Nomadland

Drama, USA, Deutschland 2020

In TV und Kino finden: Frances McDormand, David Strathairn, Linda May, Chloé Zhao

Nomadland

Ein besonderer Film über moderne Nomaden in den USA – gestaltet von zwei besonderen Frauen (Chloé Zhao & Frances McDormand) und Abräumer von drei Oscars (Film, Regie, Hauptdarstellerin).

In Zeiten einer Krise liegt es nahe, in vielen Dingen plötzlich die eigene Situation wiederzuerkennen. Oft ist diese Projektion nicht ganz nachvollziehbar, aber es lässt sich nur schwer abstreiten, dass Nomadland ganz genau in die jetzige Zeit passt. Der Film der chinesischstämmigen Regisseurin Chloé Zhao dreht sich um die Witwe Fern (Frances McDormand), die mit ihrem Mann in einer Bergbaustadt in Nevada gelebt hat. Nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch der Stadt und dem Tod ihres Mannes beginnt sie ein Leben als Nomadin. All ihr Hab und Gut befindet sich in ihrem weißen Van, mit dem sie sich ohne ein klares Ziel vor Augen auf den Weg in ein neues Leben macht. Fortan lebt sie in diesem Van und nimmt die unterschiedlichsten Jobs an, beispielsweise das Verpacken von Waren in einem Amazon-Lager in der Vorweihnachtszeit. Ihr altes Leben lässt sie gezwungenermaßen hinter sich, lernt allerdings schnell neue Menschen kennen, die ein ähnliches Schicksal wie sie erfahren haben und ebenfalls als Nomaden leben. Genau wie wir alle während der Pandemie lebt Fern ein Leben in Abgeschiedenheit, das schnell einsam wirken kann. Der Film macht deutlich, wie wichtig gegenseitige Unterstützung und Fürsorge sind.

Der Rückhalt, den Fern in der Gemeinschaft der Nomaden erhält, ist ein zentrales Motiv des Films. Dieser Aspekt wirkt auch deshalb so stark, weil McDormand praktisch die einzige professionelle Schauspielerin des Films ist. Die übrigen Figuren sind Laiendarsteller*innen und spielen sich selbst. Beispielsweise Bob Wells, der tatsächlich seit mehreren Jahren in seinem Van lebt. McDormand verschwindet in ihrer Rolle und überstrahlt die übrigen Figuren in keinem Moment. Zhao und McDormand, die den Film auch produzierten, betrieben für das Projekt intensive Recherche, um den Film so glaubwürdig wie möglich im Milieu der modernen Nomaden zu verorten. Dafür lebten sie selbst für einige Zeit in ihren Autos und lernten die im Film gezeigten Nomad*innen kennen. Durch diesen Prozess ist Nomadland kein klassischer Spielfilm, sondern ein Hybrid aus Dokumentarfilm und Fiktion. Dieses Arbeitsweise wandte Zhao bereits bei ihren ersten beiden Filmen an, die ebenfalls semifiktionale Geschichten von Menschen am Rand der amerikanischen Gesellschaft erzählen.

Das Leben auf der Straße zeigt Nomadland aber nicht als letzten Ausweg für Menschen, die alles verloren haben. Ein Leben am Rand der Gesellschaft ist hier auch der Traum völliger Freiheit. Denn Fern wird zwar in das Nomaden-Leben gedrängt, entscheidet sich aber gleichzeitig bewusst und aktiv dafür. Immer wieder bieten sich ihr Möglichkeiten eines geordneteren und klassischen Lebens, die sie aber nicht mehr von ihrem neu gewählten Weg abbringen können. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Kraft der Natur, die Zhao wunderschön in Szene setzt. Die Wüsten und verlassenen Landschaften der zentralen USA werden hier zu einem Sehnsuchtsort, den die Hektik und das Konkurrenzdenken der heutigen Zeit noch nicht erreicht haben.

Der Film lässt sich durchaus als Kritik am amerikanischen Traum deuten. Denn Fern wird durch die Schließung ihrer Heimatstadt alles genommen. Die Idee einer funktionierenden Wirtschaft, die allen ein gutes Leben ermöglicht, ist vollkommen gescheitert. Umso bezeichnender, dass Fern ihre Arbeitskraft saisonal an Konzerne wie Amazon verkaufen muss. Zhao zeigt mit ihrem Film, dass die Ideale Amerikas, also Freiheit und Selbstbestimmung, nicht mehr innerhalb der vom Profit getriebenen Gesellschaft verwirklicht werden können. Wer ein freies Leben führen will, muss sich an ihren Rand begeben und außerhalb der vorgegebenen Muster denken.

Nomadland ist ein Film unserer Zeit, der durch großartige Bilder und eine herausragende Frances McDormand besticht. Die Regisseurin Chloé Zhao festigt mit ihm zudem ihren Status als eine der aufregendsten Filmemacherinnen der USA. In ihrem naturalistischen Stil erzählt sie Geschichten, in denen die Menschen nicht unabhängig von ihrer Umwelt leben können. Dabei gibt sie sich nie einem simplen Schwarz-Weiß-Denken hin, sondern zeigt feinfühlig die Widersprüche ihrer Figuren und unserer Vorstellungen vom Leben auf. Am Ende zwangsbeglückt sie das Publikum nicht mit einer Lehre, sondern fordert uns selbst zum Nachdenken auf. Ein Meisterwerk der jüngeren Filmgeschichte.

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