Monsieur Chocolat

Drama, F 2016

"Chocolat" Rafael und Clown George feiern die ersten Erfolge

Omar Sy ist die große Neuentdeckung des französischen Kinos, bevorzugt besetzt in Komödien mit ernstem Hintergrund - ob in "Ziemlich beste Freunde" (2011) oder "Heute bin ich Samba" (2014). Auch Roschdy Zems "Monsieur Chocolat" schlägt auf den ersten Blick in diese Kerbe. Doch das Lachen bleibt einem beim Biopic über den ersten schwarzen Clown Frankreichs stets im Hals stecken.

Als wir Chocolat alias Rafael Padilla (Sy) Ende des 19. Jahrhunderts kennenlernen, verbreitet er Angst und Schrecken. In einem Wanderzirkus wird der aus der Sklaverei entflohene Kubaner an der Seite eines Schimpansen als primitiver Wilder vorgeführt. Während das Publikum beim Anblick des dunkelhäutigen Fremden zurückschreckt, sticht dem einst berühmten Clown George Footit (James Thiérrée) Rafaels Beweglichkeit und Körperbeherrschung ins Auge. Strauchelnd und auf der Suche nach etwas Neuem, engagiert er Rafael als Partner und verpasst ihm den Künstlernamen Chocolat.

Der erste gemeinsame Auftritt in der Manege irritiert die Besucher erst einmal - doch Georges improvisierter Tritt in Rafaels Gesäß ruft sofort Lacher hervor. Mit ihrer Weißer-Clown-und-dummer-August-Show werden sie zum Publikumsrenner, und als erstes Clown-Duo überhaupt bald an den renommierten Nouveau Cirque nach Paris engagiert. Doch der Ruhm bedroht nicht nur ihre Freundschaft, sondern ruft auch Feinde auf den Plan.

Denn Rafael mag als Chocolat zwar bejubelt werden - außerhalb des Zirkuszelts aber wird er nicht akzeptiert. An der Seite der Arztwitwe Marie (Clotilde Hesme) wird er schief angeschaut, wegen fehlender Papiere ins Gefängnis gesteckt. Er flüchtet sich in Alkohol, Drogen und Glücksspiel - und hofft, mit einer seriösen Theaterrolle endlich ernst genommen zu werden. Als erster Schwarzer will er den einzigen Schwarzen im Shakespeare-Kosmos spielen: Othello.

Rafael ist - man ahnt es - mit seinen Ambitionen zu früh dran, die weiße Gesellschaft von Rassismus und Fremdenhass durchzogen. 1917, mit nicht einmal 50 Jahren, stirbt der erste schwarze Bühnendarsteller Frankreichs verarmt an Tuberkulose. Nach einem Drehbuch von Cyril Gely hat der Regisseur und Schauspieler Roschdy Zem die berührende, wahre Lebensgeschichte mit konventionellen Mitteln inszeniert, inklusive authentischer Aufnahmen des historischen Paris und Rückblenden auf die Sklavenplantagen aus Rafaels Kindheit, in der sich schon sein Vater als Butler für reiche Weiße zum Affen machen musste.

"Monsieur Chocolat" lebt ganz von seinen beiden Hauptdarstellern und nicht zuletzt ihren lebhaften Slapstick-Szenen in der Manege. Wer allein deshalb bereits eine Komödie erwartet, irrt jedoch. Mit jeder erfolgreichen Pointe des Clown-Duos schwingt etwas Tragisches mit: Die Erniedrigung eines hoch talentierten Mannes, allein aufgrund seiner Hautfarbe. Omar Sy ist in dieser Rolle gelinde gesagt eine Wucht, trifft die leichten wie auch schweren Töne und bringt die immer größer werdende Frustration seiner Figur mit jeder Faser seines Körpers zum Ausdruck. Er stellt Rafael als nichtsdestotrotz lebensfrohen, wissbegierigen, akrobatisch wie komödiantisch talentierten Mann dar - mit einem tollen Lachen, das ansteckt, und einer Naivität, die ihm gefährlich wird.

Einen idealen Partner hat Sy in James Thiérrée, Enkel des großen Charlie Chaplin, dem der Schauspieler und Zirkusartist verblüffend ähnlich sieht. Drehbuchautor Gely gelingt eine ambivalente Figurenzeichnung, erscheint George doch nie vollends böse. Er hält Rafael mitunter betont klein und scheint abseits ihrer Show eifersüchtig auf dessen Anklang bei den Leuten zu sein. Der Film aber suggeriert, dass der verschlossene, angespannte Mann mit eigenen Dämonen und unterdrückten Wünschen zu kämpfen hatte.

Auch nach dem Abspann, der eine historische Filmaufnahme von Footit und Chocolat in der Manege zeigt, bleiben die beiden Figuren einem lange im Kopf. "Monsieur Chocolat" wirkt nach - als gerade in heutigen Zeiten wichtiges, mahnendes Zeugnis von Rassismus und Ausgrenzung, und als bewegendes Schicksal eines Mannes, der um Akzeptanz kämpft und scheitert.

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