beider Männer verantwortlich war. Er soll die Identität eines Juden angenommen haben. Gerade erst ist Zevs Frau Ruth gestorben, und er beginnt zunehmend zu vergessen. Doch Max hat alles bis ins kleinste Detail vorbereitet - die Route ausgearbeitet, Adressen recherchiert, Geld deponiert.

So macht sich der schon arg greisenhafte Zev auf eine Reise quer durch die USA und trifft tatsächlich auf eine ganze Reihe von ehemaligen Nazis und bekennenden Antisemiten, die alle Rudy Kurlander heißen. Da scheint er immer wieder so nah am Ziel, doch schon beim ersten Rudy (Bruno Ganz) stellt sich schnell heraus, dass dieser zwar für die Nazis im Einsatz war, das jedoch unter Rommel in Nordafrika. Ein anderer, im Krankenbett liegender Greis zeigt Max seine Auschwitz-Nummer und beide liegen sich weinend in den Armen.

Regisseur Egoyan setzt auf starke Bilder, die nur eine Assoziation zulassen. Schon bei der Trauerfeier für Zevs Frau lässt er die Kamera lange auf dem Judenstern um dessen Hals verweilen. Zuvor ist Zev aus seinem heimeligen, mit schweren Möbeln und Strukturtapete ausgestatteten Zimmer auf den sterilen, nüchtern weißen Flur des Altenheims getreten. Später wird der Blick auf den Duschkopf gerichtet - die Assoziation mit den Gaskammern mag da schon etwas sehr plump sein.

Am größten aber wird das Unbehagen, als Zev den dritten Rudy aufsucht. Der ist zwar gestorben, doch dessen Sohn, ein geschiedener, versoffener State-Trooper, setzt dessen Nazi-Verherrlichung und Judenhass fort. Ein ganzes Zimmer dient als Schauraum der entsprechenden Devotionalien - Hakenkreuz-Fahne, Erstausgabe von "Mein Kampf" und ein deutscher Schäferhund namens Eva inklusive.

Anfangs freundlich, doch plötzlich angeekelt von dem alten Juden hetzt er den Hund auf Zev, zitternd und völlig verstört macht dieser sich in die Hose und erschießt wenig später erst den Hund, dann den Mann, um dann seinen und Max' persönlichen Rachefeldzug zum vierten Rudy (Jürgen Prochnow) fortzusetzen. Der Brief mit den Anweisungen von Max leitet ihn, bei vielem anderen macht sein Gedächtnis oft nicht mehr mit.

Zum Schluss steuert alles auf ein drastisches Ende hin. Man mag zwiegespalten sein, ob die Taten im Dritten Reich als Projektionsfläche dienen dürfen - für den Umgang mit der eigenen Geschichte, der Erinnerung und der schwindenden Erinnerungen eines zunehmend dementen Mannes. Und doch ist Egoyan ein beklemmendes, thrillerähnliches Drama gelungen, das einen mit einem schweren Kloß im Magen zurücklässt - und zwar aus gleich mehreren Gründen.

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