Life, Animated

Dokumentation/Drama, USA 2016

Autist Owen Suskind erlebt die Welt durch Disney-Zeichentrickfilme

In Roger Ross Williams' berührender Doku "Life, Animated" erlebt Owen Suskind die Welt durch Disney-Zeichentrickfilme. Sein Leben aber ist kein Märchen: Owen ist ein junger US-Amerikaner mit Autismus, der gelernt hat, durch Filme wie "Dumbo" und "Aladdin" mit seiner Umwelt zu kommunizieren. Das Werk war heuer als bester Dokumentarfilm für einen Oscar nominiert.

Im Alter von etwa drei Jahren begann Owen, ein aufgewecktes Kind, sich in sich selbst zurückzuziehen. Fast über Nacht brach seine gesamte Persönlichkeit zusammen. Er verlor motorische Fähigkeiten sowie Sprache. Die Diagnose der Ärzte lautete Autismus, die mit der Warnung an die Eltern kam, dass Owen womöglich nie wieder sprechen würde. Aber eines Tages, als Owen den Disney-Film "Arielle, die Meerjungfrau" anschaute, versuchte er, den Dialog der Meerhexe Ursula zu imitieren. Der nächste Schub kam fast vier Jahre später. Auf der Geburtstagsfeier seines älteren Bruders stellte Owen fest: "Walter will nicht erwachsen werden - genauso wie Mogli oder Peter Pan."

Angesichts der Tatsache, dass Disney-Filme eine breite emotionale Wirkung haben, mit klaren Helden, Schurken und Moralvorstellungen, waren sie ein perfektes Instrument für Owen, seine Gefühle und Erfahrungen zu verarbeiten und auszudrücken. Auch heute noch. Wenn Owens Leben auf eine gewisse Art und Weise schwierig wird und seine Mutter ihn allein zurücklässt, kann er sich vor "Bambi" setzen und die Welt wird ein wenig klarer.

Auf der Grundlage des gleichnamigen Buchs von Owens Vater, dem US-amerikanischen Journalisten und Pulitzerpreisträger Ron Suskind, begleitet der Dokumentarfilm nun Owen, der sich im Alter von 23 Jahren (heute ist er 26) zum ersten Mal selbstständig machen will. Er wird in eine eigene Wohnung in einer betreuten Wohngemeinschaft umziehen. Aus ihm ist ein fröhlicher und energischer junger Mann geworden. Er hat eine Freundin und hat gerade die Sonderschule abgeschlossen, wo er einen Disney-Club gegründet hat. Er strahlt, wenn er für andere junge Menschen mit Autismus den "König der Löwen" darbietet. Wie viel in Bezug auf die menschliche Existenz kann man aus Disney-Filmen lernen? Eine ganze Menge, wenn man sich Owen Suskind ansieht.

Doch das Verlassen des Elternhauses stellt eine größere Herausforderung für ihn da. Die Welt ist nicht immer so einfach gestrickt wie in Zeichentrickfilmen. "Warum ist das Leben so voller unfairer Schmerzen und Tragödie?", will er von seiner Mutter an einer herzzerreißenden Stelle wissen. Es gibt gewisse Dinge, die ein Disney-Film nicht erklären kann. Das weiß auch sein älterer Bruder Walter, der liebevoll versucht, Owen an das Thema Sex heranzubringen, weil Disney romantische Beziehungen mit einem Kuss am Filmende vereinfacht. In einem der putzigsten Momente schlägt Walter vorsichtig vor, dass Owen doch einmal versuchen sollte, seine Freundin mit mehr als nur seinen Lippen zu küssen.

Filmausschnitte gibt es en gros, mit freundlicher Genehmigung aus dem Hause Disney. Regisseur Roger Ross Williams ("God Loves Uganda") webt auch alte Heimvideos in die Erzählung mit ein und neue animierte Skizzen, die von einem Team französischer Animatoren erstellt wurden. Sie erzählen Geschichten, die Owen über sich selbst geschrieben hat. Als Kind schuf er ein ganzes Universum, das er "Das Land der verlorenen Sidekicks" nannte. Sie basieren auf dem Bild, das Owen von sich selbst im Kopf hat: Dass er immer nur "Kumpel" sein wird wie Jago, der schrullige Papagei an der Seite von Aladdin, und niemals ein Held im traditionellen Sinne.

Abgesehen von dieser schmerzlichen Erfahrung und vereinzelten harten Lebenslektionen, ist "Life, Animated" eine zutiefst erbauliche Hommage an einen bemerkenswerten jungen Mann, seine liebevolle Familie und die fabelhafte Kraft des Kinos. Disney selbst hätte es nicht besser machen können.

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