Kill Billy

Komödie/Drama, N 2014

Eigentlich wollte Harold nur den IKEA-Boss kidnappen

Die Prämisse der schwarzhumorigen Tragikomödie "Kill Billy" ist wunderbar skurril - und ein gefundenes Fressen für Feinde der uniformen Wohnungseinrichtung: Weil die nebenan eröffnete Ikea-Filiale den Norweger Harold zur Schließung seines Möbelgeschäfts zwingt, beschließt der Mittsechziger, aus Rache den Ikea-Gründer Ingvar Kamprad zu entführen.

In den ersten Filmminuten rast sie vorbei, die Zeit. Heimvideo-Aufnahmen zeigen die Stationen in Harolds (Bjorn Sundquist) erfülltem Leben: Die Hochzeit mit Marny, die Geburt des Sohnes Jan, die Eröffnung des gemeinsamen Möbelgeschäfts "Lunde Furniture". Mehr als 40 Jahre hat Harold hier gearbeitet, "die Hälfte aller Häuser" in der norwegischen Kleinstadt Åsane eingerichtet. Doch dann eröffnet eine riesige Filiale des Möbelhändlers Ikea nur wenige Hunderte Meter entfernt. Harold schlittert in den Konkurs, verliert sein Geschäft, sein Haus - und kurz darauf auch seine demente Frau.

Mit dem entfremdeten Sohn ohnehin meilenweit entfernt, beschließt Harold, seinem Leben ein Ende zu setzen. Als auch der Selbstmordversuch misslingt, packt ihn die Wut - und der Schuldige seiner Misere ist schnell identifiziert: "Dieser Ikea-Fuzzi hat uns zerstört", sagt er. Und will den greisen Ikea-Gründer und Milliardär Ingvar Kamprad (Björn Granath) entführen. Mithilfe der 16-jährigen Ebba (Fanny Ketter), die Harold am Weg nach Schweden aufliest, geht der wenig ausgefeilte Plan tatsächlich auf. Doch Kamprad weigert sich, vor laufender Kamera einzugestehen, dass er "nur wertlosen Schrott" verkauft. Und auch sonst läuft nicht alles so, wie geplant...

Der irrwitzigen Geschichte liegt die Novelle "Tomorrow is Monday" (2012) des Romanciers Frode Grytten zugrunde. Der norwegische Regisseur Gunnar Vikene bringt sie - wie für skandinavische Komödien üblich - wunderbar lakonisch und schwarzhumorig sowie mit ruhigen Bildern und viel Liebe zum Detail auf die Leinwand. Und verpasst ihr einen Titel, der sowohl auf Quentin Tarantinos Rachestory "Kill Bill" als auch auf das weltweit erfolgreichste Möbelstück, das Ikea-Regalystem "Billy", anspielt.

Auch sonst strotzt "Kill Billy" vor Seitenhieben auf jenes Möbelhaus, das für viele zum Symbol einer konsumgetriebenen Wegwerfgesellschaft geworden ist - bis hin zum Untertitel, der den Unternehmensslogan "Wohnst du noch oder lebst du schon" in "Lebst du noch, oder war's das schon?" umwandelt. Wunderbar ist der Schlagabtausch zwischen dem Idealisten Harold und dem Imperiengründer Kamprad. Die Filmfigur ist laut Presseheft an die "Medienversion" Kamprads angelehnt, präsentiert sich der doch inmitten von Skandalen stets als sparsamer Möbelhändler aus der Provinz.

Hinter Konsumkritik und irrwitziger Story verbirgt sich eine äußerst kluge und sensible Studie eines alten Mannes in der Krise: Mit Ehefrau und Job verliert Harold alles, wodurch er sich sein Leben lang definiert hat. So erzählt "Kill Billy" einfühlsam von der Suche nach dem eigenen Platz auf der Welt, dem Mit-sich-ins-Reine-kommen, wenn das bisher Bekannte wegfällt, und der Notwendigkeit, darüber lachen, weinen oder auch fluchen zu können. Bjorn Sundquist verkörpert Harold als stolzen, wortkargen, humorlosen, aber bewundernswert entschlossenen Mann, der durch Verzweiflungstaten wieder zurück ins Leben findet. Ein wunderbarer Film, der unterhält wie auch berührt.

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