Tragikomisches von Jarmusch: ‚Paterson‘

Komödie/Drama, USA 2016

Busfahrer Paterson wurde von der Muse geküsst

In seiner neuen Tragikomödie erzählt der amerikanische Indie-Autorenfilmer Jim Jarmusch (‚Down by Law‘, ‚Broken Flowers‘) auf gewohnt ruhige und lakonische Art von einem stillen Kleinstadt-Busfahrer (Driver), der ein unaufgeregtes und monotones Leben führt und Gedichte schreibt.

Paterson, der auch noch in der Stadt Paterson im Bundesstaat New Jersey lebt, wird gespielt von Adam Driver, bekannt etwa aus Filmen wie "Star Wars: Das Erwachen der Macht" oder "Frances Ha". Seine Filmpartnerin ist die Iranerin Golshifteh Farahani ("Exodus: Götter und Könige"), die Patersons Frau Laura spielt. Seine Weltpremiere feierte Jarmuschs Film in diesem Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes.

Jarmusch erzählt uns in "Paterson" von einem seltsam aus der Zeit gefallenen Typen. Nicht nur, dass sein Paterson als Busfahrer arbeitet und Gedichte verfasst, der junge Mann mit den dunklen Haaren und der angenehm sonoren Stimme hat auch kein Handy. Paterson beschäftigt sich in seinen Versen mit Alltags-Dingen, der von ihm und Laura bevorzugten Streichholzmarke etwa.

Mit Laura bewohnt er ein schnuckeliges, wenn auch schlichtes Häuschen mit rosafarbener Haustür. Werktags steht Paterson stets kurz nach sechs auf, frühstückt ein wenig, geht zur Arbeit, lauscht den Klagen des immer gleichen Kollegen, arbeitet in Gedanken und seinen Pausen an Gedichten. Abwechslung sucht man zunächst vergebens in Patersons von Routinen bestimmten Alltag - und doch gibt es für den aufmerksamen Zuseher Manches zu entdecken, den so kurzen wie prägnanten Auftritt des Rappers Method Man etwa.

Jarmusch wäre nicht Jarmusch gäbe es nicht reichlich Verweise in die Musik- und Literaturhistorie. Eine große Rolle spielt hier der US-Lyriker William Carlos Williams, der einst einen Gedichtzyklus über die Stadt Paterson verfasste.

Adam Driver erweist sich mit seinem unveränderlichen Gesichtsausdruck als kongenialer Hauptdarsteller eines höchst unaufgeregten Films. Golshifteh Farahani ist wunderbar als Patersons leicht skurrile, von einer Karriere als Country-Lady träumende, sich indes vor allem auf Backwaren verstehende Ehefrau. "Paterson" hat auch einen dritten Hauptdarsteller: die mit ihrer trägen Art hervorragend zum Film passende Bulldogge Marvin.

Allabendlich geht Paterson mit Marvin um den Block, nicht ohne den Hund zwischendurch anzubinden vor einer Kneipe, in der sich Paterson ein Bier genehmigt. Marvin, der seine Zeit meist thronend auf einem Sessel verbringt, macht Paterson die Rolle des Herrn im Hause streitig. Die Szenen mit Marvin jedenfalls unterstreichen, über welch feines Gespür für Humor Regisseur Jarmusch verfügt.

In Cannes gab es für Nellie, so der wirkliche Name des Hundes, den seit 2001 vergebenen "Palm Dog Award". Nellie hat diesen nicht mehr entgegennehmen können, die Bulldogge starb wenige Monate nach den Dreharbeiten.

Jarmuschs Minimalismus, sein Blick für Details und Wiederholungen, sein Gespür für Rhythmen und Leitmotive (immer wieder etwa tauchen im Film Zwillinge auf) sind so faszinierend wie von Beginn des Films an gleichsam einlullend. "Paterson" kommt nicht nur wie ein Gedicht daher, der fast 120 Minuten währende Film fließt dahin wie ein Gewässer - bei aller Redundanz nie langweilig, bei aller Ereignislosigkeit nie banal.

Ohnehin spielt Wasser hier eine nicht unbedeutende Rolle, immer wieder sitzt Paterson in seinen Pausen an einem Wasserfall, die besonderen Eigenschaften des nassen Elements scheinen seinen Schreibfluss zu beflügeln. "Paterson" ist ein langsamer, schön fotografierter Film, der die Poesie des Alltags feiert, die Poesie der vermeintlich unwichtigen Dinge. Und der unmittelbar einen meditativen Sog entwickelt, dem zu widerstehen, kaum ein Arthouse-affiner Kinobesucher in der Lage sein dürfte.

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