Lion

Drama, AUS/USA/GB 2016

Saroo sucht mittels Google Earth nach seiner Heimat

Große Emotionen nach einer wahren Geschichte: Inder geht als Bub verloren, wird adoptiert und sucht als Erwachsener seine Mutter.

Darum geht's in ‚Lion‘

Wenn Hollywood die Gefühlsklaviatur bedient, wird es schnell kitschig, und auch beim sechsfach oscarnominierten Lion wären alle Voraussetzungen für reichlich Gefühlsschmalz vorhanden. Die Geschichte hebt 1986 in der indischen Provinz an, wo der fünfjährige Saroo (Sunny Pawar) mit Mutter (Priyanka Bose) und Geschwistern in armen Verhältnissen lebt. Dass der Kleine mit seinem älteren Bruder Guddu etwas zum Familieneinkommen beiträgt, ist überlebenswichtig. So stehlen die beiden Kohlen von einem Güterzug und tauschen sie später gegen Milch ein. Als Guddu eines Abends zur Arbeit aufbrechen will, lässt er sich vom Gebettel seines Bruders erweichen und erlaubt Saroo, ihn zu begleiten. Damit nimmt das Schicksal seinen Lauf, denn auf einem Bahnhof werden die zwei getrennt, Saroo schläft in einem leeren Zug ein und kann diesen nicht mehr verlassen, ehe er im 1.600 km weit entfernten Kalkutta einfährt. Für den Buben ist die Millionenmetropole ein Albtraum, vor allem, weil dort fast keiner Hindi wie er spricht.

Zwei Monate streicht er durch die Straßen der Riesenstadt, ehe er über Umwege in einem Waisenhaus landet - und schließlich 1987 vom gut situierten australischen Paar John und Sue Brierley (Nicole Kidman, David Wenham) adoptiert wird. 20 Jahre später: Aus Saroo ist ein junger Mann (jetzt Dev Patel) geworden, der nur optisch nicht als typischer "Aussie" durchgeht und eine Schule für Hotelmanagement in Melbourne besuchen möchte. Dort lernt er die hübsche Lucy (Rooney Mara) kennen, alles scheint eitel Wonne, bis eine Begegnung mit indischstämmigen Freunden ihn an seine Herkunft erinnert. Immer stärker wird nun der Drang, wissen zu wollen, was aus seiner Familie geworden ist. Er beginnt, zu recherchieren und via Google Earth nach seinem Heimatdorf zu suchen, entfremdet sich dabei aber zunehmend von seinen Adoptiveltern und Lucy...

Unsere Meinung zu ‚Lion‘

Die Story, die so schwer nach Hollywood riecht, ist eine wahre Geschichte, die der echte Saroo Brierley 2013 in Australien als Buch unter dem Titel A Long Way Home veröffenlichte. Der Australier Garth Davis teilt sein Spielfilmdebüt in zwei Hälften. Die erste Stunde gehört ganz den schicksalshaften Ereignissen, die der kleine Saroo in Indien erlebt. Dabei erweist sich der Newcomer Sunny Pawar mit seiner wunderbaren Natürlichkeit, seinen großen braunen Augen und seiner herzigen Stimme (die Sequenzen mit ihm sind in der deutschen Fassung untertitelt) als echter Glücksfall. Wenn der Bub im Zug um Hilfe schreit, sich seine Mama herbeiwünscht und später hilflos durch Kalkutta irrt, wird es eng in der Brust -und man greift nicht zum letzten Mal zum Taschentuch. Auch visuell beeindrucken die Szenen in Indien, obwohl sich Davis einer ganz anderen, ruhigeren Bildsprache bedient als etwa Danny Boyle in seinem grellbunten, achtfach oscargeadelten True-Story-Drama Slumdog Millionär (2008). Intensiv ist das Ganze trotzdem.

Die zweite Stunde dreht sich dann um den erwachsenen Saroo und konzentriert sich auf die Identitätskrise des jungen Mannes in Australien. Dev Patel (Slumdog Millionär, Best Exotic Marigold Hotel) macht seine Sache nicht schlecht und verleiht seiner inneren Zerrissenheit auch Ausdruck. Ob dafür eine Oscarnominierung gerechtfertigt ist, darf aber zumindest hinterfragt werden. Alles in allem ist diese zweite Filmhälfte etwas schwächer und konventioneller geraten. Nichts zu bemängeln gibt es dafür wieder einmal an der Performance der ebenfalls oscarnominierten Nicole Kidman (zu Beginn mit schlimmer 80er-Kurzhaardauerwelle). Dank Kidmans nuancierten Spiels nimmt man Sue in jeder Sekunde ihre wechselnden Gefühlszustände ab. Wenig verwunderlich, war doch diese Rolle für die zweifache Adoptivmutter eine Herzensangelegenheit.

Dass Lion (der Titel wird erst im Nachspann erklärt) angesichts der emotionalen Achterbahnfahrt, die seine Protagonisten zu bewältigen haben, nicht in Pathos und Kitsch ertrinkt, ist einerseits der einfühlsamen Regie zu verdanken, die nicht noch zusätzlich aufs emotionale Gas drückt, andererseits der "Echtheit" der Geschichte geschuldet. Auch positiv: Die problematischen Aspekte internationaler Adoptionen werden in Person von Saroos indischem Adoptivbruder Mantosh (Divian Ladwa), der in der neuen Heimat nie zurechtkommt, zumindest angerissen.

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