Neo Rauch - Gefährten und Begleiter

Dokumentation, D 2016

Neo Rauch spricht über seinen Zugang zur Kunst

Drei Jahre lang hat Filmemacherin Nicola Graef Rauch den Maler Neo Rauch mit der Kamera begleitet - in seinem Atelier und auf Vernissagen von New York bis Aschersleben im Harz. Sammler weltweit versuchen, die Sogkraft der Bilder Rauchs zu erklären. Doch erst der Künstler selbst eröffnet in der Doku "Neo Rauch - Gefährten und Begleiter" in sensiblen Interviews den Zugang zu seiner Welt.

"Eine penetrante Gefolgschaft sind sie", sagt Neo Rauch. Diese schlafwandlerischen Menschenwesen, die Augen halb geschlossen, einmal mit Insektenflügeln oder seltsamen Kappen, dann in grünen Ganzkörperanzügen und pinkfarbenen Cheerleader-Büscheln. "Diese Figuren begegnen mir auch nachts", sagt der weltweit gefragte Malerstar über die entrückten Figuren und surrealen Wesen, die seine Bilder bevölkern.

Wenn sie noch "widerspenstig" seien oder ihn gar verspotteten, "dann rütteln sie an meinem Bett. Sie lassen mich nicht schlafen." Sind die eigenen Figuren für Neo Rauch, den berühmtesten Protagonisten der "Neuen Leipziger Schule", etwa ein künstlerischer Albtraum? Eher sind sie wohl seine künstlerische Gefolgschaft, wenn man den Titel des Filmporträts "Neo Rauch - Gefährten und Begleiter" richtig versteht.

Mit vorsichtigen Fragen aus dem Off pirscht sich Regisseurin Graef an den zurückhaltenden Rauch heran und taut ihn auf. In langen Sequenzen folgt die Kamera den Bewegungen seiner groben Arbeitshandschuhe, in denen Rauch breite und ganz feine Pinsel hält. Immer trägt Rauch bei der Arbeit diese Handschuhe, so als wolle er keine Intimität zwischen sich und seinen gemalten Fantasiegefährten zulassen. Die Künstlerin Rosa Loy, seit 30 Jahren mit Rauch verheiratet, ist die sensible Kritikerin seiner Bilder mit den immer neuen und doch ähnlichen "Charakteren".

Drei Jahre hat Graef Rauch begleitet - in seinem Atelier in Leipzig und auf Vernissagen von New York bis nach Aschersleben im Harz, wo er als Kind bei seinen Großeltern aufwuchs. Bilder der Einsamkeit im Atelier wechseln sich ab mit Menschentrubel in der Galerie. "Wir warten immer fieberhaft, wenn Neo wieder so weit ist", sagt der New Yorker Stargalerist David Zwirner. "Er ist ein Superstar in Amerika." Rauch steht etwas verloren inmitten dieser Kunst-Schickeria.

Sammler in ihren schwergesicherten Häusern von Südkorea über Miami bis Italien zeigen "ihre" Rauch-Bilder und erklären die metaphorische Kraft mit der deutsch-deutschen Vergangenheit. Er wolle aber keinen "verschwitzten Realismus" malen, sagt Rauch. Als er anfing, habe das DDR-System schon in Agonie gelegen. Dennoch habe er noch die "Erwartungshaltung abgespeichert, dass Kunst als Waffe im gesellschaftlichen Kampf zu funktionieren hat".

Berührend wird der Film, als Rauch über die Katastrophe spricht, die ihn bis heute "schattiert": Seine jungen Eltern kamen 1960 bei einem Zugsunglück ums Leben, als Rauch vier Wochen alt war. Er wuchs in Aschersleben bei seinen Großeltern auf. Rauchs Eltern, die nur 19 und 21 Jahre alt wurden, waren Kunststudenten in Leipzig - wie später auch ihr Sohn.

In seinem neueren Ölgemälde "Stellwerk 2" versucht Rauch, dieses Trauma zu verarbeiten. Ein Mann mit groben Arbeiterhandschuhen hält einen erwachsenen Mann in Kindsgröße wie ein Baby in den Armen, eine Frau beobachtet die Szene. Wie ein Geist blickt ein Mann mit überhoher Stirn auf die Familie. Rauch überlegt lange. "Das ist vielleicht der Stellwerkmitarbeiter, der seinerzeit den verhängnisvollen Entschluss fasste und die falsche Weichenstellung vornahm", sagt er. "Das ist der Vierte im Bunde."

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