Peter Handke - Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte

Dokumentation, D 2016

Peter Handke verschwand fluchtartig aus dem Rampenlicht

Die Doku von Corinna Belz (Deutscher Filmpreis für Gerhard Richter - Painting) ergründet lakonisch und unverkrampft Leben und Schaffen des eigenwilligen Schriftstellers, der 1942 in Kärnten geboren wurde und immer wieder für Kontroversen sorgt.

Dort lässt sich viel erfahren. Über das Leben, über das Schreiben. Über Scheusein und gerade deshalb Anecken. Über das elfte Gebot, das Handke immer noch zu formulieren sucht. "Du sollst Zeit haben" ist einer der Kandidaten. In dem Haus im Pariser Vorort Chaville, wo er seit den frühen 1990ern lebt, ist Zeit im Übermaß da. Der ausgetretene Pfad neben dem Haus, den er abschreitet, hin und her, immer wieder, zeugt davon. Die Notizbücher, vollgekritzelt mit Text und Zeichnungen. Die abgegriffenen Wörterbücher. Die sorgsam ausgeputzten Äpfel.

Auch das, was er sagt und wie, zeugt von Zeit, mehr als in einem Interview oder einer Lesung. Dass das Eindringen von Kamerateams in sein Gartentor ihm einiges an gutem Willen abverlangt, ist dennoch oft spürbar. "Fragen Sie sich, aber fragen Sie nicht mich", bricht mitunter die Ungeduld aus ihm heraus. Über drei Jahre kam Belz zu ihm, manchmal nur für einige Stunden, wie die Regisseurin bei der Viennale geschildert hatte, wo der Film bereits zu sehen war. "Man bräuchte ein Schloss", wenn man mit Peter dauerhaft zusammenleben wolle, sagt seine Frau Sophie Semin. "Jeder einen eigenen Flügel."

Auch Amina Handke, die Tochter aus erster Ehe, kommt zu Wort, wird von der Filmemacherin sogar ins Archiv begleitet, um die Polaroids anzuschauen, die Handke gerade in den Jahren in ihrer Kindheit eifrig geschossen hat. Er sei gar nicht so technikscheu, wie man immer meine, sagt Handke, nur habe ihn der Computer eben nie "zum Schreiben erotisiert" und selbst das "Erwartungsbrummen" der elektrischen Schreibmaschine habe ihn abgeschreckt. Das Schreiben - eine Tür, die sich öffnet, oder eben auch nicht. "Die Tür geht nicht mit Gewalt auf, nicht mit Schlauheit und vor allem nicht mit Technik."

Immer wieder blickt Belz zurück, wenn auch vorsichtig: Interviews aus den 1960er-Jahren, seine Provokationen des Literaturestablishments, später das Zerwürfnis mit der Öffentlichkeit über sein Stellung nehmen für Serbien. Aber wenn man ihn so sitzen sieht wie er, minutenlang, den Faden mit dem Nadelöhr zu versöhnen versucht und statt vom Entwerfen seiner eigenen Poetik vom richtigen Kniff des Schräg-Abschneidens beim Zwirn philosophiert, scheint das alles ganz weit weg. Er liest vor aus seinen Büchern, auch dies: langsam, behutsam, das Gewicht jeden Satzes nachwiegend wie das seiner aus dem Wald mitgebrachten Steinpilze. Für den Zuseher ist dieser Film vielleicht vor allem das - eine Lektion, wie Handke zu lesen ist. Mit Zeit.

Kinotipps
Le grand bal - Das Große Tanzfest

Le grand bal – Das Große Tanzfest

In einem französischen Dorf treffen sich jedes Jahr zweitausend Menschen, um gemeinsam sieben Tage und acht Nächte lang ...

Kinotipps
Alexander McQueen - Der Film

Alexander McQueen – Der Film

Ian Bonhôte und Peter Ettedgui schufen ein Biopic des außergewöhnlichen Modeschöpfers

Kinotipps
RBG - Ein Leben für die Gerechtigkeit

RBG – Ein Leben für die Gerechtigkeit

Die 85-jährige Richterin Ruth Bader Ginsburg bietet am Supreme Court der USA auch Donald Trump die Stirn – ein fesselndes Porträt

Kinotipps
Loro

Loro

Paolo Sorrentino drehte ein Biopic über Silvio Berlusconi, mit Toni Servillo in der Hauptrolle

Kinotipps
Glass

Glass

Regisseur M. Night Shyamalan lässt die Hauptfiguren seines Kultfilms Unzerbrechlich und das Biest aus Glass auf der Leinwand ...

Kinotipps
Manhattan Queen

Manhattan Queen

In der herzerwärmenden Komödie nach Cinderella-Prinzip flunkert sich Jennifer Lopez als strebsame Supermarkt-Angestellte aus ...