Mitternachtskinder

Drama, CDN/GB 2012
Traumhafte Welt

Traumhafte Welt

Bei indischen Filmen denkt man an Bollywood, an eine Explosion an Farben, Klängen und kitschig-märchenhafter Geschichten, an einen Trommelwirbel von Ereignissen. Auch Deepa Mehtas verzaubernde Verfilmung von Salman Rushdies Bestseller "Mitternachtskinder" entführt in diese Welt - und doch in eine ganz andere.

Denn sie verwebt die wechselhafte Geschichte Indiens ebenso wie die Romanvorlage mit der persönlichen Geschichte eines einzelnen Buben, mal als symbolische Übereinstimmung, als fantastische Übertreibung und als düstere Vorahnung, immer aber als eine märchenhafte Erzählung aus einer anderen Welt. Schlag Mitternacht am 15. August 1947 (Rushdies Geburtsjahr) erlangt Indien die Unabhängigkeit von Großbritannien. Und Schlag Mitternacht "purzeln" zwei kleine Buben in Bombay in die Welt. Eine Krankenschwester spielt Schicksalsgöttin und vertauscht die beiden Babys, Saleem Sinai (Satya Bhabha), den unehelichen Sohn einer armen Hindu, und Shiva (Siddharth), das Kind einer reichen, traditionsbewussten muslimischen Familie. "Lass die Armen reich werden und die Reichen arm." Es ist der eigene revolutionäre Akt der Krankenschwester in den politisch unruhigen Zeiten. Unheilvoll wird sie das Leben der beiden als Kindermädchen des reichen Buben künftig verfolgen.

Denn so unterschiedlich die Leben der beiden Kinder sind, so eng sind sie doch miteinander verbunden. Denn wie alle Mitternachtskinder haben sie die Fähigkeit, die Gedanken anderer zu lesen. Voneinander getrennt sind sie doch zu Konkurrenz in Geist und Körper verbannt, denn Saleem hat als einziger die Gabe, per Telepathie alle Mitternachtskinder um sich zu versammeln. Die Entfaltung und Befreiung einer ganzen Nation scheint damit einher zu gehen.

Doch der Film beginnt wie der Roman viel früher, Anfang des Jahrhunderts in Kaschmir mit Saleems Großeltern, die in einer für heutige Zeiten grotesken Situation zueinander finden: Dort treffen der Arzt Aadam Aziz und die Tochter aus guten Haus Naseem durch ein Loch in einem Bettlaken zueinander, durch das der junge Arzt die schöne Frau untersuchen soll.

Fortan gehen die kleinen Geschichten der Familie Hand in Hand mit den historischen Entwicklungen des Subkontinents. So erzählt der Historiker und Autor Rushdie seinen 600 Seiten umfassenden Roman, so tut es die kanadisch-indische Regisseurin Deepa Mehta über mehr als zwei Stunden. Das ist kein leichtes Unterfangen für einen Film und ebenso wenig für den Zuschauer, der die Historie nicht mehr so parat hat.

Und doch taucht der Zuschauer genüsslich ein in diesen märchenhaft-orientalischen Kosmos, der so eng mit den politischen Umwälzungen im 20. Jahrhundert verwoben ist. Er folgt den Protagonisten, wie sie in einer neuen Welt umherirren und nach einer Heimat und einer Identität suchen. Das geschieht in großartigen Bildern. Der Romanvorlage des großen Epikers Rushdie, der auch das Drehbuch schrieb, wird das filmische Epos nicht immer gerecht. Und doch ruft es eine in den Hintergrund gerückte Geschichte ins Bewusstsein - und da darf es dann auch ein wenig Bollywood sein.

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