Nebel im August

Drama, D 2016

Ernst verliert das Vertrauen in Dr. Veithausen

Mehr als 200.000 behinderte und kranke Kinder und Erwachsene wurden zwischen 1939 und 1945 in deutschen Nervenkliniken getötet, weil die Nazis ihr Leben als "unwert" abtaten. Als Ernst Lossa mit gerade einmal 14 Jahren die Giftspritze erhielt, war er kerngesund - aber als "asozial" eingestuft. Der Film "Nebel im August" erzählt nun hoch aktuell und kraftvoll seine Geschichte.

Süddeutschland, Anfang der 40er-Jahre: Weil der Halbwaise Ernst Lossa (Ivo Pietzcker) von bisherigen Kinderheimen als "nicht erziehbar" eingestuft wurde, wird er in eine Nervenheilanstalt abgeschoben. "Ich gehör hier nicht hin", schreit Ernst, als er von Paul (Thomas Schubert) durch die Gänge gezerrt wird, "ich bin doch kein Idiot!" Der Anstaltsleiter Dr. Walter Veithausen (Sebastian Koch) erkennt in ihm einen brauchbaren, wenn auch aufmüpfigen Buben, der sich gut für die Feldarbeit eignet. Als sich die Hoffnung zerschlägt, sein Vater werde ihn bald abholen und in die USA mitnehmen, lebt sich Ernst ein und freundet sich mit anderen Kindern an, allen voran Nandl (Jule Hermann), die von epileptischen Anfällen geplagt ist.

Als Hausmeister-Gehilfe und baldiger Vertrauter der empathischen Krankenschwester Sophia (Fritzi Haberlandt) bekommt Ernst Einblick in das Geschehen in der Anstalt. Als er bemerkt, dass unter der Anweisung Veithausens Patienten getötet werden, leistet er Widerstand: Er stiehlt für abgemagerte Patienten Essen aus der Vorratskammer, verhindert, dass die stille Amelie den giftigen Himbeersaft trinkt und plant gemeinsam mit Nandl die Flucht. Doch die Zeit rennt - denn Veithausen verliert die Geduld mit dem Unruhestifter, der es als einziger wagt, ihn "Mörder" ins Gesicht zu nennen.

Jahrzehntelang war die NS-Euthanasie in Pflege- und Heilanstalten in Deutschland und Österreich Randnotiz bei der Aufarbeitung von NS-Verbrechen. Exemplarisch für die vielen Opfer ist Ernst Lossa, dessen Geschichte vom Psychiater Michael von Cranach erforscht und vom Journalisten Robert Domes im Tatsachenroman "Nebel im August" (2008) niedergeschrieben wurde. Der Sohn Jenischer, eines Wander-und Landfahrervolks, starb 1944 im Rahmen der "wilden Euthanasie" in Kaufbeurens Nebenanstalt Irrsee: Nachdem die Nazis das zentrale Euthanasie-Programm "Aktion T4" eingestellt hatten, wurden in den Kliniken selbst Menschen mit Gift oder Nahrungsentzug systematisch ermordet.

Anders als der Roman setzt die deutsch-österreichische Koproduktion unter der Regie von Kai Wessel nicht bei Lossas Geburt an, sondern fokussiert auf seine Zeit in der Anstalt und erzählt diese konsequent aus Kinderaugen: Ernsts anfängliche Angst äußert sich in Bildern, die an Psychiatrie-Klischees erinnern, in der Patienten lethargisch am Boden kriechen und schräge Laute von sich geben. Mit seiner fortschreitenden Zeit in der Klinik nimmt er seine Mitgefangenen liebevoller und die Leitung grausamer wahr.

All das ist nie pathetisch gestaltet und ist damit umso wirkungsvoller. Zusätzlich zu den nüchternen Szenen in der Anstalt findet Kameramann Hagen Bogdanski vielsagende, starke Bilder: Der Friedhof etwa misst eingangs nur ein kleines Feld und weitet sich bis zum Ende des Films auf die gesamte Wiese hinter der Anstalt aus; der Krieg ist in der Ferne am von Bomben orange gefärbten Horizont greifbar; und in einem Schlüsselmoment regnet es Fische von der Decke. Die obligatorische Klavieruntermalung beschränkt sich auf die wenigen kindlichen Momente der Freiheit, etwa wenn Ernst und Nandl im Garten zwischen aufgehängter Wäsche fangen spielen.

Der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten erst 12-jährige Ivo Pietzcker verkörpert Ernst Lossa als mutigen, aufmerksamen jungen Helden, der früh hinter die scheinbar charmante Fassade Veithausens blickt und Gegenschritte setzt. Sein Antagonist - kongenial ambivalent verkörpert von Koch - spricht von der "Erlösung" Chancenloser; die mordende Krankenschwester Edith Kiefer (Henriette Confurius) zieht gar makabre Vergleiche zu verletzten Rehkitzen im Wald, was einem den kalten Schauer über den Rücken jagt. Eindringlich, wenn auch nur wenige Minuten lang ist die einzige Szene von Karl Markovics als Ernsts Vater, als der sein Kind abholen will: Weil er Jenischer ist, sei Ernst ohnehin nicht sicher bei ihm, sagt Veithausen - und Markovics sind der drohende Horror und Tod, die Demütigung und Angst ins bereits eingefallene Gesicht geschrieben.

Die Verantwortlichen im Rassenwahn kamen nach Kriegsende übrigens mit milden Strafen davon - so auch der Kaufbeuren-Anstaltsleiter Valentin Faltlhauser, der als reales Vorbild für Kochs Figur dient. Reale Namen und Schauplätze wurden geändert und in eine exemplarische Situation komprimiert; die fiktive Figur Nandl steht für die wenigen, die das Programm überlebt haben. NS-Fahnen, die üblicherweise in historischen Filmen zuhauf im Bild wehen, sieht man hier keine: Man wolle die Zuseher auffordern, die Brücke ins Heute zu schlagen, meinte Koch im APA-Interview - wird die Frage, ob behindertes Leben weniger lebenswert ist, doch gerade im Zuge der Pränataldiagnostik und Spätabtreibung heftig in unserer Gesellschaft diskutiert.

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