Paradies

RUS/D 2016

Olga in der Hölle namens KZ

Im Drama kreuzen sich im WK-II die Pfade einer russischen Widerstandskämpferin, eines Kollaborateurs und eines deutschen SS-Offiziers.

Der in Schwarz-Weiß gedrehte Film lässt die Drei zwischen langen Spielsequenzen mehrfach direkt in die Kamera von sich erzählen. Schon allein das bewirkt eine große Intensität. Dazu packen die Schicksalswege der Protagonisten das Publikum mit Spannung, durch die formale Originalität der Inszenierung und dank philosophischer Tiefe.

Im Mittelpunkt steht Olga. Die selbstbewusste Exil-Russin arbeitet für den französischen Widerstand. Sie wird verraten und kommt ins Gefängnis. Dort verspricht ihr der mit den Nazis kollaborierende französische Polizist Jules Hilfe, wenn sie ihm sexuell dient. Doch der perfide Plan geht nicht auf. Olga wird in ein Vernichtungslager verschleppt, wo sie Helmuth trifft. Der SS-Mann hatte sich vor dem Krieg in sie verliebt. Wird ihr dieser angebliche Schöngeist, für den die Literatur Anton Tschechows das Höchste ist, helfen? Oder verrät er Olga an den Wahn der Nazi-Ideologie? Die Antworten, die der Film gibt, sind grundsätzliche Fragen dazu, was Menschlichkeit ausmacht und wie leicht sie zerstört werden kann.

Ganz langsam werden die Motive der Protagonisten, dies zu tun und jenes zu lassen, erhellt. Das Modellhafte der Situation vergisst man dabei als Zuschauer rasch. Denn mit bitterer Nüchternheit werden Mechanismen des Grauens deutlich. Dabei ist keiner der Drei nur gut oder nur böse - was dem wuchtigen Drama eine enorme Sogwirkung verleiht.

Der Film von Regisseur Andrej Kontschalowski erschrickt und verstört. Denn er zeigt, wie leicht es falsche Propheten haben und Menschen zur Unmenschlichkeit zu verführen. Am Ende ist da zwar auch Hoffnung, allerdings kleidet Kontschalowski das Finale in eine märchenhafte Überhöhung: Möglicherweise ist er skeptisch, wenn der Menschheit zugetraut wird, letztlich doch immer Verstand und Vernunft über alles zu stellen.

Beim Internationalen Filmfestival 2016 in Venedig bekam Andrej Kontschalowski, zu gleichen Teilen mit dem Spanier Amat Escalante ("La region salvaje"), einen Silbernen Löwen für die beste Regie. Damit wurde jedoch nicht allein sein formales Können ausgezeichnet. Geehrt wurde auch sein Vermögen, in die Historie mit Blick aufs Heute zu schauen.

Denn wenn Andrej Kontschalowski einen SS-Offizier von einem "deutschen Paradies auf Erden" schwafeln lässt, verweist er deutlich auf gegenwärtig virulente Muster ideologischer Verblendung. Dazu sagte er in Venedig, dass genau die Art des Hasses aus der Nazizeit heute wieder deutlich spürbar sei. Er verstehe seinen Film als Mahnung: "Denn dieser Hass bedroht die Sicherheit und das Leben unzähliger Menschen in aller Welt."

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