Kairo 678

Drama, ET 2010 Kairo 678

In Ägypten tabuisiert, im Ausland lang ignoriert: In dem Land, in dem nach Tunesien, vor gut einem Jahr der Arabische Frühling ausbrach, gehören nach Angaben von vielen Frauen sexuelle Belästigung und Gewalt zum Alltag. Fast dokumentarisch befasst sich der ägyptische Drehbuchautor Mohamed Diab in seinem bereits mehrfach ausgezeichneten Regiedebüt "Kairo 678" mit dieser Problematik.

Drei Frauen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, die ein Schicksal teilen: Sie sind Opfer sexueller Gewalt geworden und setzen sich zur Wehr - und das mit sehr unterschiedlichen Mitteln; die eine greift zu ihrer spitzen Kopftuchnadel, die andere zieht vor Gericht, die dritte versucht anderen Frauen in Seminaren Gegenwehr beizubringen.

678, das ist die Buslinie, die Fayza (Bushra) täglich nimmt, um zur Arbeit zu kommen - und um immer wieder von Männern im dichten Gedränge begrapscht zu werden. Ihren Mann mag sie da schon gar nicht mehr an sich heranlassen, er sucht sich andere Wege. Seba (Nelly Karim), eine Künstlerin der Upper Class, wurde vor Jahren von einem Mob in der Menge vergewaltigt. Ihr Mann kommt über die Schmach nicht hinweg, kann seine eigene Abscheu nicht überwinden. Die Ehe scheitert. Und die junge Telefonistin und begabte Comedian Nelly (Nahed El Sebai) muss täglich anzügliche Bemerkungen über sich ergehen lassen. Auf der Straße entkommt sie nur knapp ihrem Peiniger. Sie wird die erste Frau sein, die gegen einen Mann wegen sexueller Belästigung vor Gericht zieht, gegen den Willen ihrer zukünftigen Schwiegereltern.

Erst als die südafrikanische Journalistin Lara Logan im Februar vergangenen Jahres auf dem Tahrir-Platz von einer ganzen Horde von Männern abgedrängt und Opfer sexueller Gewalt wurde, horchte ein größeres Publikum auf. Da hatte Mohamed Diab sein Regiedebüt "Kairo 678" in Kairo längst gedreht.

Mohamed Diab gelingt es in seinem Film sehr komplexe Charaktere zu zeichnen, von realen Biografien inspiriert, und lässt auch die Männer dieser Gesellschaft nicht aus. Er malt kein schwarz-weißes Bild, sondern zeigt stattdessen sehr differenziert auf, wie gebrochen und zerrissen diese Gesellschaft ist und bedient sich dabei teils geschickter Erzähltechniken. Kein leichter Stoff, aber sehr aktuell und unbedingt sehenswert.

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